Tyrions Glosse

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Tyrion
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Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Montag 23. Juli 2018, 19:22

Textwunder! – Von Lotusblüten, Flieder und anderen lyrischen Unfällen deutscher Schlager

Man ist ihnen schutzlos ausgeliefert. Allüberall diese Störgeräusche! Nur mal eben durch das Kaufhaus oder ins Schuhgeschäft und es dröhnt einem entgegen: „Lieber auf Wolke vier mit dir als unten wieder ganz allein“. Offensichtlich scheine ich einer von nur sehr wenigen Menschen zu sein, die beim Hören dieser Textzeilen denken, ein Hörsturz wäre nicht in allen Lebenslagen von Nachteil. Und vor allem frage ich mich, wer um alles in der Welt wieder den Schimpansen an die Schreibmaschine gelassen hat, mit dem die deutschsprachigen Liedtexte verfasst werden, die man dann nonstop alle vier Minuten vom Radiofoltergerät auf das akustische Sinnesorgan geprügelt bekommt? Lassen wir uns doch mal diesen Liedtext vom Anfang noch einmal auf der Zunge zergehen: „Lieber auf Wolke vier mit dir als unten wieder ganz allein“. Dieser Satz ist – ganz im Gegensatz zur öffentlichen Meinung – keine Liebeserklärung. Er ist eigentlich eine Frechheit, für die der Absender einen Klassiker der weiblichen Erbostheit zu spüren bekommen müsste: ein Glas Wasser voll ins Gesicht. Es schadet auch nicht, wenn das Glas noch mit dran ist. Philipp Dittberner heißt der Charmeur, der in Wirklichkeit nämlich sagt: „Bevor ich so gar nichts finde, nehme ich halt dich. Ist zwar nicht wirklich schön, aber manchmal muss man halt nehmen, was man kriegen kann“. Mit anderen Worten: Hier umgarnt das Lyrische Ich seine Notlösung. Hach, der Mann weiß halt, was Frauen wollen.

Apropos weiß (für dieses Wortspiel komme ich in die Hölle): Wincent Weiss ist ein weiterer Vertreter der männlichen deutschen Singer-Songwriter, wie man sie heute nennt. Rauf und runter wird man von ihnen im Radio vollgejammert. Der eine braucht „frische Luft“ (Mach einfach das Fenster auf, Junge!), der andere (Max Giesinger) macht sich selbst kirre, weil die Nachbarin nur manchmal grüßt und er nicht weiß, ob das etwas zu bedeuten hat (Nein, hat es nicht). In dem Lied „Roulette“ deutet wirklich gar nichts darauf hin, dass die Frau auch nur irgendwas mit Herrn Giesinger im Schilde führt. „Es war zufällig, dass sie nebenan eingezogen ist und ihre Wohnung auch ganz oben ist bei mir“ – Ja, mein Gott! Die Wohnung war halt frei und sie ist eingezogen. Wieso soll das ein Zeichen dafür sein, dass sie ein Spiel mit ihm spielt? Wäre dort Oma Erna eingezogen, welche Gedanken wären ihm dann wohl durch den Kopf gegangen? Man möchte es gar nicht wissen.. Die anderen weinerlichen Wasserleichen, die derzeit schwer angesagt sind, heißen Mark Forster, Tim Bendzko, Clueso oder Joris. Johannes Oerding möchte ich an dieser Stelle einmal ausklammern. Der ist mit Ina Müller liiert. Das ist genug der Strafe. International funktioniert das Prinzip der hilfsbedürftigen jungen Männer übrigens auch. Man nennt es das Ed-Sheeran-Modell. Sie möchten am liebsten einmal in den Arm genommen werden und ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Aber müssen sie damit uns allen auf den Geist gehen? Justin Bieber ist ein weiterer internationaler Vertreter dieser Zunft. Wenn man zu gute Laune hat, muss man sich nur die Musik dieser Typen anhören – schon geht die Stimmung in den Keller.

Interessanterweise stieß ich vor kurzem auf ein Interview, in dem die „neue deutsche Weinerlichkeit“ thematisiert wird. Im Göttinger Tageblatt (Onlineausgabe vom 02.05.2018) wurde ein deutscher Musiker dazu befragt und ihm missfällt, dass es heutzutage kaum noch einen Unterschied zwischen Rock und Schlager gibt. Alles sei gleich, sagt er da. „Ich kriege nicht viel mit, aber das, was ich mitkriege, erscheint mir schon sehr mutlos und uneckig“. Ja, da hat er recht! Sagt dann aber: „Und es ist eine seltsame Situation, dass wir alten Säcke den jungen Leuten erklären müssen, wie ‚wild‘ geht“. Der Interviewte heißt Heinz Rudolf Kunze und ist 61 Jahre alt. Okay, er hat ja gerade ein neues Album herausgebracht („Schöne Grüße vom Schicksal“). Dann höre ich doch mal rein, wie er Max Giesinger nun zeigt, wie wilder Rock so funktioniert! Der erste Schocker nennt sich „Ich sag’s dir gern tausendmal“ und verspricht schon gleich zu Beginn nicht zu viel. Nach einem kurzen Intro der Heavy-Metal-Streicher, fängt Kunze leider an zu singen: „Es macht mir Freude zu wiederholen“. Logisch, denn die Zielgruppe des 61-jährigen ist mittlerweile nicht mehr nur im Herbst, sondern im tiefsten Winter ihres Lebens angekommen. Da muss man die Dinge schon mal öfter sagen und das wird er im Lied auch noch ein paar Mal tun. Aber bleiben wir zunächst in der lyrischen Reihenfolge. Es schließt eine herrliche Phrase an, die möchtegern-intellektuelle Liedermacher oft verwenden: „Es kommt geschlichen auf verstohlen leisen Sohlen“. Der Ursprung dieses Satzes basiert auf Shakespeare. Das Originalzitat stammt aus Macbeth und lautet: „Ein Jucken spür‘ ich, ganz verstohlen. Das Böse kommt auf leisen Sohlen“. Leider geht es aber noch weiter (also bei Kunze): „Ich werd‘ nicht müde zu betonen, ich möchte ohne dich in keinem Himmel wohnen“. Das dürfte sich nach diesem Welthit auch erledigt haben. Aber hey, Heinz Rudolf, echte Rocker kommen doch eh nicht in den Himmel, oder? „Du gibst mir Sonne, du gibst mir Schatten“. Vor allem Schatten haben wir in dem dreiminütigen Stück reichlich. Der Refrain beinhaltet einen Satz, den er wohl noch aus dem Medizinstudium hat: „Ich sag’s nicht einmal, ich sag’s nicht zweimal. Ich sag es tausendmal, wenn’s sein muss. Es ist dein Herz, in das ich rein muss“. Es scheint ihm da auch völlig wumpe, ob die besungene Dame das auch möchte. Er MUSS da einfach rein. Fragt sich nur, was er davon hat? Aus seinem wohl bekanntestem Liedgut („Dein ist mein ganzes Herz“) weiß man ja, dass hier ein kleiner Kardio-Fetischist am Werk ist. Dieses Lied fand ich früher immer merkwürdig, weil ich eine Textstelle völlig falsch verstanden habe. Statt „Wir werden wie Riesen sein“ hörte ich als Kind immer „Wir werden beniesen sein“. Da habe ich mich schon gefragt, wieso es Heinz Rudolf Kunze für erstrebenswert hält, angerotzt zu werden? Aber zurück zum Tausendmal-Wiederholer! Denn nun urteilt er selbst über sein Werk: „Das ist vielleicht total banal“. Ja. „Unruhig schare ich mit meinen Hufen“ – ganz ruhig, Beelzebub! „Ich überspringe 25 Treppenstufen“. Das kennt man. Wenn man zu viel Schlagermusik hört, kann man es nüchtern einfach nicht mehr aushalten. Stockbesoffen versucht man eine Etage nach unten zu gehen und schon hat man 25 Treppenstufen auf einmal geschafft. Sollte man mit dem Kopf zuerst aufschlagen, könnte einem folgende Textstelle in den nicht mehr vorhandenen Sinn kommen: „Ich sag es tausendmal und wieder, du bist mein Frühling und mein Flieder“. Hm, irgendwas habe ich falsch gemacht als ich für meinen Gedichtband „Reime, die die Welt nicht braucht“ schrieb „Du bist mein Herbst und meine Distel. So angenehm wie eine Fistel“. Während Kunze singt „Ich habe keine andere Wahl“, fällt mir auf, dass ich diese ja schon habe und beende dieses Lied an der Stelle. Er wiederholt zum Ende hin noch ein paar Mal, dass er alles tausendmal sagt. Das nervt natürlich, wenn sich jemand ständig wiederholt. Das nervt natürlich, wenn sich jemand ständig wiederholt.

Es ist ja nicht nur dieses Lied, das der Altrocker live im besten Vollplayback von sich gibt, was einen an dieser Darbietung stört. Es ist einfach die Erscheinung Heinz Rudolf Kunze. Gern gibt er auf völlig humorbefreite Art und Weise den politischen Aufklärer, der sich selbst viel zu wichtig nimmt. Der Osten hatte Wolf Biermann, der Westen Heinz Rudolf Kunze. Er ist der nervige Onkel, den man eigentlich nicht bei einem Familienfest dabei haben möchte, weil er frei von Selbstironie mit seiner gewollt mahnenden Art jegliche Stimmung kaputt macht. Aus Höflichkeit lädt man ihn aber dennoch ein und bereut es sofort. Der Journalist vom Göttinger Tageblatt macht im Interview eine Bemerkung, die viel über das Lied, das ich hier zu Ehren getragen habe, aussagt: „Das könnte von Helene Fischer gecovert werden“. Soll heißen: So beliebige Rumschleim-Sülze kann eigentlich nur die blonde Schlagertrulla, die ihren größten Erfolg im Mai 2017 im Berliner Olympiastadion während der Halbzeit des Fußballpokalfinals hatte. Fußballfans sind ja nicht immer ein Vorbild, aber hier muss ich sie mal ausdrücklich loben! Während der 15 Minuten, die Birne Helene hatte, während das Spiel in der Pause war, zeigten die 75.000 Menschen im Stadion recht eindeutig, was sie von ihrer Musik hielten. Es war für die Tonregie nicht so einfach noch etwas von der „Musik“ rüberzubringen. Die Pfiffe waren einfach viel zu laut. Als Schlagersänger hat man es aber auch nicht einfach. Normalerweise tritt man ja vor halbtotem Publikum auf, das im völlig falschen Rhythmus mitklatscht. Sportfans jubilieren offenbar mit dem Mund. Vielleicht war aber auch einfach nur eine Hand frei, weil man mit der anderen Bier oder Bratwurst halten musste und deswegen nicht klatschen konnte. Helene Fischer scheint aber masochistisch angehaucht zu sein, denn am Ende ihrer Vorstellung bedankte sie sich noch artig beim Publikum. Schade, ich hatte mir das eher so gewünscht, wie es einst Zlatko Trpkovski gemacht hat. Ja, das ist der Big-Brother-Zlatko, der noch nie von Shakespeare gehört hatte. Als er beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2001 antrat und vom Publikum ausgepfiffen wurde, entgegnete „Sladdi“: „Vielen herzlichen Dank, ihr Fotzköpfe“. Das hätte ich mir von Helene Fischer auch mal gewünscht!

So, nun aber genug aufgeregt. Jetzt ist gute Laune angesagt! Und welche Schlagercombo garantiert Stimmung, super Texte und schöne Melodien? Keine. Zum Schmunzeln regen aber die Flippers an. Das ist zwar schon von denen so gewollt, aber wohl nicht in dem Sinne, wie es bei mir ankommt. Wo fängt man bei den drei Hardrock-Giganten bloß an? Als ich für diesen Text recherchiert habe, wurde mir dankenswerter Weise das Lied „Das ganze Leben ist eine Wundertüte“ vorgeschlagen. Nicht nur das Lied an sich sondern gleich noch ein Musikvideo bekam ich zu sehen. Die Flippers laufen dort an einem Strand entlang und tragen Hemden, für die es in der Modesprache das Wort „mutig“ gibt. Also es sind ganz grässliche Hawaii-Hemden. Zwischendrin werden immer wieder Delfine gezeigt, die total freiwillig Kunststückchen in einem riiiieeeesigen Schwimmbecken vorführen. Immer, wenn die Delfine aus dem Wasser springen und wieder eintauchen, wird ein künstliches „Platsch“-Geräusch eingespielt. Noch schlimmer ist nur die Tatsache, dass für die Frisuren der Boygroup drei Pudel ihr Leben lassen mussten. Soweit das Grauen.. äh.. die Szenerie. Also die Flippers laufen lustig am menschenleeren Strand entlang (wahrscheinlich sind alle geflohen, als sie anfingen zu singen) und fröhliche Musik ertönt. Der Text offenbart, dass es gar nicht gut um die Herren steht: „Gestern fing der Tag gut an, denn der Brief kam von der Bank. Wegen Reichtum Konto voll, aber leider nur im Soll. Ja, das war der neuste Stand“. Die sind also pleite. Jetzt weiß ich auch, warum in einem anderen Video der Flippers plötzlich eingeblendet wird „CDs und DVDs bitte KAUFEN. DANKE“. Wir sollten sie mit Geld zuschütten, damit sie nicht mehr singen müssen. Hilft aber beim „Wundertüten-Lied“ nicht mehr. Den Zweitjob haben sie nämlich auch verloren: „Dann fahr ich in mein Büro und mein Chef, der sagt ‚Hallo‘. Mit den Worten ‚Tut mir leid!‘ hält er die Kündigung bereit und wünscht mir einen guten Tag“. Auf den letzten Satz hätte der Sänger ja reagieren können, wie es der ehemalige Fußballspieler Stefan Effenberg getan hat. Der soll bei einer Polizeikontrolle dem Beamten auf „Einen schönen Tag noch“ mit „Schönes Arschloch“ entgegnet haben. Das wäre für die Flippers aber wohl zu soft. Tja, pleite sein und keinen Job mehr haben ist eine ungünstige Kombination. Da kann man mit dem Schicksal schon mal hadern. Aber Die Flippers wissen einen Rat, der schlagartig ALLES ändert, denn: „[…] als Kind hat meine Mutter mir gesagt: Das ganze Leben ist eine Wundertüte, denn was drin ist, weißt du nicht, deshalb nimm es, wie es ist“. Und schon laufen die drei wieder lustig tanzend am Strand entlang. Der Tag wird aber noch besser: „Irgendwann fuhr ich nach Haus. Die Ampel vor mir ließ ich aus. Leider stand sie schon auf Rot, ich rief gerade noch ‚Idiot!‘, doch da hat’s auch schon geknallt. Tausend Scherben dicht vor mir, da stieg ein Mädchen aus der Tür. Als ich sie dann vor mir sah, war auf einmal sonnenklar, ich hab mich in sie verliebt“. So, habe das auch mal ausprobiert. Der große, schwere Typ mit Glatze und vielen Tätowierungen, dessen Auto ich zu Blech gefahren habe, wollte mir sehr weh tun. Aber ich sagte mir einfach „Das ganze Leben ist eine Wundertüte…“. Da wollte er mir noch mehr weh tun. Eigentlich wünsche ich mir mal, dass ich auf einer Beerdigung bin, auf der dieses Lied gespielt wird: „Onkel Heinzi hat sich für seinen Abschied dieses Lied gewünscht. Er hasste euch alle sehr“. Prädestiniert für eine Bombenentschärfung wären übrigens die letzten Zeilen des Refrains: „Das ganze Leben ist eine Wundertüte. Wenn du niemals was riskierst, wirst du sehen, dass nichts passiert. Wenn’s auch mal schief geht – ach du meine Güte – wird die Welt davon bestimmt nicht untergehen“. Alles halb so wild!

Das zweite Lied der Flippers, welches ich hier gern einmal lyrisch vorstellen möchte, ist ein inhaltlicher Schocker, der heute nach #metoo nicht mehr mehrheitsfähig sein dürfte. In „Bye bye, Belinda“ gibt sich der dauerpotente Altherrenverein die Ehre. Der Name Belinda wurde wahrscheinlich der Alliteration wegen gewählt. „Bye bye, Gertrud“ hätte sich auch komisch angehört. Das Lied beginnt mit folgenden Zeilen: „Rote Rosen, roter Wein, Kerzenlicht und Mondenschein, alles hab‘ ich schon probiert, doch leider ist noch nichts passiert“. Okay, wir wissen bereits jetzt, was Sache ist und wohin die Reise gehen soll. Aber es wird noch viel konkreter, damit auch wirklich der Letzte begreift, was gemeint ist: „Dieses Mädchen macht mich heiß, doch sie hat ein Herz aus Eis. Wenn die Sehnsucht dich verbrennt, sagt sie völlig ungehemmt immer nur denselben Spruch“. Scheiß, er wollte „Scheiß“ reimen. Heiß, Eis, Scheiß – so war die Reimfolge, nicht „Spruch“! Hören wir uns der Vollständigkeit halber an, welchen Spruch (Scheiß) denn Belinda von sich gibt: „Schatzi nein, lass das sein! Heute darf das noch nicht sein!“. Es tut schon sehr weh, dass hier „sein“ auf „sein“ gereimt wird, aber eines ist klar: Sie hat keinen Bock auf ihn. Kann man verstehen, sofern man nicht nekrophil ist. Doch der Flipper gibt nicht auf und nutzt jede sich bietende Gelegenheit: „Als wir zwei im Kino waren und der Film fing gerade an, Liebesschmerz und Trallala, doch wir zwei waren uns so nah“. Wieso „doch“? Ist man sich denn sonst nur bei Splatterfilmen nah und sucht bei Liebesfilmen die Distanz? Aber das nur am Rande. „Ich nahm meinen ganzen Mut und mir kochte schon das Blut“ – ja, in den Lenden, die Sau! „Da berührte ich ihr Knie, doch dann schrie sie wie noch nie ganz verzweifelt durch den Saal“. Kein Wunder! Wenn man in einem dunklen Kinosaal sitzt, sich einen Film anguckt und plötzlich die Krampfaderflosse einer Schlagermumie nach einem grapscht, dann ist die Reaktion von Belinda völlig logisch. Machen wir es kurz, er hat sein Ziel, Belinda ins Bett zu kriegen, nicht erreicht, denn nur das wollte er. Die Konsequenz folgt dann im Refrain: „Es ist Mitternacht und ich geh‘ nach Haus. Bye bye, Belinda! Hab‘ genug von dir, denn das Spiel ist aus. Bye bye, Belinda! Ich kenne keinen Mann, der länger warten kann“. Tauschen sich Männer über sowas aus? „Mein Rekord waren 4h32min, dann war aber allerhöchste Eisenbahn“. Gibt es auch so eine Rekordtafel mit Bild, wo drauf steht „Manni: hat 7 Stunden gebraucht, um bei Hildegard zu landen“. Woher weiß der Flipper das? Belinda hat jedenfalls alles richtig gemacht!

Abschließend die höchste Folterstufe. Das Lied „Lotusblume“ brennt sich leider sehr in die Rübe des Zuhörers. Da musste ich durch, da muss nun auch der Leser durch – nur habe ich mir das tatsächlich mehrfach angehört! Es sei vorneweg gesagt, dass wir uns in Japan befinden (obwohl Textstellen auch andere ostasiatische Länder zuließen). Ein Gong und eine traditionell japanische Melodie erklingen. Dazu der alles sagende Text „Woho woho woho woho“ – gefühlt 28 Mal. Dann die ersten menschlichen Wörter: „Roter Horizont am großen Fluss“. Krieg? Klingt sehr weit hergeholt. Die These wird aber durch die nächste Zeile gestützt: „Nur du und ich im Land des Lächelns“. Das Land wurde also bereits evakuiert. Das Land des Lächelns ist aber ursprünglich China. Dieser Begriff stammt nämlich aus der gleichnamigen Operette von Franz Lehár aus dem Jahr 1912 und es geht um eine deutsche Grafentochter, die sich in einen chinesischen Prinzen verliebt. Die Flippers meinen aber tatsächlich Japan, wie später deutlich wird. Also nur diese beiden sind zu diesem Zeitpunkt im Land. „[…] dein schwarzes Haar im Abendwind. Zärtlich hast du mein Herz verzaubert und es schlägt wie ein Schmetterling“. Ein Herz, das wie ein Schmetterling schlägt. Das wäre sehr bedenklich. Hört sich nach Kammerflimmern an. „Lotusblume hab‘ ich dich genannt als die rote Sonne in Japan versank“. In Hiroshima oder Nagasaki? Jetzt ist es doch wirklich eindeutig! Wir befinden uns in Japan am Ende des Zweiten Weltkrieges. Roter Horizont im Fluss, evakuiertes Gebiert, rote Sonne (Atompilz) – Katastrophentouristen hat es offensichtlich immer schon gegeben! Die Lotusblume ist hingegen aber wiederum ein Symbol, das man mehr mit China in Verbindung bringt, denn „Lotos“ klingt in der chinesischen Sprache (ich weiß, dass es mehrere gibt und Mandarin eigentlich die genauere Bezeichnung wäre) ähnlich wie „Liebe“ oder allgemein „die harmonische eheliche Verbundenheit“. Die rote Lotusblüte steht symbolisch übrigens für die Vagina. Typisch Flippers! Gerade Belinda in den Wind geschossen und schon in Asien wildern gehen. Unglaublich! „Rot wie Mohn war dein Mund“ hier lässt sich nur erahnen, was gleich traurige Gewissheit wird. „So wie ein Taifun kommst du zu mir“. Taifune zählen zu den schwersten Naturkatastrophen im Nordwestpazifik. Sie richten jährlich schwere Schäden mit hunderten Toten an. Schwere Überschwemmungen und Bergrutsche sind die Folge. So kam sie also zu ihm. Aber verdient hat er es, denn ihr roter Mund von eben scheint kein Zufall zu sein. Ihre Reaktion lässt auf schlimme Dinge deuten: „Wir drehen uns im Licht der Sterne, atemlos. Doch du schreist mich an, den Tränen nah“. Ich frage mich, ob das ein Umstand ist, den wir der Polizei mitteilen sollten? Roter Mund, atemlos, den Tränen nahe, Schreianfall! Wir erinnern uns, auch Belinda hat ja wegen den Flippers schon geschrien. Lüsterne Triebtäter? Und warum erzählen sie das dann auch noch? Das erinnert ein wenig an den Hitchcock-Klassiker „Cocktail für eine Leiche“, in dem zwei junge Männer das perfekte Verbrechen begehen und einer der beiden zunächst unterschwellig und dann zunehmend deutlicher den anderen Figuren in diesem Kammerstück verklickert, auf welch raffinierte Art er jemanden umgebracht hat. Zu seiner Verwunderung wurde er von den anderen dafür nicht bewundert, sondern landete im Gefängnis. Die Flippers landen aber nicht im Knast, sondern enden nur mit den Zeilen „Woho woho woho woho“, die nochmal 72 Mal wiederholt werden.

Im Video von „Bye bye, Belinda“ wird der Text eingeblendet, von dem ich weiter oben schon berichtet hatte: „CDs und DVDs bitte KAUFEN. DANKE“. Zu den Flippers würde es aber wohl auch ganz gut passen, wenn im Merchandising-Katalog Viagra beworben würde. Ich finde es schon erschreckend, wenn ich überlege, dass meine Oma bei diesen Liedern mitschunkelt und -klatscht. Da braucht sich auch keiner dieser Generation mehr über die Texte irgendwelcher sexistischen Rapper beschweren. Das ist beides schlecht. Das gute bei den Rappern ist ja, dass sie das nicht unterschwellig machen, sondern geraderaus erzählen, wie ihr Welt- und ihr Frauenbild aussehen. Bei lustigen Melodien fällt sowas weniger auf. Das heißt aber nicht, dass es auch besser ist.

Das tat weh. Nach langer Recherche habe ich von Heinz Rudolf Kunze und den Flippers die Nase voll. Mittlerweile verspüre ich auch körperlichen Schmerz. Doch es gibt noch mehr deutsche Schlager, die so sehr nach einer eingehenden Analyse schreien, wie Belinda bei der Berührung durch einen von den Flippers. Fortsetzung folgt…
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Sonntag 29. Juli 2018, 00:45

Die Lust zu schweigen

Es gibt ungeschriebene Gesetze. Eines davon lautet, dass man sich im Wartezimmer einer Arztpraxis still zu verhalten hat. Diese Räumlichkeiten zählen wohl zu den ungeselligsten, die wir kennen. Das meine ich gar nicht negativ – im Gegenteil! Nie käme am Montagmorgen jemand auf die Idee, seinen besten Freund schon an der Tür zum Wartebereich lautstark mit den Worten zu begrüßen: „Eeeeyyy, Torben! Digga! Wat machst du ‘n‘ hier? Auch ‘nen gelben Schein holen vom Kurpfuscher?“. Torben tritt laut lachend und noch leicht lallend hinein, vorbei am runden Tisch, auf dem die Zeitschriften liegen (Auto.Motor.Sport, Für Sie, GEO Magazin – jeweils die vorletzte Ausgabe), greift jedoch (versehentlich) den Spiegel. In den blauen Zeitschriftenumschlägen sieht schließlich auch die Emma aus wie der Playboy. Unter lautem Gegröle hört man die Handflächen der sich Begrüßenden ineinander einschlagen. Die anderen invaliden Wartenden werden Zeugen des vorangegangenen Wochenendes der beiden Diskutanten… Ein solches Szenario tritt nie ein! Doch wieso agiert man nur dort derart pietätvoll, dass man akustisch außer dem schweren Atmen der Influenzapatienten fast nichts vernimmt? Möglicherweise, weil man annimmt, dass auch Freund Hein mit im Wartezimmer sitzt. Der ein oder andere ist möglicherweise auch schon mit der persönlichen natürlichen Selektion beschäftigt. Manchmal kann man es auch schon ein bisschen riechen.

In der Bahn passiert das genaue Gegenteil. Obwohl auch hier wildfremde Menschen in einem geschlossenen Raum zusammen warten, werden die Gepflogenheiten der Stille nicht eingehalten. Es stört mich dort auch weniger. Das liegt nicht daran, dass ich mich dann mit Stöpseln im Ohr abschotte. Ich nehme gern alle Dinge, die um mich herum geschehen, wahr. Mit Vorliebe lausche ich den Konversationen der Menschen, die hinter mir sitzen. Ich weiß teilweise noch nicht einmal, wie sie aussehen. Meiner Fantasie sind hier also keine Grenzen gesetzt. Es ist auch nicht so, dass ich diese Leute belausche. Sie reden derart laut, dass man eher Schwierigkeiten hat wegzuhören. Beim Aussteigen hat man dann beinahe das Gefühl, Onkel Fred und Nichte Lisa sehr gut zu kennen.

Zuhören ist ein schöner Zeitvertreib. Es setzt aber eines voraus: eigenes Schweigen. Ich war schon als Kind sehr ruhig und so hat ein Bekannter mal zu mir gesagt: „Wenn man spricht, gibt man Informationen. Hört man zu, erhält man Informationen“. Wie ein Hamster habe ich fortan Informationen gesammelt und den Anschein erweckt, gar nichts von dem mitzubekommen, was um mich herum geschah. Dies machte aber wirklich nur den Anschein. In der 5. Klasse fragte mich meine damalige Mathelehrerin einmal, ob ich denn auch geistig anwesend sei: „Dass du körperlich anwesend bist, sehe ich ja“. In der darauffolgenden Stunde schrieben wir eine Arbeit, welche die besagte Lehrerin mir dann mit den Worten zurückgab „Du bist geistig anwesend“ – Note 1. Passend dazu habe ich jüngst einen Spruch gefunden: „Listen und Silent are spelled with the same letters“. Das ist natürlich nur ein Zufall, aber da ist auch schon was Wahres dran. Aneinander vorbei reden passiert vielen Menschen. Aneinander vorbei schweigen nicht.

Trotzdem hat das Schweigen ein Imageproblem. Es wird als unangenehm empfunden. Schweigen will gelernt sein. Die wenigsten Menschen halten so etwas lange aus. Sie fühlen sich wohler, wenn sie verbal interagieren können. Sie führen zum Beispiel Smalltalk. Dabei entstehen selten wirklich geistreiche Gespräche. Oft darf das Wetter in solchen Momenten herhalten. „Kalt heute“ oder „Es regnet schon wieder“ sind da gern genannte Floskeln. Als hätte man selbst nicht bemerkt, dass man sich gerade im Winter befindet und dieser vorzugsweise etwas kälter daherkommt als der Sommer beispielsweise. Und dass es schon seit fünf Stunden wie aus Kübeln schüttet, wäre uns ohne den Hinweis der anderen Person völlig entgangen. Je nachdem, von welcher Generation man gerade das Gespräch von der Seite angeboten bekommen hat, erhält man noch die Zusatzinfo, dass dies der regenreichste Monat seit Februar 1983 sei. Das wisse der Gesprächspartner ganz genau zu berichten, denn da habe er ja seine Frau kennengelernt – also die dritte. Wie es den beiden davor ergangen ist, wird einem dann ohne eigenes Nachfragen auch noch geschildert. Ein langer Monolog über das Entfernen von Blutflecken aus Schlafzimmerwänden schließt sich an. Irgendwann hat sich das Thema auf Fußpilz verlagert. Hat er sich während der Kur in Bad Harzburg eingefangen. Gefragt wird man dann unweigerlich, ob man auch schon mal Fußpilz hatte. „Nein“, sage ich, „nur Scheidenpilz“. „Wieso? Sie sind doch ein Mann..?!“ – „Donnerwetter!“. Aus solchen Gesprächen, die nur das gemeinsame Schweigen überbrücken sollen, kann man gelegentlich einen Erkenntniswert erzielen, der größer ist als bei der Ringparabel. Schweigen wird gelegentlich als peinlich charakterisiert. Peinliches Schweigen ist also bekannt, peinliches Geschwafel weniger – obwohl es viel häufiger vorkommt.

Ich selbst schweige die meiste Zeit des Tages. Von Außenstehenden wird das meist als Desinteresse oder gar Arroganz wahrgenommen. Einige denken auch, dass es einem gerade sehr schlecht ergehen muss, weil man nichts sagt. Jedoch habe ich lediglich meistens nichts Interessantes mitzuteilen. Das geht den meisten Menschen so, aber sie reden trotzdem irgendwas, damit Geblubber entsteht. Ich finde, es ist in Ordnung einfach nichts zu sagen, wenn man meint, nichts Substanzielles beitragen zu können. Von den 17 Stunden, die ich wach bin während des Tages, rede ich schätzungsweise zwei. Darin inbegriffen sind sowohl Sätze, die einen gewissen Informationsgehalt beinhalten als auch humorige Bemerkungen, Begrüßungen, Verabschiedungen, „Ja“-Sagen, „Nein“-Antworten und einen schönen Feierabend wünschen.

Dabei gibt es durchaus Momente, in denen ich sehr gern rede. Eine Unterhaltung mit einem guten Freund kann etwas sehr Erfüllendes sein. Das kann gern auch über mehrere Stunden andauern. Diese Unterhaltungen sind extrem tiefgreifend und sinnhaft. Je größer die Gruppe wird, so scheint mir, desto oberflächlicher werden die Gesprächsthemen. Da jeder irgendwie irgendwas sagen möchte, verkürzt sich die jeweilige Redezeit und die Beiträge werden notgedrungen knapper und ungenauer (oberflächlich). Das musste einst auch Reporterlegende Peter Scholl-Latour erfahren. Er war in einer Talkshow eingeladen, in der unter anderem auch der Nahost-Konflikt diskutiert wurde. Nur waren die anderen Gäste in den Augen Scholl-Latours nicht sonderlich befähigt, ein fachkundiges Urteil über den Gaza-Krieg zu fällen. So sagte er schon bald resignierend: „Hiermit stelle ich die Konversation ein. Ich bin es leid, mich in dilettantischem Geschwätz zu erschöpfen“. Seit Jahren warte ich auf den Moment, in dem ich in einer größeren Runde von Oben herab diesen Satz einmal zum Besten geben kann. Jedoch fehlt mir dafür auch die Reputation eines Scholl-Latour.

Da sitzt man nun im Wartezimmer seines Vertrauens, genießt die Stille Erhabenheit der morbiden Gesellschaft und gönnt sich die Emma. Der Playboy oder der Spiegel würden den Blutdruck kurz vor dem Messen nur unnötig in die Höhe schnellen lassen. Wie viel Ärger man sich wohl so einhandelt durch unüberlegtes Sprechen und wie viele zwischenmenschliche Beziehungen daran schon zerbrochen sind? Durch Schweigen ist das sehr viel schwieriger zu erreichen.

Der Nächste bitte! Raus aus dem Schweigeraum, rein in das Sprechzimmer.

Ich frage mich, ob dieser Text wohl zu feindlich gegenüber den redseligen Menschen daher kommt? Falls ja, war das mitnichten meine Absicht! Schließlich liebe ich doch alle Menschen…
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Freitag 10. August 2018, 15:34

Von einem tapferen Vorbild - oder: Leiden ohne zu klagen

Die Fernsehsendung Domian lief von 1995 bis 2016 im WDR Fernsehen. In der einstündigen Sendung, die parallel auch im Radio bei 1 Live übertragen wurde, konnten Zuschauer ab 1 Uhr nachts live anrufen und mit dem Moderator Jürgen Domian entweder über ein vorgegebenes oder ein freies Thema sprechen. Manche Anrufer hatten Lustiges, andere Trauriges, Schockierendes oder Gruseliges zu erzählen. Nicht selten waren die Themen der Anrufer recht intim oder gar krank. Der Unterhaltungswert war mal größer, mal geringer. Einige Anrufer werden aber nicht nur in der Fangemeinde der Sendung unvergessen bleiben (aus unterschiedlichen Gründen).
Im September 2015 rief ein 17-jähriges Mädchen an. Sie berichtete von ihrer unheilbaren Krankheit Mukoviszidose. In jenem Jahr war sie gerade einmal zwei Monate zu Hause - die restliche Zeit verbrachte sie im Krankenhaus. Obwohl dieser junge Mensch ein schlimmes Schicksal zu erleiden hatte, klagte sie mit keiner Silbe. Bereits mit zwölf Jahren stand es nicht gut um sie. Ihr Onkel schenkte ihr ein kindgerechtes Buch, das ihr die Angst vor dem Tod nehmen sollte. Dieses Buch hatte sie mit knapp 18 Jahren immer noch. Zwischenzeitlich war ihre Lungenaktivität so stark gesunken, dass man mit ihrem sehr baldigen Ableben rechnen musste. Jedoch erholte sie sich glücklicherweise wieder. Es war kein Jammern in ihrer Stimme zu erkennen sondern ein sehr erwachsener, reflektierter Umgang mit diesem Umstand. Während ich mir ihre Geschichte anhörte, überkam mich der Gedanke „Sie hatte eigentlich gar kein richtiges Leben“. Da sagte sie doch wirklich vollkommen ernst: „Ich hatte ein schönes Leben“. Wow. Da denke ich beschämt an mich selbst und muss feststellen, dass ich schon oft über Dinge geklagt habe, die eigentlich nicht oder weniger stark zu beklagen sind als eine unheilbare (und leider schon recht stark fortgeschrittene) Krankheit, an deren Ende man ersticken wird.
Anstatt sich selbst zu bemitleiden tat es ihr unheimlich leid, wenn sie sah, welchen Kummer ihre Krankheit ihrer Familie brachte. Wie die Mutter oft weinte und nicht mit ihr über den Tod reden konnte. Dass ihre Brüder nicht die Aufmerksamkeit bekamen, „die sie verdient hätten“. Denn natürlich dreht sich familiär fast alles um einen Menschen, der seit der Geburt an todkrank ist.
Sie lerne gerade für ihr Abitur, das sie im Sommer 2016 ablegen wolle, sagte sie. Und sie hat eine Liste gemacht von Dingen, die sie noch schaffen möchte. Einige Sachen musste sie leider wieder streichen, weil sie diese gesundheitlich nicht mehr machen kann. Eine Reise nach Australien fällt aus, da sie das Land nicht mehr verlassen kann. Stolz und froh war sie, dass sie einen ihrer wichtigsten Punkte bereits abhaken konnte. Zusammen mit ihrem Vater (einem Lehrer) hat sie eine Stiftung gegründet, die sich für die Forschung gegen die Krankheit Mukoviszidose einsetzt. An ihrer Schule wurde schon ein Spendenlauf veranstaltet „und Kuchen verkauft“. Es kamen knapp 1.000 Euro zusammen, sagte sie glücklich. Ein weiterer Wunsch sollte zeitnah in Erfüllung gehen. Wenige Tage später hatte sie nämlich Geburtstag und diesen wollte sie unbedingt zu Hause feiern bei Familie und Freunden. „Ich hatte mir schon immer vorgenommen meinen 18. Geburtstag ganz groß zu feiern. Mit Alkohol trinken und so“. Zu diesem Zeitpunkt stand noch nicht fest, ob die Ärzte ihrem Wunsch stattgeben werden. Nicht nur ich hoffte es sehr für sie.
Moderator Jürgen Domian verabschiedete sich von ihr und wünschte ihr, dass sie ihren Geburtstag zu Hause feiern konnte und dass ihre Krankheit nicht so schnell fortschreiten möge. Abschließend bot er ihr noch ein Gespräch mit einer Psychologin an (diese ist Teil der Redaktion und tritt bei besonders schweren Gesprächen nochmal mit den Anrufern in Verbindung). Man hatte aber das Gefühl, dass eher der Moderator und die Zuschauer einen Psychologen benötigen als diese junge und starke Frau.
Eine Woche später berichtete Jürgen Domian in seiner Sendung, dass diese junge Dame ihm einen Brief geschrieben habe. Darin stand, dass sie ihren Geburtstag, wie sie es gewünscht hatte, zu Hause feiern konnte. Zwischen 12 und 20 Uhr durfte sie heimfahren. Ein schöner Gruß!
Im November 2015 rief die dann schon 18-Jährige erneut in dieser Sendung an. Dieses Mal hatte sie ein Anliegen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Sie empörte sich über den Beschluss des Deutschen Bundestags die aktive Sterbehilfe in Deutschland nicht einzuführen. In ihrer Stimme war nicht nur Empörung herauszuhören, sondern leider auch ein deutlich schwächerer Laut und vermehrtes Abhusten. Ihr Gesundheitszustand hatte sich offensichtlich verschlechtert. Mir tat es richtig weh, dass in dieser kurzen Zeit die Krankheit so viel weiter fortgeschritten war. Dennoch sprach sie in erster Linie nicht von sich. Es ging ihr bei der aktiven Sterbehilfe - einmal mehr - um andere.[...]
Am Ende dieses Gesprächs wünschte Jürgen Domian dem jungen Mädchen noch einmal, dass ihre Krankheit nicht so schnell weiter voranschreitet.
Mich hat diese sehr beeindruckende junge Frau und ihre Geschichte samt ihrer Haltung total ergriffen. Ich suchte im Internet nach ihr, schließlich erwähnte sie ja eine Stiftung. Auf YouTube fand ich ein kurzes Video. Wie sich herausstellte wurde es von ihrem Vater erstellt. Zu sehen waren Fotos von Celia, dem erkrankten Mädchen. Fotos von Kindertagen an. Unter anderem mit Sauerstoffschläuchen an der Nase. Am Ende des Videos war ein kurzer Text eingeblendet. Celia starb am 13.12.2015 um 4 Uhr. Danach der Verweis auf die Stiftung, die ihr so am Herzen lag. Ihr Vater schrieb dazu: „Kein Kind muss an Mukoviszidose sterben“.
Mich hat noch nie ein Mensch so sehr beeindruckt wie Celia. Sie ist ein großes Vorbild in Sachen Haltung, Demut und Altruismus. Es sollte mehr Menschen wie sie geben. Immer, wenn es mir schlecht geht, denke ich an sie. Celia, die nur ein kurzes und leidvolles Dasein hatte und von sich sagte: „Ich hatte ein schönes Leben“.
Das Buch, das ihr Onkel ihr geschenkt hatte, hat sie nach ihrem Tod Jürgen Domian vermacht. Wer die sehr ergreifenden Interviews von Celia hören möchte, dem verlinke ich diese an dieser Stelle. Ich selbst konnte es nur einmal hören. Es beschäftigte mich tagelang (Dauer ca. eine halbe Stunde). Das beschriebene Video vom Vater verlinke ich ebenfalls an dieser Stelle. Beide Videos werden von mir sehr herzlich empfohlen!
Möge sie in Frieden ruhen und ein Teil von ihr einem anderen Menschen Leben geschenkt haben! Und ihre Auffassung vielen Menschen ein Vorbild sein. Für mich ganz sicher!

Der Text wurde gekürzt, da es sich bei der aktiven Sterbehilfe um ein politisches Thema handelt, welches in diesem Forum nicht gewünscht ist. Der vollständige Text findet sich auf meinem privaten Blog. Hinweise dazu auf Anfrage (Anm. d. Autors).
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Donnerstag 13. Dezember 2018, 17:09

Ein Plädoyer für ein Kompliment

Worte haben Gewicht. Das ist keine neue Erkenntnis, muss ich auch mir eingestehen, der ja schon viele wirklich bahnbrechende Erkenntnisse hatte. Nur ist es immer wieder erstaunlich, dass ich trotz dieses Wissens diese „Macht“ so selten Gebrauche. Damit meine ich nicht die Macht jemanden zu Schaden, indem ich verletzende Dinge ihm gegenüber äußere. Das ist eine sehr negativ geartete Macht. Da umgebe ich mich dann doch lieber mit Menschen, denen ich zwar durch persönliche Infos von mir Macht über mich verleihe, die aber diese nie gegen mich verwenden. So jedenfalls der Plan. Ging auch schon ziemlich nach hinten los, bin ich aber auch nicht der Einzige, dem das mal so ging. Und das ist richtig bescheiden. Nach dieser sehr umständlichen Einführung nun zum Thema:

Mir geht es um die Macht der positiven Worte für Mitmenschen – man nennt sie umgangssprachlich auch „Kompliment“. Komplimente sind etwas Gutes. Wieder eine dieser Erkenntnisse, die ich hier exklusiv mit anderen teile. Doch leider werden viel zu wenig Komplimente verteilt. Nicht, dass das hier falsch verstanden wird: ich möchte mit diesem Text nicht dazu aufrufen mir viele Komplimente zu machen. Obwohl ich mich nicht beschweren würde, wenn sie denn ehrlich gemeint sind..
Ich habe vor wenigen Tagen eine Freundin besucht. Sie machte mir mehrfach einige sehr nette Komplimente. Das tat einfach gut und es tut jetzt noch gut, wenn ich daran denke. Solche Worte machen einfach vieles besser. Sie können einem den Tag retten oder dafür sorgen, dass der anstehende Tag viel positiver durchlebt wird. Wenn man das mal ein wenig überspitzt weiterspinnt, dann kann man durch ehrlich gemeinte Komplimente jemandem ein schöneres Leben schenken. Also warum macht man es nicht einfach? Warum mache ich es nicht einfach? Mir fällt es ehrlicherweise recht schwer Komplimente zu verteilen – jedenfalls mündlich. Schriftlich geht mir das recht gut von der Hand. Aber über die Zunge kommt mir sowas nur zu selten. Wieso eigentlich? Ich bilde mir ein, dass vielleicht andere gar keine Komplimente von mir haben wollen oder ablehnend reagieren. Wahrscheinlich ist diese Angst völlig unbegründet (wie so viele Ängste). Dabei wäre es so wichtig den Leuten, die mir wichtig sind, zu sagen, was ich so an ihnen schätze: „Die Unterhaltungen mit dir bedeuten mir viel“, „Ich mag deinen Humor“, „… deinen Musikgeschmack“ – whatever.
Leider ist unser Gehirn weniger auf Glücksmomente aus. Es gibt Theorien, wonach wir fünf Glücksmomente benötigen, um eine gleichrangige, schlechte Erfahrung wett zu machen. Klingt im ersten Moment unfair, ist aber evolutionstechnisch vonnöten. Wären wir permanent glückshormongetränkt, wären wir viel weniger empfänglich für potentielle Gefahren. Also blieb unserem Gehirn die Wahl zwischen völliger (aber eher kurzlebiger) Glückseligkeit oder länger leben. Zweiteres bedingt dann halt eher kürzere Momente des Glücks. Einige Zeitgenossen versuchen sich künstlich zusätzliche Glücksmomente zu schaffen, indem sie sich gewisse Substanzen injizieren. Interessanterweise leben diese Leute dann auch meist kürzer – zu viel Glück scheint einfach tödlich.
Aber so ganz ohne Glückszuführung geht es auch nicht. Also einfach mal den Menschen sagen, was sie für einen bedeuten und das Positive nicht nur denken, sondern aussprechen. Das macht glücklich – den Empfänger und den Komplimenteur. Ich bin ein guter Worteerfinder – wenn gerade niemand da ist, dann mache ich mir halt selbst ein Kompliment.

Übrigens bist du, der jetzt diese Zeilen liest, ein ganz toller Mensch. Ganz ehrlich. Du hast es bis hierhin geschafft und dafür bin ich dir sehr dankbar. Wollte ich nur mal gesagt (geschrieben) haben.
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Samstag 19. Januar 2019, 20:33

Introversion - The Sound Of Silence

Hello, darkness, my old friend. I’ve come to talk with you again.” - Simon & Garfunkel (The Sound Of Silence)

Wir müssen noch mal über das Persönlichkeitsmerkmal Introversion sprechen. Einfach, weil es mich interessiert und es Antworten liefert, wer ich eigentlich bin. Introversion ist nichts Negatives. An Persönlichkeitsmerkmalen ist ohnehin nichts gut oder schlecht zu finden. Jeder hat seine eigene und das hat auch seine Richtigkeit. Die Welt braucht alle möglichen Persönlichkeitsmerkmalen - auch die Introvertierten.
Ich habe mir zwei Bücher zum Thema Introversion gekauft. Das eine ist von Susan Cain: „Quiet. The Power of Introverts in a World that can’t stop talking”. Das zweite lautet “Kopfsache. Liebe den Introvertierten in dir” und ist von Patrick Hundt. Hundt stützt sich in seinem Buch zwar hin und wieder auf Cain, aber es ist eine eher unwissenschaftliche Herangehensweise. Das ist keinesfalls eine Kritik, denn er selbst sieht sich als ganz normaler Introvertierter „wie du und ich“. Susan Cain hingegen ist Anwältin für Körperschaftsrecht und Coach für Verhandlungstechniken. In beiden Büchern werden typisch introvertierte Eigenschaften und Verhaltensweisen aufgeführt. Anhand der Aussagen, die in den Büchern expliziert genannt werden, möchte ich gern ein paar Dinge aufführen, die meine Introversion verdeutlichen:

Ich ziehe Einzelgesprächen Gruppenaktivitäten vor.

Das trifft auf mich zu 100 Prozent zu! Ich kann in Einzelgesprächen völlig aufgehen. Meist rede ich dann zwar weniger als mein Gesprächspartner, aber diese Form der Kommunikation liegt mir und macht mir Spaß. Das liegt daran, dass es bei nur einem Gesprächspartner weniger Reize und somit weniger Stimulation gibt. Man kann viel tiefgründigere Gespräche führen, wenn man nur zu zweit ist. Jede weitere Person mehr macht das Gespräch oberflächlicher und bedeuten mehr Reize und Stimulation für mich. Außerdem führen Gruppengespräche immer zu einer gewissen Dynamik. Das macht es schwer der Konversation zu folgen - jedenfalls für jemanden, der genau überlegt bevor er redet und zunächst erstmal die Antworten der anderen durchdenken muss. Meist komme ich deswegen in solchen Runden kaum zu Wort. Und wenn ich mich selbst reflektiere, dann stelle ich fest, dass ich mich während der Gesprächsrunde immer weiter zurücklehne und gar nicht mehr versuche nochmal einen Redebeitrag zu leisten. Ich bin vollkommen in die Beobachterrolle geschlüpft. Meist bin ich dann der Erste, der sich aus der Runde verabschiedet, weil mir die vielen Reize Energie kosten und ich sehr erschöpft bin. Das ist auch der Grund, warum ich zum Beispiel nicht in Clubs gehe - danach bin ich mental völlig fertig.
Am besten gefallen mir tiefgründige Gespräche mit jemandem, der zwischendurch auch mal schweigen kann, damit das Gesagte in Gedanken nochmal verarbeiten kann. Solche 1-zu-1-Gespräche können über mehrere Stunden dauern. Sowas ist wirklich ein echtes Vergnügen. Auch wenn da ebenfalls gilt:

Ich bin erschöpft, wenn ich unter Leuten war, selbst wenn ich es genossen habe.

Ich brauche danach einfach eine Pause. Und das bedeutet vor allem Zeit allein. Spazieren gehen, Lesen oder Schreiben sind wunderbare Aktivitäten, die meine Akkus wieder aufladen lassen.

Ich mag keinen Small Talk.

Der Sinn, warum man über das Wetter reden soll oder auf die Frage „Wie geht’s“ mit „Danke, gut. Und selbst?“ zu antworten hat, erschließt sich mir einfach nicht. Lieber ist es mir, wenn man direkt zum Thema kommt. Wir Intros bezeichnen Small Talk daher gern als Zeitverschwendung. Mittlerweile habe ich aber auch gelernt, dass solch lockere Kurzgespräche ganz gut sind, um die persönlichen Vibes zu stärken. Menschen fühlen sich wohler, wenn erstmal random gequatscht wird. Man wird warm mit seinem Gegenüber und schafft eine Ebene, auf der man miteinander kann. Dennoch werde ich nie ein großer Freund dieser Gesprächsführung sein. Wie bereits geschrieben liegen mir tiefsinnige Gespräche eher.

Ich bin ein guter Zuhörer.

Absolut. Offensichtlich schaffe ich es auch andere zum Reden zu bringen und mir Dinge anzuvertrauen, die sie sonst noch niemandem erzählt haben. Das ehrt mich sehr und zeigt mir, dass man mir vertraut (es ist ohnehin unwahrscheinlich, dass ich etwas weitertratsche, da ich ja eh wenig rede). Außerdem merke ich mir fast alles, was man mir berichtet. Noch Jahre später kann ich detailliert wiedergeben, was der Erzähler selbst schon längst vergessen hat. Für sowas hab‘ ich n‘ Gedächtnis - um mal Loriot zu zitieren.

In Unterrichtssituationen sind mir Vorlesungen lieber als Seminare.

Vorlesungen sind anonymer. Man kann in der Masse verschwinden und muss außerdem keine Angst haben, dass man aktiv teilnehmen (einen Redebeitrag) abliefern muss. Man muss einfach nur zuhören. Eine sehr introfreundliche Angelegenheit. Bei Seminaren besteht durchaus die Angst, zwischendurch mal aufgerufen zu werden oder ein Referat zu halten. Eher unangenehm.

Wenn ich wählen müsste, würde ich ein Wochenende, an dem ich überhaupt nichts vorhabe, einem Wochenende mit einem zu vollen Programm vorziehen.

Ich liebe Wochenenden zu Hause! Das ist wirklich etwas Feines. Nur wenn ich zu lange zu Hause hocke, habe ich irgendwann tatsächlich das Bedürfnis mal rauszugehen. Aber nach einer normalen Arbeitswoche die zwei Tage in den eigenen vier Wänden zu verbringen, zu lesen, Musik zu hören, Filme/Serien zu schauen oder einfach nachzudenken, ist ein richtig reizvoller Gedanke, den ich dann gern in die Tat umsetze. Das darf man dann nur niemandem erzählen. Bei einigen scheint es wirklich verpönt zu sein, wenn man nicht von Freitag bis Sonntag nonstop Party macht. Oft schon habe ich gelogen, wenn ich gefragt wurde, was ich am vergangenen Wochenende getan habe. Klar bin ich in den Club gegangen, logo. Wo auch sonst? Ehrlich gesagt war ich in 26 Jahren noch nie in einer Disco. Mich hat das nie gereizt.

Ich mag keine Konflikte.

Das ist etwas, was ich mir wirklich ankreiden lassen muss. Denn Konflikte sind unabdingbar. Manchmal muss man ja auch für seine eigenen Rechte kämpfen und kann nicht alles mit sich machen lassen. Zu oft habe ich leider schon Ja und Amen gesagt, wenn ich gefragt wurde, ob ich diese oder jene unliebsame Aufgabe übernehmen kann. „Joa, kann ich machen“. So lässt man sich breitschlagen und dann ist man immer der Idiot, der sowas machen darf. Denn wenn man einmal Ja sagt, dann wirkt ein späteres Nein bei der erneuten Aufgabenübermittlung als ziemlich unfreundlich. „Wieso denn nicht? Du hast das doch beim letzten Mal auch gemacht?“ Ja, beim letzten Mal schon, aber ich bin doch nicht der Idiot vom Dienst, wenn ich einmal eine Gefälligkeit erledige. Ebenso mag ich keine Konflikte, wenn andere sie untereinander austragen und ich nur „Zuschauer“ der Szenerie bin. Dann wünsche ich mir oft an einem anderen Ort zu sein.
Memo an mich selbst: eine eigene Meinung haben und diese durchsetzen. Und akzeptieren, dass Konflikte oft einfach notwendig sind im Leben.

Ich lasse Anrufer häufig auf Anrufbeantworter sprechen.

…und überlege, ob ich unbedingt zurückrufen muss. Manchmal muss man ja leider - oder es wäre besser, wenn man zurückriefe. Ich bin ja sehr dankbar, dass man Geburtstagswünsche heutzutage schnell schriftlich übermitteln kann. Viele machen davon auch Gebrauch. Aber es gibt in meinem Verwandtenkreis Leute, die unbedingt anrufen müssen. Dann denke ich schon Tage vor meinem Geburtstag wieder nur über diesen einen Anruf nach. Und wenn die mich dann nicht sofort erreichen, bin ich ja in der Pflicht zurückzurufen. Wirklich unheimlich. Der Teufelskreis schließt sich aber erst dadurch, dass ich ja ebenso bei deren Geburtstag durchklingeln sollte. Mache ich ja auch alles. Schön ist jedoch anders.
Bei der Arbeit muss ich leider auch telefonieren. Wir haben eine Hotline für Kunden, bei der jeder mit seinem Telefon den Anruf ziehen kann. Meist warte ich, ob sich nicht jemand anderes erbarmt. Oder wenn ein Kollege einen Anruf bekommt, der gerade nicht da ist, bin ich oft sehr dankbar, wenn jemand anderes das Gespräch zieht. Dabei ist ja nichts daran zu finden, wenn man einfach sagt „Hallo, Kollege XY ist gerade nicht am Platz. Kann ich irgendwas ausrichten?“. Dennoch ist mir Telefonieren einfach ein Graus.

Ich drücke mich lieber schriftlich aus.

Das ist die Quintessenz aus der Telefonphobie[...]

The words of the prophets are written on the subway walls. And tenement halls. And whispered in the sounds of silence.” - Simon & Garfunkel (The Sound Of Silence)

(gekürzte Vorabversion)
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