Tyrions Glosse

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Tyrion
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Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Montag 23. Juli 2018, 19:22

Textwunder! – Von Lotusblüten, Flieder und anderen lyrischen Unfällen deutscher Schlager

Man ist ihnen schutzlos ausgeliefert. Allüberall diese Störgeräusche! Nur mal eben durch das Kaufhaus oder ins Schuhgeschäft und es dröhnt einem entgegen: „Lieber auf Wolke vier mit dir als unten wieder ganz allein“. Offensichtlich scheine ich einer von nur sehr wenigen Menschen zu sein, die beim Hören dieser Textzeilen denken, ein Hörsturz wäre nicht in allen Lebenslagen von Nachteil. Und vor allem frage ich mich, wer um alles in der Welt wieder den Schimpansen an die Schreibmaschine gelassen hat, mit dem die deutschsprachigen Liedtexte verfasst werden, die man dann nonstop alle vier Minuten vom Radiofoltergerät auf das akustische Sinnesorgan geprügelt bekommt? Lassen wir uns doch mal diesen Liedtext vom Anfang noch einmal auf der Zunge zergehen: „Lieber auf Wolke vier mit dir als unten wieder ganz allein“. Dieser Satz ist – ganz im Gegensatz zur öffentlichen Meinung – keine Liebeserklärung. Er ist eigentlich eine Frechheit, für die der Absender einen Klassiker der weiblichen Erbostheit zu spüren bekommen müsste: ein Glas Wasser voll ins Gesicht. Es schadet auch nicht, wenn das Glas noch mit dran ist. Philipp Dittberner heißt der Charmeur, der in Wirklichkeit nämlich sagt: „Bevor ich so gar nichts finde, nehme ich halt dich. Ist zwar nicht wirklich schön, aber manchmal muss man halt nehmen, was man kriegen kann“. Mit anderen Worten: Hier umgarnt das Lyrische Ich seine Notlösung. Hach, der Mann weiß halt, was Frauen wollen.

Apropos weiß (für dieses Wortspiel komme ich in die Hölle): Wincent Weiss ist ein weiterer Vertreter der männlichen deutschen Singer-Songwriter, wie man sie heute nennt. Rauf und runter wird man von ihnen im Radio vollgejammert. Der eine braucht „frische Luft“ (Mach einfach das Fenster auf, Junge!), der andere (Max Giesinger) macht sich selbst kirre, weil die Nachbarin nur manchmal grüßt und er nicht weiß, ob das etwas zu bedeuten hat (Nein, hat es nicht). In dem Lied „Roulette“ deutet wirklich gar nichts darauf hin, dass die Frau auch nur irgendwas mit Herrn Giesinger im Schilde führt. „Es war zufällig, dass sie nebenan eingezogen ist und ihre Wohnung auch ganz oben ist bei mir“ – Ja, mein Gott! Die Wohnung war halt frei und sie ist eingezogen. Wieso soll das ein Zeichen dafür sein, dass sie ein Spiel mit ihm spielt? Wäre dort Oma Erna eingezogen, welche Gedanken wären ihm dann wohl durch den Kopf gegangen? Man möchte es gar nicht wissen.. Die anderen weinerlichen Wasserleichen, die derzeit schwer angesagt sind, heißen Mark Forster, Tim Bendzko, Clueso oder Joris. Johannes Oerding möchte ich an dieser Stelle einmal ausklammern. Der ist mit Ina Müller liiert. Das ist genug der Strafe. International funktioniert das Prinzip der hilfsbedürftigen jungen Männer übrigens auch. Man nennt es das Ed-Sheeran-Modell. Sie möchten am liebsten einmal in den Arm genommen werden und ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Aber müssen sie damit uns allen auf den Geist gehen? Justin Bieber ist ein weiterer internationaler Vertreter dieser Zunft. Wenn man zu gute Laune hat, muss man sich nur die Musik dieser Typen anhören – schon geht die Stimmung in den Keller.

Interessanterweise stieß ich vor kurzem auf ein Interview, in dem die „neue deutsche Weinerlichkeit“ thematisiert wird. Im Göttinger Tageblatt (Onlineausgabe vom 02.05.2018) wurde ein deutscher Musiker dazu befragt und ihm missfällt, dass es heutzutage kaum noch einen Unterschied zwischen Rock und Schlager gibt. Alles sei gleich, sagt er da. „Ich kriege nicht viel mit, aber das, was ich mitkriege, erscheint mir schon sehr mutlos und uneckig“. Ja, da hat er recht! Sagt dann aber: „Und es ist eine seltsame Situation, dass wir alten Säcke den jungen Leuten erklären müssen, wie ‚wild‘ geht“. Der Interviewte heißt Heinz Rudolf Kunze und ist 61 Jahre alt. Okay, er hat ja gerade ein neues Album herausgebracht („Schöne Grüße vom Schicksal“). Dann höre ich doch mal rein, wie er Max Giesinger nun zeigt, wie wilder Rock so funktioniert! Der erste Schocker nennt sich „Ich sag’s dir gern tausendmal“ und verspricht schon gleich zu Beginn nicht zu viel. Nach einem kurzen Intro der Heavy-Metal-Streicher, fängt Kunze leider an zu singen: „Es macht mir Freude zu wiederholen“. Logisch, denn die Zielgruppe des 61-jährigen ist mittlerweile nicht mehr nur im Herbst, sondern im tiefsten Winter ihres Lebens angekommen. Da muss man die Dinge schon mal öfter sagen und das wird er im Lied auch noch ein paar Mal tun. Aber bleiben wir zunächst in der lyrischen Reihenfolge. Es schließt eine herrliche Phrase an, die möchtegern-intellektuelle Liedermacher oft verwenden: „Es kommt geschlichen auf verstohlen leisen Sohlen“. Der Ursprung dieses Satzes basiert auf Shakespeare. Das Originalzitat stammt aus Macbeth und lautet: „Ein Jucken spür‘ ich, ganz verstohlen. Das Böse kommt auf leisen Sohlen“. Leider geht es aber noch weiter (also bei Kunze): „Ich werd‘ nicht müde zu betonen, ich möchte ohne dich in keinem Himmel wohnen“. Das dürfte sich nach diesem Welthit auch erledigt haben. Aber hey, Heinz Rudolf, echte Rocker kommen doch eh nicht in den Himmel, oder? „Du gibst mir Sonne, du gibst mir Schatten“. Vor allem Schatten haben wir in dem dreiminütigen Stück reichlich. Der Refrain beinhaltet einen Satz, den er wohl noch aus dem Medizinstudium hat: „Ich sag’s nicht einmal, ich sag’s nicht zweimal. Ich sag es tausendmal, wenn’s sein muss. Es ist dein Herz, in das ich rein muss“. Es scheint ihm da auch völlig wumpe, ob die besungene Dame das auch möchte. Er MUSS da einfach rein. Fragt sich nur, was er davon hat? Aus seinem wohl bekanntestem Liedgut („Dein ist mein ganzes Herz“) weiß man ja, dass hier ein kleiner Kardio-Fetischist am Werk ist. Dieses Lied fand ich früher immer merkwürdig, weil ich eine Textstelle völlig falsch verstanden habe. Statt „Wir werden wie Riesen sein“ hörte ich als Kind immer „Wir werden beniesen sein“. Da habe ich mich schon gefragt, wieso es Heinz Rudolf Kunze für erstrebenswert hält, angerotzt zu werden? Aber zurück zum Tausendmal-Wiederholer! Denn nun urteilt er selbst über sein Werk: „Das ist vielleicht total banal“. Ja. „Unruhig schare ich mit meinen Hufen“ – ganz ruhig, Beelzebub! „Ich überspringe 25 Treppenstufen“. Das kennt man. Wenn man zu viel Schlagermusik hört, kann man es nüchtern einfach nicht mehr aushalten. Stockbesoffen versucht man eine Etage nach unten zu gehen und schon hat man 25 Treppenstufen auf einmal geschafft. Sollte man mit dem Kopf zuerst aufschlagen, könnte einem folgende Textstelle in den nicht mehr vorhandenen Sinn kommen: „Ich sag es tausendmal und wieder, du bist mein Frühling und mein Flieder“. Hm, irgendwas habe ich falsch gemacht als ich für meinen Gedichtband „Reime, die die Welt nicht braucht“ schrieb „Du bist mein Herbst und meine Distel. So angenehm wie eine Fistel“. Während Kunze singt „Ich habe keine andere Wahl“, fällt mir auf, dass ich diese ja schon habe und beende dieses Lied an der Stelle. Er wiederholt zum Ende hin noch ein paar Mal, dass er alles tausendmal sagt. Das nervt natürlich, wenn sich jemand ständig wiederholt. Das nervt natürlich, wenn sich jemand ständig wiederholt.

Es ist ja nicht nur dieses Lied, das der Altrocker live im besten Vollplayback von sich gibt, was einen an dieser Darbietung stört. Es ist einfach die Erscheinung Heinz Rudolf Kunze. Gern gibt er auf völlig humorbefreite Art und Weise den politischen Aufklärer, der sich selbst viel zu wichtig nimmt. Der Osten hatte Wolf Biermann, der Westen Heinz Rudolf Kunze. Er ist der nervige Onkel, den man eigentlich nicht bei einem Familienfest dabei haben möchte, weil er frei von Selbstironie mit seiner gewollt mahnenden Art jegliche Stimmung kaputt macht. Aus Höflichkeit lädt man ihn aber dennoch ein und bereut es sofort. Der Journalist vom Göttinger Tageblatt macht im Interview eine Bemerkung, die viel über das Lied, das ich hier zu Ehren getragen habe, aussagt: „Das könnte von Helene Fischer gecovert werden“. Soll heißen: So beliebige Rumschleim-Sülze kann eigentlich nur die blonde Schlagertrulla, die ihren größten Erfolg im Mai 2017 im Berliner Olympiastadion während der Halbzeit des Fußballpokalfinals hatte. Fußballfans sind ja nicht immer ein Vorbild, aber hier muss ich sie mal ausdrücklich loben! Während der 15 Minuten, die Birne Helene hatte, während das Spiel in der Pause war, zeigten die 75.000 Menschen im Stadion recht eindeutig, was sie von ihrer Musik hielten. Es war für die Tonregie nicht so einfach noch etwas von der „Musik“ rüberzubringen. Die Pfiffe waren einfach viel zu laut. Als Schlagersänger hat man es aber auch nicht einfach. Normalerweise tritt man ja vor halbtotem Publikum auf, das im völlig falschen Rhythmus mitklatscht. Sportfans jubilieren offenbar mit dem Mund. Vielleicht war aber auch einfach nur eine Hand frei, weil man mit der anderen Bier oder Bratwurst halten musste und deswegen nicht klatschen konnte. Helene Fischer scheint aber masochistisch angehaucht zu sein, denn am Ende ihrer Vorstellung bedankte sie sich noch artig beim Publikum. Schade, ich hatte mir das eher so gewünscht, wie es einst Zlatko Trpkovski gemacht hat. Ja, das ist der Big-Brother-Zlatko, der noch nie von Shakespeare gehört hatte. Als er beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2001 antrat und vom Publikum ausgepfiffen wurde, entgegnete „Sladdi“: „Vielen herzlichen Dank, ihr Fotzköpfe“. Das hätte ich mir von Helene Fischer auch mal gewünscht!

So, nun aber genug aufgeregt. Jetzt ist gute Laune angesagt! Und welche Schlagercombo garantiert Stimmung, super Texte und schöne Melodien? Keine. Zum Schmunzeln regen aber die Flippers an. Das ist zwar schon von denen so gewollt, aber wohl nicht in dem Sinne, wie es bei mir ankommt. Wo fängt man bei den drei Hardrock-Giganten bloß an? Als ich für diesen Text recherchiert habe, wurde mir dankenswerter Weise das Lied „Das ganze Leben ist eine Wundertüte“ vorgeschlagen. Nicht nur das Lied an sich sondern gleich noch ein Musikvideo bekam ich zu sehen. Die Flippers laufen dort an einem Strand entlang und tragen Hemden, für die es in der Modesprache das Wort „mutig“ gibt. Also es sind ganz grässliche Hawaii-Hemden. Zwischendrin werden immer wieder Delfine gezeigt, die total freiwillig Kunststückchen in einem riiiieeeesigen Schwimmbecken vorführen. Immer, wenn die Delfine aus dem Wasser springen und wieder eintauchen, wird ein künstliches „Platsch“-Geräusch eingespielt. Noch schlimmer ist nur die Tatsache, dass für die Frisuren der Boygroup drei Pudel ihr Leben lassen mussten. Soweit das Grauen.. äh.. die Szenerie. Also die Flippers laufen lustig am menschenleeren Strand entlang (wahrscheinlich sind alle geflohen, als sie anfingen zu singen) und fröhliche Musik ertönt. Der Text offenbart, dass es gar nicht gut um die Herren steht: „Gestern fing der Tag gut an, denn der Brief kam von der Bank. Wegen Reichtum Konto voll, aber leider nur im Soll. Ja, das war der neuste Stand“. Die sind also pleite. Jetzt weiß ich auch, warum in einem anderen Video der Flippers plötzlich eingeblendet wird „CDs und DVDs bitte KAUFEN. DANKE“. Wir sollten sie mit Geld zuschütten, damit sie nicht mehr singen müssen. Hilft aber beim „Wundertüten-Lied“ nicht mehr. Den Zweitjob haben sie nämlich auch verloren: „Dann fahr ich in mein Büro und mein Chef, der sagt ‚Hallo‘. Mit den Worten ‚Tut mir leid!‘ hält er die Kündigung bereit und wünscht mir einen guten Tag“. Auf den letzten Satz hätte der Sänger ja reagieren können, wie es der ehemalige Fußballspieler Stefan Effenberg getan hat. Der soll bei einer Polizeikontrolle dem Beamten auf „Einen schönen Tag noch“ mit „Schönes Arschloch“ entgegnet haben. Das wäre für die Flippers aber wohl zu soft. Tja, pleite sein und keinen Job mehr haben ist eine ungünstige Kombination. Da kann man mit dem Schicksal schon mal hadern. Aber Die Flippers wissen einen Rat, der schlagartig ALLES ändert, denn: „[…] als Kind hat meine Mutter mir gesagt: Das ganze Leben ist eine Wundertüte, denn was drin ist, weißt du nicht, deshalb nimm es, wie es ist“. Und schon laufen die drei wieder lustig tanzend am Strand entlang. Der Tag wird aber noch besser: „Irgendwann fuhr ich nach Haus. Die Ampel vor mir ließ ich aus. Leider stand sie schon auf Rot, ich rief gerade noch ‚Idiot!‘, doch da hat’s auch schon geknallt. Tausend Scherben dicht vor mir, da stieg ein Mädchen aus der Tür. Als ich sie dann vor mir sah, war auf einmal sonnenklar, ich hab mich in sie verliebt“. So, habe das auch mal ausprobiert. Der große, schwere Typ mit Glatze und vielen Tätowierungen, dessen Auto ich zu Blech gefahren habe, wollte mir sehr weh tun. Aber ich sagte mir einfach „Das ganze Leben ist eine Wundertüte…“. Da wollte er mir noch mehr weh tun. Eigentlich wünsche ich mir mal, dass ich auf einer Beerdigung bin, auf der dieses Lied gespielt wird: „Onkel Heinzi hat sich für seinen Abschied dieses Lied gewünscht. Er hasste euch alle sehr“. Prädestiniert für eine Bombenentschärfung wären übrigens die letzten Zeilen des Refrains: „Das ganze Leben ist eine Wundertüte. Wenn du niemals was riskierst, wirst du sehen, dass nichts passiert. Wenn’s auch mal schief geht – ach du meine Güte – wird die Welt davon bestimmt nicht untergehen“. Alles halb so wild!

Das zweite Lied der Flippers, welches ich hier gern einmal lyrisch vorstellen möchte, ist ein inhaltlicher Schocker, der heute nach #metoo nicht mehr mehrheitsfähig sein dürfte. In „Bye bye, Belinda“ gibt sich der dauerpotente Altherrenverein die Ehre. Der Name Belinda wurde wahrscheinlich der Alliteration wegen gewählt. „Bye bye, Gertrud“ hätte sich auch komisch angehört. Das Lied beginnt mit folgenden Zeilen: „Rote Rosen, roter Wein, Kerzenlicht und Mondenschein, alles hab‘ ich schon probiert, doch leider ist noch nichts passiert“. Okay, wir wissen bereits jetzt, was Sache ist und wohin die Reise gehen soll. Aber es wird noch viel konkreter, damit auch wirklich der Letzte begreift, was gemeint ist: „Dieses Mädchen macht mich heiß, doch sie hat ein Herz aus Eis. Wenn die Sehnsucht dich verbrennt, sagt sie völlig ungehemmt immer nur denselben Spruch“. Scheiß, er wollte „Scheiß“ reimen. Heiß, Eis, Scheiß – so war die Reimfolge, nicht „Spruch“! Hören wir uns der Vollständigkeit halber an, welchen Spruch (Scheiß) denn Belinda von sich gibt: „Schatzi nein, lass das sein! Heute darf das noch nicht sein!“. Es tut schon sehr weh, dass hier „sein“ auf „sein“ gereimt wird, aber eines ist klar: Sie hat keinen Bock auf ihn. Kann man verstehen, sofern man nicht nekrophil ist. Doch der Flipper gibt nicht auf und nutzt jede sich bietende Gelegenheit: „Als wir zwei im Kino waren und der Film fing gerade an, Liebesschmerz und Trallala, doch wir zwei waren uns so nah“. Wieso „doch“? Ist man sich denn sonst nur bei Splatterfilmen nah und sucht bei Liebesfilmen die Distanz? Aber das nur am Rande. „Ich nahm meinen ganzen Mut und mir kochte schon das Blut“ – ja, in den Lenden, die Sau! „Da berührte ich ihr Knie, doch dann schrie sie wie noch nie ganz verzweifelt durch den Saal“. Kein Wunder! Wenn man in einem dunklen Kinosaal sitzt, sich einen Film anguckt und plötzlich die Krampfaderflosse einer Schlagermumie nach einem grapscht, dann ist die Reaktion von Belinda völlig logisch. Machen wir es kurz, er hat sein Ziel, Belinda ins Bett zu kriegen, nicht erreicht, denn nur das wollte er. Die Konsequenz folgt dann im Refrain: „Es ist Mitternacht und ich geh‘ nach Haus. Bye bye, Belinda! Hab‘ genug von dir, denn das Spiel ist aus. Bye bye, Belinda! Ich kenne keinen Mann, der länger warten kann“. Tauschen sich Männer über sowas aus? „Mein Rekord waren 4h32min, dann war aber allerhöchste Eisenbahn“. Gibt es auch so eine Rekordtafel mit Bild, wo drauf steht „Manni: hat 7 Stunden gebraucht, um bei Hildegard zu landen“. Woher weiß der Flipper das? Belinda hat jedenfalls alles richtig gemacht!

Abschließend die höchste Folterstufe. Das Lied „Lotusblume“ brennt sich leider sehr in die Rübe des Zuhörers. Da musste ich durch, da muss nun auch der Leser durch – nur habe ich mir das tatsächlich mehrfach angehört! Es sei vorneweg gesagt, dass wir uns in Japan befinden (obwohl Textstellen auch andere ostasiatische Länder zuließen). Ein Gong und eine traditionell japanische Melodie erklingen. Dazu der alles sagende Text „Woho woho woho woho“ – gefühlt 28 Mal. Dann die ersten menschlichen Wörter: „Roter Horizont am großen Fluss“. Krieg? Klingt sehr weit hergeholt. Die These wird aber durch die nächste Zeile gestützt: „Nur du und ich im Land des Lächelns“. Das Land wurde also bereits evakuiert. Das Land des Lächelns ist aber ursprünglich China. Dieser Begriff stammt nämlich aus der gleichnamigen Operette von Franz Lehár aus dem Jahr 1912 und es geht um eine deutsche Grafentochter, die sich in einen chinesischen Prinzen verliebt. Die Flippers meinen aber tatsächlich Japan, wie später deutlich wird. Also nur diese beiden sind zu diesem Zeitpunkt im Land. „[…] dein schwarzes Haar im Abendwind. Zärtlich hast du mein Herz verzaubert und es schlägt wie ein Schmetterling“. Ein Herz, das wie ein Schmetterling schlägt. Das wäre sehr bedenklich. Hört sich nach Kammerflimmern an. „Lotusblume hab‘ ich dich genannt als die rote Sonne in Japan versank“. In Hiroshima oder Nagasaki? Jetzt ist es doch wirklich eindeutig! Wir befinden uns in Japan am Ende des Zweiten Weltkrieges. Roter Horizont im Fluss, evakuiertes Gebiert, rote Sonne (Atompilz) – Katastrophentouristen hat es offensichtlich immer schon gegeben! Die Lotusblume ist hingegen aber wiederum ein Symbol, das man mehr mit China in Verbindung bringt, denn „Lotos“ klingt in der chinesischen Sprache (ich weiß, dass es mehrere gibt und Mandarin eigentlich die genauere Bezeichnung wäre) ähnlich wie „Liebe“ oder allgemein „die harmonische eheliche Verbundenheit“. Die rote Lotusblüte steht symbolisch übrigens für die Vagina. Typisch Flippers! Gerade Belinda in den Wind geschossen und schon in Asien wildern gehen. Unglaublich! „Rot wie Mohn war dein Mund“ hier lässt sich nur erahnen, was gleich traurige Gewissheit wird. „So wie ein Taifun kommst du zu mir“. Taifune zählen zu den schwersten Naturkatastrophen im Nordwestpazifik. Sie richten jährlich schwere Schäden mit hunderten Toten an. Schwere Überschwemmungen und Bergrutsche sind die Folge. So kam sie also zu ihm. Aber verdient hat er es, denn ihr roter Mund von eben scheint kein Zufall zu sein. Ihre Reaktion lässt auf schlimme Dinge deuten: „Wir drehen uns im Licht der Sterne, atemlos. Doch du schreist mich an, den Tränen nah“. Ich frage mich, ob das ein Umstand ist, den wir der Polizei mitteilen sollten? Roter Mund, atemlos, den Tränen nahe, Schreianfall! Wir erinnern uns, auch Belinda hat ja wegen den Flippers schon geschrien. Lüsterne Triebtäter? Und warum erzählen sie das dann auch noch? Das erinnert ein wenig an den Hitchcock-Klassiker „Cocktail für eine Leiche“, in dem zwei junge Männer das perfekte Verbrechen begehen und einer der beiden zunächst unterschwellig und dann zunehmend deutlicher den anderen Figuren in diesem Kammerstück verklickert, auf welch raffinierte Art er jemanden umgebracht hat. Zu seiner Verwunderung wurde er von den anderen dafür nicht bewundert, sondern landete im Gefängnis. Die Flippers landen aber nicht im Knast, sondern enden nur mit den Zeilen „Woho woho woho woho“, die nochmal 72 Mal wiederholt werden.

Im Video von „Bye bye, Belinda“ wird der Text eingeblendet, von dem ich weiter oben schon berichtet hatte: „CDs und DVDs bitte KAUFEN. DANKE“. Zu den Flippers würde es aber wohl auch ganz gut passen, wenn im Merchandising-Katalog Viagra beworben würde. Ich finde es schon erschreckend, wenn ich überlege, dass meine Oma bei diesen Liedern mitschunkelt und -klatscht. Da braucht sich auch keiner dieser Generation mehr über die Texte irgendwelcher sexistischen Rapper beschweren. Das ist beides schlecht. Das gute bei den Rappern ist ja, dass sie das nicht unterschwellig machen, sondern geraderaus erzählen, wie ihr Welt- und ihr Frauenbild aussehen. Bei lustigen Melodien fällt sowas weniger auf. Das heißt aber nicht, dass es auch besser ist.

Das tat weh. Nach langer Recherche habe ich von Heinz Rudolf Kunze und den Flippers die Nase voll. Mittlerweile verspüre ich auch körperlichen Schmerz. Doch es gibt noch mehr deutsche Schlager, die so sehr nach einer eingehenden Analyse schreien, wie Belinda bei der Berührung durch einen von den Flippers. Fortsetzung folgt…
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Sonntag 29. Juli 2018, 00:45

Die Lust zu schweigen

Es gibt ungeschriebene Gesetze. Eines davon lautet, dass man sich im Wartezimmer einer Arztpraxis still zu verhalten hat. Diese Räumlichkeiten zählen wohl zu den ungeselligsten, die wir kennen. Das meine ich gar nicht negativ – im Gegenteil! Nie käme am Montagmorgen jemand auf die Idee, seinen besten Freund schon an der Tür zum Wartebereich lautstark mit den Worten zu begrüßen: „Eeeeyyy, Torben! Digga! Wat machst du ‘n‘ hier? Auch ‘nen gelben Schein holen vom Kurpfuscher?“. Torben tritt laut lachend und noch leicht lallend hinein, vorbei am runden Tisch, auf dem die Zeitschriften liegen (Auto.Motor.Sport, Für Sie, GEO Magazin – jeweils die vorletzte Ausgabe), greift jedoch (versehentlich) den Spiegel. In den blauen Zeitschriftenumschlägen sieht schließlich auch die Emma aus wie der Playboy. Unter lautem Gegröle hört man die Handflächen der sich Begrüßenden ineinander einschlagen. Die anderen invaliden Wartenden werden Zeugen des vorangegangenen Wochenendes der beiden Diskutanten… Ein solches Szenario tritt nie ein! Doch wieso agiert man nur dort derart pietätvoll, dass man akustisch außer dem schweren Atmen der Influenzapatienten fast nichts vernimmt? Möglicherweise, weil man annimmt, dass auch Freund Hein mit im Wartezimmer sitzt. Der ein oder andere ist möglicherweise auch schon mit der persönlichen natürlichen Selektion beschäftigt. Manchmal kann man es auch schon ein bisschen riechen.

In der Bahn passiert das genaue Gegenteil. Obwohl auch hier wildfremde Menschen in einem geschlossenen Raum zusammen warten, werden die Gepflogenheiten der Stille nicht eingehalten. Es stört mich dort auch weniger. Das liegt nicht daran, dass ich mich dann mit Stöpseln im Ohr abschotte. Ich nehme gern alle Dinge, die um mich herum geschehen, wahr. Mit Vorliebe lausche ich den Konversationen der Menschen, die hinter mir sitzen. Ich weiß teilweise noch nicht einmal, wie sie aussehen. Meiner Fantasie sind hier also keine Grenzen gesetzt. Es ist auch nicht so, dass ich diese Leute belausche. Sie reden derart laut, dass man eher Schwierigkeiten hat wegzuhören. Beim Aussteigen hat man dann beinahe das Gefühl, Onkel Fred und Nichte Lisa sehr gut zu kennen.

Zuhören ist ein schöner Zeitvertreib. Es setzt aber eines voraus: eigenes Schweigen. Ich war schon als Kind sehr ruhig und so hat ein Bekannter mal zu mir gesagt: „Wenn man spricht, gibt man Informationen. Hört man zu, erhält man Informationen“. Wie ein Hamster habe ich fortan Informationen gesammelt und den Anschein erweckt, gar nichts von dem mitzubekommen, was um mich herum geschah. Dies machte aber wirklich nur den Anschein. In der 5. Klasse fragte mich meine damalige Mathelehrerin einmal, ob ich denn auch geistig anwesend sei: „Dass du körperlich anwesend bist, sehe ich ja“. In der darauffolgenden Stunde schrieben wir eine Arbeit, welche die besagte Lehrerin mir dann mit den Worten zurückgab „Du bist geistig anwesend“ – Note 1. Passend dazu habe ich jüngst einen Spruch gefunden: „Listen und Silent are spelled with the same letters“. Das ist natürlich nur ein Zufall, aber da ist auch schon was Wahres dran. Aneinander vorbei reden passiert vielen Menschen. Aneinander vorbei schweigen nicht.

Trotzdem hat das Schweigen ein Imageproblem. Es wird als unangenehm empfunden. Schweigen will gelernt sein. Die wenigsten Menschen halten so etwas lange aus. Sie fühlen sich wohler, wenn sie verbal interagieren können. Sie führen zum Beispiel Smalltalk. Dabei entstehen selten wirklich geistreiche Gespräche. Oft darf das Wetter in solchen Momenten herhalten. „Kalt heute“ oder „Es regnet schon wieder“ sind da gern genannte Floskeln. Als hätte man selbst nicht bemerkt, dass man sich gerade im Winter befindet und dieser vorzugsweise etwas kälter daherkommt als der Sommer beispielsweise. Und dass es schon seit fünf Stunden wie aus Kübeln schüttet, wäre uns ohne den Hinweis der anderen Person völlig entgangen. Je nachdem, von welcher Generation man gerade das Gespräch von der Seite angeboten bekommen hat, erhält man noch die Zusatzinfo, dass dies der regenreichste Monat seit Februar 1983 sei. Das wisse der Gesprächspartner ganz genau zu berichten, denn da habe er ja seine Frau kennengelernt – also die dritte. Wie es den beiden davor ergangen ist, wird einem dann ohne eigenes Nachfragen auch noch geschildert. Ein langer Monolog über das Entfernen von Blutflecken aus Schlafzimmerwänden schließt sich an. Irgendwann hat sich das Thema auf Fußpilz verlagert. Hat er sich während der Kur in Bad Harzburg eingefangen. Gefragt wird man dann unweigerlich, ob man auch schon mal Fußpilz hatte. „Nein“, sage ich, „nur Scheidenpilz“. „Wieso? Sie sind doch ein Mann..?!“ – „Donnerwetter!“. Aus solchen Gesprächen, die nur das gemeinsame Schweigen überbrücken sollen, kann man gelegentlich einen Erkenntniswert erzielen, der größer ist als bei der Ringparabel. Schweigen wird gelegentlich als peinlich charakterisiert. Peinliches Schweigen ist also bekannt, peinliches Geschwafel weniger – obwohl es viel häufiger vorkommt.

Ich selbst schweige die meiste Zeit des Tages. Von Außenstehenden wird das meist als Desinteresse oder gar Arroganz wahrgenommen. Einige denken auch, dass es einem gerade sehr schlecht ergehen muss, weil man nichts sagt. Jedoch habe ich lediglich meistens nichts Interessantes mitzuteilen. Das geht den meisten Menschen so, aber sie reden trotzdem irgendwas, damit Geblubber entsteht. Ich finde, es ist in Ordnung einfach nichts zu sagen, wenn man meint, nichts Substanzielles beitragen zu können. Von den 17 Stunden, die ich wach bin während des Tages, rede ich schätzungsweise zwei. Darin inbegriffen sind sowohl Sätze, die einen gewissen Informationsgehalt beinhalten als auch humorige Bemerkungen, Begrüßungen, Verabschiedungen, „Ja“-Sagen, „Nein“-Antworten und einen schönen Feierabend wünschen.

Dabei gibt es durchaus Momente, in denen ich sehr gern rede. Eine Unterhaltung mit einem guten Freund kann etwas sehr Erfüllendes sein. Das kann gern auch über mehrere Stunden andauern. Diese Unterhaltungen sind extrem tiefgreifend und sinnhaft. Je größer die Gruppe wird, so scheint mir, desto oberflächlicher werden die Gesprächsthemen. Da jeder irgendwie irgendwas sagen möchte, verkürzt sich die jeweilige Redezeit und die Beiträge werden notgedrungen knapper und ungenauer (oberflächlich). Das musste einst auch Reporterlegende Peter Scholl-Latour erfahren. Er war in einer Talkshow eingeladen, in der unter anderem auch der Nahost-Konflikt diskutiert wurde. Nur waren die anderen Gäste in den Augen Scholl-Latours nicht sonderlich befähigt, ein fachkundiges Urteil über den Gaza-Krieg zu fällen. So sagte er schon bald resignierend: „Hiermit stelle ich die Konversation ein. Ich bin es leid, mich in dilettantischem Geschwätz zu erschöpfen“. Seit Jahren warte ich auf den Moment, in dem ich in einer größeren Runde von Oben herab diesen Satz einmal zum Besten geben kann. Jedoch fehlt mir dafür auch die Reputation eines Scholl-Latour.

Da sitzt man nun im Wartezimmer seines Vertrauens, genießt die Stille Erhabenheit der morbiden Gesellschaft und gönnt sich die Emma. Der Playboy oder der Spiegel würden den Blutdruck kurz vor dem Messen nur unnötig in die Höhe schnellen lassen. Wie viel Ärger man sich wohl so einhandelt durch unüberlegtes Sprechen und wie viele zwischenmenschliche Beziehungen daran schon zerbrochen sind? Durch Schweigen ist das sehr viel schwieriger zu erreichen.

Der Nächste bitte! Raus aus dem Schweigeraum, rein in das Sprechzimmer.

Ich frage mich, ob dieser Text wohl zu feindlich gegenüber den redseligen Menschen daher kommt? Falls ja, war das mitnichten meine Absicht! Schließlich liebe ich doch alle Menschen…
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Freitag 10. August 2018, 15:34

Von einem tapferen Vorbild - oder: Leiden ohne zu klagen

Die Fernsehsendung Domian lief von 1995 bis 2016 im WDR Fernsehen. In der einstündigen Sendung, die parallel auch im Radio bei 1 Live übertragen wurde, konnten Zuschauer ab 1 Uhr nachts live anrufen und mit dem Moderator Jürgen Domian entweder über ein vorgegebenes oder ein freies Thema sprechen. Manche Anrufer hatten Lustiges, andere Trauriges, Schockierendes oder Gruseliges zu erzählen. Nicht selten waren die Themen der Anrufer recht intim oder gar krank. Der Unterhaltungswert war mal größer, mal geringer. Einige Anrufer werden aber nicht nur in der Fangemeinde der Sendung unvergessen bleiben (aus unterschiedlichen Gründen).
Im September 2015 rief ein 17-jähriges Mädchen an. Sie berichtete von ihrer unheilbaren Krankheit Mukoviszidose. In jenem Jahr war sie gerade einmal zwei Monate zu Hause - die restliche Zeit verbrachte sie im Krankenhaus. Obwohl dieser junge Mensch ein schlimmes Schicksal zu erleiden hatte, klagte sie mit keiner Silbe. Bereits mit zwölf Jahren stand es nicht gut um sie. Ihr Onkel schenkte ihr ein kindgerechtes Buch, das ihr die Angst vor dem Tod nehmen sollte. Dieses Buch hatte sie mit knapp 18 Jahren immer noch. Zwischenzeitlich war ihre Lungenaktivität so stark gesunken, dass man mit ihrem sehr baldigen Ableben rechnen musste. Jedoch erholte sie sich glücklicherweise wieder. Es war kein Jammern in ihrer Stimme zu erkennen sondern ein sehr erwachsener, reflektierter Umgang mit diesem Umstand. Während ich mir ihre Geschichte anhörte, überkam mich der Gedanke „Sie hatte eigentlich gar kein richtiges Leben“. Da sagte sie doch wirklich vollkommen ernst: „Ich hatte ein schönes Leben“. Wow. Da denke ich beschämt an mich selbst und muss feststellen, dass ich schon oft über Dinge geklagt habe, die eigentlich nicht oder weniger stark zu beklagen sind als eine unheilbare (und leider schon recht stark fortgeschrittene) Krankheit, an deren Ende man ersticken wird.
Anstatt sich selbst zu bemitleiden tat es ihr unheimlich leid, wenn sie sah, welchen Kummer ihre Krankheit ihrer Familie brachte. Wie die Mutter oft weinte und nicht mit ihr über den Tod reden konnte. Dass ihre Brüder nicht die Aufmerksamkeit bekamen, „die sie verdient hätten“. Denn natürlich dreht sich familiär fast alles um einen Menschen, der seit der Geburt an todkrank ist.
Sie lerne gerade für ihr Abitur, das sie im Sommer 2016 ablegen wolle, sagte sie. Und sie hat eine Liste gemacht von Dingen, die sie noch schaffen möchte. Einige Sachen musste sie leider wieder streichen, weil sie diese gesundheitlich nicht mehr machen kann. Eine Reise nach Australien fällt aus, da sie das Land nicht mehr verlassen kann. Stolz und froh war sie, dass sie einen ihrer wichtigsten Punkte bereits abhaken konnte. Zusammen mit ihrem Vater (einem Lehrer) hat sie eine Stiftung gegründet, die sich für die Forschung gegen die Krankheit Mukoviszidose einsetzt. An ihrer Schule wurde schon ein Spendenlauf veranstaltet „und Kuchen verkauft“. Es kamen knapp 1.000 Euro zusammen, sagte sie glücklich. Ein weiterer Wunsch sollte zeitnah in Erfüllung gehen. Wenige Tage später hatte sie nämlich Geburtstag und diesen wollte sie unbedingt zu Hause feiern bei Familie und Freunden. „Ich hatte mir schon immer vorgenommen meinen 18. Geburtstag ganz groß zu feiern. Mit Alkohol trinken und so“. Zu diesem Zeitpunkt stand noch nicht fest, ob die Ärzte ihrem Wunsch stattgeben werden. Nicht nur ich hoffte es sehr für sie.
Moderator Jürgen Domian verabschiedete sich von ihr und wünschte ihr, dass sie ihren Geburtstag zu Hause feiern konnte und dass ihre Krankheit nicht so schnell fortschreiten möge. Abschließend bot er ihr noch ein Gespräch mit einer Psychologin an (diese ist Teil der Redaktion und tritt bei besonders schweren Gesprächen nochmal mit den Anrufern in Verbindung). Man hatte aber das Gefühl, dass eher der Moderator und die Zuschauer einen Psychologen benötigen als diese junge und starke Frau.
Eine Woche später berichtete Jürgen Domian in seiner Sendung, dass diese junge Dame ihm einen Brief geschrieben habe. Darin stand, dass sie ihren Geburtstag, wie sie es gewünscht hatte, zu Hause feiern konnte. Zwischen 12 und 20 Uhr durfte sie heimfahren. Ein schöner Gruß!
Im November 2015 rief die dann schon 18-Jährige erneut in dieser Sendung an. Dieses Mal hatte sie ein Anliegen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Sie empörte sich über den Beschluss des Deutschen Bundestags die aktive Sterbehilfe in Deutschland nicht einzuführen. In ihrer Stimme war nicht nur Empörung herauszuhören, sondern leider auch ein deutlich schwächerer Laut und vermehrtes Abhusten. Ihr Gesundheitszustand hatte sich offensichtlich verschlechtert. Mir tat es richtig weh, dass in dieser kurzen Zeit die Krankheit so viel weiter fortgeschritten war. Dennoch sprach sie in erster Linie nicht von sich. Es ging ihr bei der aktiven Sterbehilfe - einmal mehr - um andere.[...]
Am Ende dieses Gesprächs wünschte Jürgen Domian dem jungen Mädchen noch einmal, dass ihre Krankheit nicht so schnell weiter voranschreitet.
Mich hat diese sehr beeindruckende junge Frau und ihre Geschichte samt ihrer Haltung total ergriffen. Ich suchte im Internet nach ihr, schließlich erwähnte sie ja eine Stiftung. Auf YouTube fand ich ein kurzes Video. Wie sich herausstellte wurde es von ihrem Vater erstellt. Zu sehen waren Fotos von Celia, dem erkrankten Mädchen. Fotos von Kindertagen an. Unter anderem mit Sauerstoffschläuchen an der Nase. Am Ende des Videos war ein kurzer Text eingeblendet. Celia starb am 13.12.2015 um 4 Uhr. Danach der Verweis auf die Stiftung, die ihr so am Herzen lag. Ihr Vater schrieb dazu: „Kein Kind muss an Mukoviszidose sterben“.
Mich hat noch nie ein Mensch so sehr beeindruckt wie Celia. Sie ist ein großes Vorbild in Sachen Haltung, Demut und Altruismus. Es sollte mehr Menschen wie sie geben. Immer, wenn es mir schlecht geht, denke ich an sie. Celia, die nur ein kurzes und leidvolles Dasein hatte und von sich sagte: „Ich hatte ein schönes Leben“.
Das Buch, das ihr Onkel ihr geschenkt hatte, hat sie nach ihrem Tod Jürgen Domian vermacht. Wer die sehr ergreifenden Interviews von Celia hören möchte, dem verlinke ich diese an dieser Stelle. Ich selbst konnte es nur einmal hören. Es beschäftigte mich tagelang (Dauer ca. eine halbe Stunde). Das beschriebene Video vom Vater verlinke ich ebenfalls an dieser Stelle. Beide Videos werden von mir sehr herzlich empfohlen!
Möge sie in Frieden ruhen und ein Teil von ihr einem anderen Menschen Leben geschenkt haben! Und ihre Auffassung vielen Menschen ein Vorbild sein. Für mich ganz sicher!

Der Text wurde gekürzt, da es sich bei der aktiven Sterbehilfe um ein politisches Thema handelt, welches in diesem Forum nicht gewünscht ist. Der vollständige Text findet sich auf meinem privaten Blog. Hinweise dazu auf Anfrage (Anm. d. Autors).
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Donnerstag 13. Dezember 2018, 17:09

Ein Plädoyer für ein Kompliment

Worte haben Gewicht. Das ist keine neue Erkenntnis, muss ich auch mir eingestehen, der ja schon viele wirklich bahnbrechende Erkenntnisse hatte. Nur ist es immer wieder erstaunlich, dass ich trotz dieses Wissens diese „Macht“ so selten Gebrauche. Damit meine ich nicht die Macht jemanden zu Schaden, indem ich verletzende Dinge ihm gegenüber äußere. Das ist eine sehr negativ geartete Macht. Da umgebe ich mich dann doch lieber mit Menschen, denen ich zwar durch persönliche Infos von mir Macht über mich verleihe, die aber diese nie gegen mich verwenden. So jedenfalls der Plan. Ging auch schon ziemlich nach hinten los, bin ich aber auch nicht der Einzige, dem das mal so ging. Und das ist richtig bescheiden. Nach dieser sehr umständlichen Einführung nun zum Thema:

Mir geht es um die Macht der positiven Worte für Mitmenschen – man nennt sie umgangssprachlich auch „Kompliment“. Komplimente sind etwas Gutes. Wieder eine dieser Erkenntnisse, die ich hier exklusiv mit anderen teile. Doch leider werden viel zu wenig Komplimente verteilt. Nicht, dass das hier falsch verstanden wird: ich möchte mit diesem Text nicht dazu aufrufen mir viele Komplimente zu machen. Obwohl ich mich nicht beschweren würde, wenn sie denn ehrlich gemeint sind..
Ich habe vor wenigen Tagen eine Freundin besucht. Sie machte mir mehrfach einige sehr nette Komplimente. Das tat einfach gut und es tut jetzt noch gut, wenn ich daran denke. Solche Worte machen einfach vieles besser. Sie können einem den Tag retten oder dafür sorgen, dass der anstehende Tag viel positiver durchlebt wird. Wenn man das mal ein wenig überspitzt weiterspinnt, dann kann man durch ehrlich gemeinte Komplimente jemandem ein schöneres Leben schenken. Also warum macht man es nicht einfach? Warum mache ich es nicht einfach? Mir fällt es ehrlicherweise recht schwer Komplimente zu verteilen – jedenfalls mündlich. Schriftlich geht mir das recht gut von der Hand. Aber über die Zunge kommt mir sowas nur zu selten. Wieso eigentlich? Ich bilde mir ein, dass vielleicht andere gar keine Komplimente von mir haben wollen oder ablehnend reagieren. Wahrscheinlich ist diese Angst völlig unbegründet (wie so viele Ängste). Dabei wäre es so wichtig den Leuten, die mir wichtig sind, zu sagen, was ich so an ihnen schätze: „Die Unterhaltungen mit dir bedeuten mir viel“, „Ich mag deinen Humor“, „… deinen Musikgeschmack“ – whatever.
Leider ist unser Gehirn weniger auf Glücksmomente aus. Es gibt Theorien, wonach wir fünf Glücksmomente benötigen, um eine gleichrangige, schlechte Erfahrung wett zu machen. Klingt im ersten Moment unfair, ist aber evolutionstechnisch vonnöten. Wären wir permanent glückshormongetränkt, wären wir viel weniger empfänglich für potentielle Gefahren. Also blieb unserem Gehirn die Wahl zwischen völliger (aber eher kurzlebiger) Glückseligkeit oder länger leben. Zweiteres bedingt dann halt eher kürzere Momente des Glücks. Einige Zeitgenossen versuchen sich künstlich zusätzliche Glücksmomente zu schaffen, indem sie sich gewisse Substanzen injizieren. Interessanterweise leben diese Leute dann auch meist kürzer – zu viel Glück scheint einfach tödlich.
Aber so ganz ohne Glückszuführung geht es auch nicht. Also einfach mal den Menschen sagen, was sie für einen bedeuten und das Positive nicht nur denken, sondern aussprechen. Das macht glücklich – den Empfänger und den Komplimenteur. Ich bin ein guter Worteerfinder – wenn gerade niemand da ist, dann mache ich mir halt selbst ein Kompliment.

Übrigens bist du, der jetzt diese Zeilen liest, ein ganz toller Mensch. Ganz ehrlich. Du hast es bis hierhin geschafft und dafür bin ich dir sehr dankbar. Wollte ich nur mal gesagt (geschrieben) haben.
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Samstag 19. Januar 2019, 20:33

Introversion - The Sound Of Silence

Hello, darkness, my old friend. I’ve come to talk with you again.” - Simon & Garfunkel (The Sound Of Silence)

Wir müssen noch mal über das Persönlichkeitsmerkmal Introversion sprechen. Einfach, weil es mich interessiert und es Antworten liefert, wer ich eigentlich bin. Introversion ist nichts Negatives. An Persönlichkeitsmerkmalen ist ohnehin nichts gut oder schlecht zu finden. Jeder hat seine eigene und das hat auch seine Richtigkeit. Die Welt braucht alle möglichen Persönlichkeitsmerkmalen - auch die Introvertierten.
Ich habe mir zwei Bücher zum Thema Introversion gekauft. Das eine ist von Susan Cain: „Quiet. The Power of Introverts in a World that can’t stop talking”. Das zweite lautet “Kopfsache. Liebe den Introvertierten in dir” und ist von Patrick Hundt. Hundt stützt sich in seinem Buch zwar hin und wieder auf Cain, aber es ist eine eher unwissenschaftliche Herangehensweise. Das ist keinesfalls eine Kritik, denn er selbst sieht sich als ganz normaler Introvertierter „wie du und ich“. Susan Cain hingegen ist Anwältin für Körperschaftsrecht und Coach für Verhandlungstechniken. In beiden Büchern werden typisch introvertierte Eigenschaften und Verhaltensweisen aufgeführt. Anhand der Aussagen, die in den Büchern expliziert genannt werden, möchte ich gern ein paar Dinge aufführen, die meine Introversion verdeutlichen:

Ich ziehe Einzelgesprächen Gruppenaktivitäten vor.

Das trifft auf mich zu 100 Prozent zu! Ich kann in Einzelgesprächen völlig aufgehen. Meist rede ich dann zwar weniger als mein Gesprächspartner, aber diese Form der Kommunikation liegt mir und macht mir Spaß. Das liegt daran, dass es bei nur einem Gesprächspartner weniger Reize und somit weniger Stimulation gibt. Man kann viel tiefgründigere Gespräche führen, wenn man nur zu zweit ist. Jede weitere Person mehr macht das Gespräch oberflächlicher und bedeuten mehr Reize und Stimulation für mich. Außerdem führen Gruppengespräche immer zu einer gewissen Dynamik. Das macht es schwer der Konversation zu folgen - jedenfalls für jemanden, der genau überlegt bevor er redet und zunächst erstmal die Antworten der anderen durchdenken muss. Meist komme ich deswegen in solchen Runden kaum zu Wort. Und wenn ich mich selbst reflektiere, dann stelle ich fest, dass ich mich während der Gesprächsrunde immer weiter zurücklehne und gar nicht mehr versuche nochmal einen Redebeitrag zu leisten. Ich bin vollkommen in die Beobachterrolle geschlüpft. Meist bin ich dann der Erste, der sich aus der Runde verabschiedet, weil mir die vielen Reize Energie kosten und ich sehr erschöpft bin. Das ist auch der Grund, warum ich zum Beispiel nicht in Clubs gehe - danach bin ich mental völlig fertig.
Am besten gefallen mir tiefgründige Gespräche mit jemandem, der zwischendurch auch mal schweigen kann, damit das Gesagte in Gedanken nochmal verarbeiten kann. Solche 1-zu-1-Gespräche können über mehrere Stunden dauern. Sowas ist wirklich ein echtes Vergnügen. Auch wenn da ebenfalls gilt:

Ich bin erschöpft, wenn ich unter Leuten war, selbst wenn ich es genossen habe.

Ich brauche danach einfach eine Pause. Und das bedeutet vor allem Zeit allein. Spazieren gehen, Lesen oder Schreiben sind wunderbare Aktivitäten, die meine Akkus wieder aufladen lassen.

Ich mag keinen Small Talk.

Der Sinn, warum man über das Wetter reden soll oder auf die Frage „Wie geht’s“ mit „Danke, gut. Und selbst?“ zu antworten hat, erschließt sich mir einfach nicht. Lieber ist es mir, wenn man direkt zum Thema kommt. Wir Intros bezeichnen Small Talk daher gern als Zeitverschwendung. Mittlerweile habe ich aber auch gelernt, dass solch lockere Kurzgespräche ganz gut sind, um die persönlichen Vibes zu stärken. Menschen fühlen sich wohler, wenn erstmal random gequatscht wird. Man wird warm mit seinem Gegenüber und schafft eine Ebene, auf der man miteinander kann. Dennoch werde ich nie ein großer Freund dieser Gesprächsführung sein. Wie bereits geschrieben liegen mir tiefsinnige Gespräche eher.

Ich bin ein guter Zuhörer.

Absolut. Offensichtlich schaffe ich es auch andere zum Reden zu bringen und mir Dinge anzuvertrauen, die sie sonst noch niemandem erzählt haben. Das ehrt mich sehr und zeigt mir, dass man mir vertraut (es ist ohnehin unwahrscheinlich, dass ich etwas weitertratsche, da ich ja eh wenig rede). Außerdem merke ich mir fast alles, was man mir berichtet. Noch Jahre später kann ich detailliert wiedergeben, was der Erzähler selbst schon längst vergessen hat. Für sowas hab‘ ich n‘ Gedächtnis - um mal Loriot zu zitieren.

In Unterrichtssituationen sind mir Vorlesungen lieber als Seminare.

Vorlesungen sind anonymer. Man kann in der Masse verschwinden und muss außerdem keine Angst haben, dass man aktiv teilnehmen (einen Redebeitrag) abliefern muss. Man muss einfach nur zuhören. Eine sehr introfreundliche Angelegenheit. Bei Seminaren besteht durchaus die Angst, zwischendurch mal aufgerufen zu werden oder ein Referat zu halten. Eher unangenehm.

Wenn ich wählen müsste, würde ich ein Wochenende, an dem ich überhaupt nichts vorhabe, einem Wochenende mit einem zu vollen Programm vorziehen.

Ich liebe Wochenenden zu Hause! Das ist wirklich etwas Feines. Nur wenn ich zu lange zu Hause hocke, habe ich irgendwann tatsächlich das Bedürfnis mal rauszugehen. Aber nach einer normalen Arbeitswoche die zwei Tage in den eigenen vier Wänden zu verbringen, zu lesen, Musik zu hören, Filme/Serien zu schauen oder einfach nachzudenken, ist ein richtig reizvoller Gedanke, den ich dann gern in die Tat umsetze. Das darf man dann nur niemandem erzählen. Bei einigen scheint es wirklich verpönt zu sein, wenn man nicht von Freitag bis Sonntag nonstop Party macht. Oft schon habe ich gelogen, wenn ich gefragt wurde, was ich am vergangenen Wochenende getan habe. Klar bin ich in den Club gegangen, logo. Wo auch sonst? Ehrlich gesagt war ich in 26 Jahren noch nie in einer Disco. Mich hat das nie gereizt.

Ich mag keine Konflikte.

Das ist etwas, was ich mir wirklich ankreiden lassen muss. Denn Konflikte sind unabdingbar. Manchmal muss man ja auch für seine eigenen Rechte kämpfen und kann nicht alles mit sich machen lassen. Zu oft habe ich leider schon Ja und Amen gesagt, wenn ich gefragt wurde, ob ich diese oder jene unliebsame Aufgabe übernehmen kann. „Joa, kann ich machen“. So lässt man sich breitschlagen und dann ist man immer der Idiot, der sowas machen darf. Denn wenn man einmal Ja sagt, dann wirkt ein späteres Nein bei der erneuten Aufgabenübermittlung als ziemlich unfreundlich. „Wieso denn nicht? Du hast das doch beim letzten Mal auch gemacht?“ Ja, beim letzten Mal schon, aber ich bin doch nicht der Idiot vom Dienst, wenn ich einmal eine Gefälligkeit erledige. Ebenso mag ich keine Konflikte, wenn andere sie untereinander austragen und ich nur „Zuschauer“ der Szenerie bin. Dann wünsche ich mir oft an einem anderen Ort zu sein.
Memo an mich selbst: eine eigene Meinung haben und diese durchsetzen. Und akzeptieren, dass Konflikte oft einfach notwendig sind im Leben.

Ich lasse Anrufer häufig auf Anrufbeantworter sprechen.

…und überlege, ob ich unbedingt zurückrufen muss. Manchmal muss man ja leider - oder es wäre besser, wenn man zurückriefe. Ich bin ja sehr dankbar, dass man Geburtstagswünsche heutzutage schnell schriftlich übermitteln kann. Viele machen davon auch Gebrauch. Aber es gibt in meinem Verwandtenkreis Leute, die unbedingt anrufen müssen. Dann denke ich schon Tage vor meinem Geburtstag wieder nur über diesen einen Anruf nach. Und wenn die mich dann nicht sofort erreichen, bin ich ja in der Pflicht zurückzurufen. Wirklich unheimlich. Der Teufelskreis schließt sich aber erst dadurch, dass ich ja ebenso bei deren Geburtstag durchklingeln sollte. Mache ich ja auch alles. Schön ist jedoch anders.
Bei der Arbeit muss ich leider auch telefonieren. Wir haben eine Hotline für Kunden, bei der jeder mit seinem Telefon den Anruf ziehen kann. Meist warte ich, ob sich nicht jemand anderes erbarmt. Oder wenn ein Kollege einen Anruf bekommt, der gerade nicht da ist, bin ich oft sehr dankbar, wenn jemand anderes das Gespräch zieht. Dabei ist ja nichts daran zu finden, wenn man einfach sagt „Hallo, Kollege XY ist gerade nicht am Platz. Kann ich irgendwas ausrichten?“. Dennoch ist mir Telefonieren einfach ein Graus.

Ich drücke mich lieber schriftlich aus.

Das ist die Quintessenz aus der Telefonphobie[...]

The words of the prophets are written on the subway walls. And tenement halls. And whispered in the sounds of silence.” - Simon & Garfunkel (The Sound Of Silence)

(gekürzte Vorabversion)
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Samstag 14. Dezember 2019, 10:36

Bestattung

Da melde ich mich nach fast einem Jahr mal wieder hier auf diesem Kanal und manch einer wird sich vielleicht gefragt haben, wie es mir wohl ergangen ist. Natürlich nicht. Niemand fragt sich aufgrund der Abwesenheit hier, was mit mir wohl passiert ist. Dafür müsste dieser Blog ja von jemandem verfolgt werden... Gut, genug im Selbstmitleid gebadet. Theoretisch denkbar wäre es aber, wenn jemand in der langen Zeit fehlender Lebenszeichen denken würde, ich wäre dahingeschieden - im Sinne von tot. Das wiederum weckt in mir einen interessanten Gedanken. Wie wäre das eigentlich, wenn ich sterben müsste? Also sterben muss ich ohnehin, aber wie wäre es, wenn es in sehr absehbarer Zeit wäre und ich davon wüsste? Wem sagt man es, wem eher nicht, von wem verabschiedet man sich und wie sieht die Beerdigung aus? Sicher ist das ein etwas makabres Thema, aber ich bin durchaus für diese Humorfarbe zu haben und außerdem hat Elton John doch auch vom ewigen Lebenskreislauf gesungen! In einem Kinderfilm! Soll ich so geschmacklos sein und hier kundtun, dass ich mir insgeheim schon ein paar Mal vorgestellt habe, wie Elton John auf der Beerdigung von Diana „Circle of Life“ gespielt hat? Hätte ja irgendwie auch gepasst. Hätten manche aber wohl als unpassend empfunden. Wäre dann William hochgehalten und der Menge der Trauergäste präsentiert worden? Wer ist eigentlich Rafiki in diesem Gedankenspiel? The answer, my friend, is just a candle in the wind...

Der ursprüngliche Grund für diesen Text stammt aber aus einer meiner gelegentlichen Panikattacken. Dann liege ich nachts im Bett, bin total hysterisch und denke, dass ich nicht mehr aufwachen werde, wenn ich jetzt einschlafe, weil es mir hier oder dort zwickt. Durch diesen psychischen Stress, unter den ich mich dann setze, fange ich an zu schwitzen, habe Herzrasen, fühle mich erschöpft. Da kann nur noch Dr. Google helfen! Also fange ich an meine Symptome zu recherchieren und siehe da: Krebs! Bösartig! Vermutlich im Endstadium! Was heißt Endstadium? Vielleich noch ein paar Monate. Ich lege mich also wieder hin, im Wissen, dass nun einige Dinge geregelt werden müssen. Wie gehe ich da am besten vor?

Vor meinem inneren Auge liege ich bereits im Krankenhaus. Von links kommen Verwandte in mein Zimmer. Sie sehen alle recht traurig aus (Wollen wir hoffen, dass dem in der Realität auch so wäre!). Das beklemmt mich wiederum. Ich möchte gar nicht Tanten und Onkel sehen, die tief traurig und im Wissen des Abschieds mir auf dem Sterbebett begegnen. Es wird aber wohl unausweichlich so sein. Schließlich gehören sie zur Familie und ich werde in so einer Konstellation, dass mein sicherer und bevorstehender Tod die Runde macht, auch die Verwandtschaft zweiten und dritten Grades nicht ausklammern können. Aber wie läuft das dann ab? Die Leute treten an das Bett. Es werden noch ein paar Worte gewechselt. Ein letzter fester Händedruck. Ein „Danke für alles“ - was auch immer das sein mag. Wie lange bleibt man dann überhaupt? Eine Stunde? Und dann sagt man „Ich muss dann auch wieder, der Supermarkt macht gleich zu und wir haben keine Milch zu Hause“. Das mag jetzt pietätlos rüberkommen, aber solche Fragen stelle ich mir tatsächlich. Denn man weiß ja, dass es der letzte Moment ist, an dem man sich sieht. Wann beendet man diesen Moment? Hofft man, dass irgendwann eine Schwester oder ein Arzt ins Zimmer tritt und sagt, dass der Patient nun Ruhe benötigt? Ich wäre total überfordert als derjenige, der den Besuch abstattet. Aber in meinem Gedankenspiel war ich ja die Hauptperson und derjenige, dessen Ableben bald für Anwälte und Notare potentiell attraktiv sein könnte.

Über diesen Kreis der engeren Verwandtschaft hinaus müsste ich wohl aber selber aktiv werden und dem einen oder anderen die Mitteilung machen, dass es an der Zeit wäre Lebwohl zu sagen. Bei Freunden mit engerem und regelmäßigem Kontakt wäre das auch logisch und korrekt. Okay, in meinem Fall kann ich diese Gruppe schon mal ausklammern. Aber was ist mit Leuten, zu denen man schon lange wenig oder keinen Kontakt hatte? Es wäre schließlich die letzte Möglichkeit. Soll ich mich dann melden und sagen: „Hallo! ich weiß, dass wir kaum Kontakt haben, aber ich wollte dir mitteilen, dass ich bald sterben werde und dir hiermit auf Wiedersehen sage“? Eine sehr komplizierte Angelegenheit! Man könnte ja auch unverfänglicher an die Sache heran gehen und einfach nur mit „Hallo! Lange nichts gehört. Wie geht’s dir? Was machst du so?“ beginnen. Aber dann würde natürlich die Gegenfrage nach dem Wohlbefinden kommen.

Wenn dann mein Leben beendet ist und ich auf meine letzte Reise gehe und mich die Leute, die mir nahestanden (oder diese glauben, dass dies so war), mich begleiten, wäre es natürlich interessant zu wissen, wer bei der Beerdigung zugegen ist. Natürlich in erster Linie die Familie und die nächsten Verwandten. Aber außerhalb von Familie und Verwandtschaft wäre es schon interessant zu wissen, wer vor Ort ist, wer zumindest eine Karte schreibt und wer nur die Schultern zuckt ob meines Ablebens. Für Letzteres könnte ich auch niemanden verurteilen. Im Gegenteil! Es wäre sogar zutiefst ehrlich, wenn man nicht plötzlich dem Verblichenen in den mortalen Allerwertesten kriecht, nur weil der hinüber ist. De mortuis nil nisi bene. Schon klar. Aber warum die Einstellung über einen Menschen um 180 Grad ändern, nur weil dieser begonnen hat körperlich zu zerfallen? Mir sympathischer sind die Leute, die standhaft bei dem bleiben, wie sie vorher über jemanden gedacht und gefühlt hatten. Deswegen finde ich Trauerreden häufig auch sehr heuchlerisch. Wenn das immer alles stimmt, was dort erzählt wird und nichts Bedeutendes weggelassen worden ist, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass Ehebrecher, Banditen und Verbrecher nie sterben. Aber hier soll es ja nicht um andere gehen, sondern nur um mein Ende. Wobei ich mich frage, was meine Hinterbliebenen sich wohl in meinem Sinne ausdenken? Ein Rammstein-Best-of? Texte wie „Weiter, weiter ins Verderben. Wir müssen leben bis wir sterben.“ oder „Die Kreatur muss sterben. Waidmanns Heil.“ würden sich hier anbieten. Was werden sie dem Trauerredner über mich erzählen? „Joa, den hat es halt gegeben“. Ich glaube, ich muss in meinem Leben nochmal nachlegen, damit die sich nichts aus den Fingern saugen müssen. Das wäre mir sehr unangenehm! Übrigens: beim Wort „Hinterbliebenen“ ist mir eingefallen, dass das Wort „Liebe“ genau einmal in Grundgesetz vorkommt. Im Wort „Kriegshinterbliebenen“ (credits an Nico Semsrott).

Die Angst vor dem bevorstehenden Krebstod datiert aus dem April, folglich habe ich die ergoogelte Lebenserwartung nun schon deutlich überschritten und gut geht es mir auch. Das beruhigt mich fürs Erste. Ich werde mich nun auch wieder trauen nachts einzuschlafen. Bin ja schon ein großer Junge, hat Mama gesagt!
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Freitag 20. Dezember 2019, 19:59

Ella Endlich - Drei Aufforderungen von Aschenbrödel


Wenn die Weihnachtszeit näher rückt, dann schauen kitschophile Persönlichkeiten gern schon mal ab Oktober, wann denn endlich „Drei Haselnüsse für Aschenputtel“ im Fernsehen läuft. Und dann sehen sich diese Menschen tatsächlich alle 27 Ausstrahlungen an, die da Jahr für Jahr laufen. Diesem märchenhaften Terror setzt dann eine Sängerin die Krone auf, bei der das Publikum am Ende ihrer Auftritte wohl stets ihren Nachnamen ausruft: Ella Endlich. Ende der 1990-er Jahre hatte sie bereits und dem Namen Junia einige Charterfolge. Wer kennt nicht die Songs „It’s Funny“, „My Guy“ oder „Who’s the Other Woman“? Ich weiß leider auch nicht, who the other woman is, aber bin ihr sehr dankbar, dass sie offenbar keine Gesangskarriere eingeschlagen hat! Mit bürgerlichem Namen heißt Ella Endlich übrigens Jacqueline Zebisch, das soll der Vollständigkeit halber an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Tut aber auch eigentlich nicht zur Sache.

Als sie sich 2009 ihren neuen, aktuellen Künstlernamen zugelegt hat, hat sie einfach die kitschige Titelmelodie des Eingangs erwähnten Märchenfilms gestohlen und darauf noch kitschiger getextet. Es war laut Wikipedia die erste Coverversion der Titelmelodie, die von den Erben des Komponisten Karel Svoboda autorisiert worden ist. Man muss dazu sagen, dass Svoboda zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre tot war. Ansonsten wäre er wohl dann gestorben.

Das Lied trägt den Titel „Küss mich, halt mich, lieb mich“. Direkt drei Aufforderungen in einem Liedtext! Wäre Aschenbrödel so ihrem Prinzen entgegen getreten, hätte dieser wahrscheinlich gesagt: „Was soll ich denn noch alles machen? Ich hole dich aus diesem Loch und mache dich zur Prinzessin und das einzige, was du kannst, ist einfordern, einfordern, einfordern. Nee komm, da hab ich keinen Bock mehr... Ja, dann geh doch zurück zu deiner Mutter, ABER DER WAGEN BLEIBT HIER!“. Tschuldigung, ich bin thematisch gerade bei RTL reingerutscht.

Ich habe mir zur Recherche gleich mal das Musikvideo von Ella Endlich angesehen. Die Melodie des bekannten Weihnachtsdauerbrenners beginnt. Unter dem Erklingen von Glockenklängen und einer aufjaulenden Flöte (?), die nach einem waldbekannten Singvogels klingt, dem es zurzeit wohl gar nicht gut geht (zumindest in meinen Ohren), tritt Ella Endlich in der Kostümierung des Sensenmannes (nur in schneeweiß und ohne Sense) in der Dunkelheit in ein Schloss ein. Was sucht sie dort? Außer ihr scheint dort auch kein Mensch zu sein. Besonders spooky ist es, weil sich das Tor unmittelbar vor ihr offenbar von allein öffnet. In der nächsten Szene steht sie in einem Raum dieses Schlosses. Vom Raum selber sieht man wenig. Nur das Fenster ist im Hintergrund zu erkennen, Endlich steht in Großaufnahme vorn, hat ihren weißen Sensenmannumhang abgelegt. Darunter trägt sie ein Kleid, um die Schulter ein halbdurchsichtiges Seidenteil und um den Hals eine Perlenkette. Alles in weiß versteht sich. Die Spitzen ihrer Frisur würde ich fachmännisch als „Donauwelle“ bezeichnen. Also ich meine den gewellten Schokoladenüberguss. Ich mag der einzige sein, der bei diesem Anblick eine solche Assoziation hat, aber ich stehe dazu! Die Beleuchtung in dem Raum zeigt, dass dort zwar kein Mensch, Elektrizität aber durchaus vorhanden ist. Wahrlich märchenhaft! Im Angesicht dessen gibt Ella Endlich Fundamentales zum Besten: „La la lalala la la lala“. Die ersten menschlichen Worte beginnen mit einem Nebensatz: „Wenn es dich doch gibt“. Und in der Schule haben wir alle gelernt, dass ein Nebensatz nie allein stehen kann. Wo ist also der Hauptsatz? Weiter geht es jedenfalls mit „Ein Herz nur für mich schlägt“. Ganz schön egoistisch von ihr - und auch nicht der gesuchte Hauptsatz. „ Wer sagt mir heut‘, was morgen noch zählt“. Geld, Ella, Geld! Also das, weswegen du den ganzen Bums hier machst, wenn wir mal ehrlich sind. „Wird die Welt bald neu geboren?“ - In jedem Fall bricht sie bald zusammen, wenn du so weiter machst. Es ist ja ein sehr buddhistischer Ansatz von Wiedergeburt zu sprechen - vor allem vor einem christlichen Hintergrund wie der Weihnachtszeit. Wobei ich mich schon frage, was dieses Lied mit Weihnachten zu tun hat? Aber das ist ja bei „Last Christmas“ ähnlich. Wahrscheinlich hat hier das Märchen sein Übriges getan (also bei Ella Endlich, nicht bei George Michael). Aber außer den gelegentlichen Glocken gibt es keine Hinweise auf die winterliche Zeit.

„Der Weg ist mit Blumen und Sternen gesät“. Das ist ein Indiz dafür, dass hier nichts Weihnachtliches anhaftet. Selten sind Blumen unpassender als an Weihnachten - außer man weiß nicht, was man der Großmutter schenken soll. „Ich spür‘, mein Held wird kommen“. Ist nur die Frage wohin? Und kommt er bevor er erscheint? Okay, der war sehr pubertär. Ich entschuldige mich hiermit bei meinem sehr intellektuellen Publikum! „Siehst du, was ich seh‘?“ - Das viele Geld, was du für diese Sülze bekommen hast? Ja, wir sprachen bereits darüber. „Auch Wunder können geschehen“. Damit hast du nicht gerechnet, als du noch „It’s Funny“ gesungen hast, Jaqueline?!

Szenenwechsel: Ella hat wieder ihr weißes Sensenmann-Outfit übergeworfen und steht nun auf einer Art Brücke (ist nur im Anschnitt zu erkennen). Vielleicht ist es auch ein Durchgang innerhalb des Schlosses. Jedenfalls ist auch hier Elektrizität vorhanden. Es wird aus leichter Froschperspektive gefilmt. Das bedeutet, „wir“ befinden uns unterhalb der Brücke, auf der sie steht. „Dann wünsch‘ ich mir Flüsse, die Wasser noch führen“. Ja, was denn sonst? Blut? Okay, in der Zeit, in der Schlösser aktuell waren, kein sehr unwahrscheinliches Szenario. Tut mir leid, dass ich die Mittelalterromantik des Lesers hier trüben muss! Ansonsten würde mich aber wirklich interessieren, welche Sorte von Flüssen Ella Endlich kennt? „Dornen, die weichen und Rosen, die blühen“. Aha, das nächste Indiz gegen das Winter-Theme: blühende Rosen! Die Dornen werden wohl in jedem Fall weichen. Ella kann sie ja mit ihrem Gesang einschleimen. „Küss mich, halt mich, lieb mich. Für immer. Küss mich, halt mich, lieb mich“. Ich empfinde das als Drohung!

„Ein Prinz, der sein Leben, sein Herz für mich gibt“. Auch ein weißer Sensenmann ist ein Sensenmann! Das Werkzeug mag statt der Sense zwar die Musik sein, aber nach dem Leben getrachtet wird auch hier. „Ein Kuss, der die Nacht und den Zauber besiegt“ - An der Stelle fährt sich Ella Endlich im Video mit der rechten Hand von den Haarspitzen an über die Gesichtshälfte und schaut dann leicht angeekelt in ihre Handinnenfläche, als würde sie denken „Wer hat mir denn da in die Friese geeumelt?“.

Ab da werden das Video und das Lied noch eindimensionaler. Sie bestechen vor allem durch ständige Wiederholungen. Textlich wie videotechnisch gibt es kaum etwas, was wir bisher noch nicht gesehen haben oder hören mussten. Da sind wir noch bei Minute 1:51. Danach sehen wir nur noch, wie Ella Endlich traumwandlerisch durch den bekannten Raum torkelt. Der Raum scheint tatsächlich unmöbliert zu sein. Womöglich ist es ein Museum und man hat vor dem Dreh schnell alles in Sicherheit gebracht. Merkwürdig finde ich dann aber, wieso Ella Endlich sich ständig an der rosa gestrichenen Wand anlehnen darf. Normalerweise müsste da jemand vom Museum kommen und sagen: „Bitte nichts anfassen! Danke!“. Und was es für einen Hall geben muss, wenn dort keine Möbel stehen! Die Decken werden ja auch sehr hoch sein, kann ich mir vorstellen. Vielleicht kommt daher auch diese endlose „Lalalalalalala“-Sequenz vom Anfang, der vor dem Finale nochmal wiederholt wird. Sie hat bestimmt nur einmal „Lalala“ gesungen und es wurde doppelt und dreifach von den Wänden wieder zurückgeworfen. Da haben sie wohl gedacht: „Das nehmen wir mit auf, viel Text haben wir inhaltlich eh nicht. Und viermal alles wiederholen können wir auch nicht. Mit dem ‚Lalala‘-Teil strecken wir den Quatsch einfach“. Viele Dinge sind einfach durch Zufälle entstanden.

Dann folgt noch eine Szene, die mir sehr vertraut vorkommt: Ella Endlich beugt sich am Fenster nach vorn, stützt sich auf der Fensterbank ab und schaut durch das Fenster hinaus - in die Dunkelheit. Da gibt es einfach gar nichts zu sehen außer dem großen schwarzen Nichts. Endlich sieht schwarz sozusagen. Was mag das bedeuten? Ein Ausblick auf ihre Karriere? Danach kam jedenfalls nicht mehr viel. Aber die Geste kenne ich noch von meiner Oma, die auch immer so nach draußen gesehen hat, um zu schauen, ob die Post nicht langsam mal vorbeikommt. Grundsätzlich eher ein Habitus älterer Menschen. Meist auch verbunden mit dem Hinweis für spielende Kinder, sie mögen doch besser woanders herumtollen: „EY! GEHT MA BEI EUCH SPIELEN HIER!“.

Ansonsten gibt es nichts, was an dem Video oder dem Lied noch erwähnenswert ist. Ella Endlich dreht noch zwei Pirouetten und schon ist der Heuler heruntergeträllert. Als die Musik langsam ausklingt, schaut sie noch verträumt in den Scheinwerfer und denkt sich womöglich: „Was man für Geld alles macht..“.

Ich hingegen bin froh, dass ich es mal wieder durchgestanden habe und sollte ich mir jemals noch einmal freiwillig dieses Lied oder das Video ansehen, dann habe auch ich drei Aufforderungen an euch: Schlag mich, tritt mich, verscharr mich!
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Dienstag 24. Dezember 2019, 01:20

Videoanalyse: Wham! - „Last Christmas“


Zum Feste das Beste! Ich widme mich heute wahrscheinlich DEM Klassiker der populären Weihnachtsmusik: „Last Christmas“ von Wham!. Viele finden dieses Lied ja nerviger als der Besuch von Tante Hilde am 2. Weihnachtsfeiertag und man hofft nur deshalb darauf, dass die Weihnachtszeit schnell vorüber gehen mag und man wieder ein Jahr nichts von ihr hört. Aber dennoch verdient das Lied und vielmehr das Video eine gewisse Würdigung, finde ich. Mittlerweile wird es nach meiner Auffassung auch kaum noch im Radio gespielt. Da wird man viel mehr von Mariah Carey beschallt. „All I Want For Christmas Is You“ ist das neue „Last Christmas“!

Im Gegensatz zu Mariah Carey waren Wham! mit ihren Weihnachtsklassiker nie an der Spitze der Charts. Als „Last Christmas“ 1984 veröffentlich wurde, war Bob Geldof und seine Band Aid schon eine Woche früher am Start und haben mit „Do They Know It’s Christmas“ bereits das schlechte Gewissen der Menschen berührt. Da hat George Michael auch noch mitgesungen! Seit dem Tod von George Michael an Weihnachten 2016 ist „Last Christmas“ auch wieder regelmäßiger unter den Top 10 gelandet. Die Tantieme für das Lied ging ausschließlich an George Michael und nicht an seinen Bandkollegen Andrew Ridgeley. Der hat im Musikvideo aber auch die verflossene Liebe von George Michael abgeschleppt. Wobei das George Michael ja auch egal hätte sein können.

Musikvideo ist ein gutes Stichwort: Das Video zu „Last Christmas“ beginnt mit ein, zwei Kameraschwenks über schneebedeckte Berge. Man könnte meinen, es handelt sich hier um die Alpen - und ja, es sind wirklich die Alpen. Genauer gesagt die Walliser Alpen im Schweizer Skigebiet Saas-Fee, falls da jemand mal vorbeischauen möchte. In der nächsten Szene kommen zwei Autos angefahren. Ein dunkler Geländewagen und ein roter prähistorischer SUV. Ich oute mich an dieser Stelle als jemand, der von Autos keine Ahnung hat. Jedenfalls sind beide Wagen recht groß und haben jeweils vier Räder. How dare you, Mr Michael? Großaufnahme vom rechten Vorderrad des dunklen Geländewagens, in dem unter anderem auch George Michael sitzt: der Wagen bremst offenbar sehr abrupt. Die Räder rutschen nach dem Blockieren noch ein wenig über den schneebedeckten Untergrund. Gut gelaunt öffnet George Michael die Beifahrertür und schiebt den Sitz nach vorne, damit seine weibliche Begleitung aussteigen kann. Ohne ihr weiter beim Aussteigen zu helfen oder auf sie zu achten winkt er unnatürlich freudig in die Luft. In der nächsten Einstellung sehen wir, wem dieser overactete Gruß galt. Denn just in dem Moment, in dem Michael winkt, wird eine Dame am Skilift auf ihn aufmerksam und winkt zurück. Und erst als sie anfängt zurück zu winken, werden auch die anderen am Skilift auf die Ankömmlinge aufmerksam. Also die haben nicht bemerkt, dass da plötzlich zwei Autos mit brummenden Motoren angefahren kamen, sondern haben erst gesehen, dass ihre Freunde eingetroffen sind, als George Michael wortlos (aber mit weit aufgerissenem Mund) angefangen hat den Arm heftig von links nach rechts zu schwenken. Wie bereits erwähnt, befinden sich neben der Dame am Skilift noch weitere Leute dort und warten auf George Michael und die unwichtigen Nebendarsteller. Die Kamera zieht auf und wir können bewundern, wie die Leute an dem Skilift zurückwinken. Die erste Dame (die verflossene Liebe von Michael, wie sich später herausstellt) winkt ein wenig so, als wäre sie Teil der britischen Königsfamilie und grüßt vom Balkon des Königspalasts aus die jubelnde Menge, die die Geburt des vierten Thronfolgers feiert. Rechts neben ihr scheint Michaels Bandkollege Andrew Ridgeley von der ganzen Winkerei schon arg mitgenommen zu sein. Man kann sich richtig vorstellen, wie unter ihnen ein Animateur steht, der immer ruft „Winken, winken, winken!“. Von dieser monotonen Aufgabe scheint sein Hirn bereits weite Teile seiner Tätigkeit eingestellt zu haben. Den Arm hoch zu heben und die Hand zu einer immer fortlaufenden Winkbewegung zu steuern, fällt ihm zunehmenden schwer. Rechts neben ihm stehen noch vier Nebendarsteller, die keine Relevanz in diesem Video haben. Auch sie winken pflichtbewusst euphorisch, wobei eine Dame im grau-dunkel karierten Mantel mit hellem Schal und schwarzen Handschuhen die realistischste Darstellung zeigt: sie lässt nur zweimal kurz die Handflächen zusammenklappen und legt dann die Hand wieder auf das Geländer, als würde sie denken: „Ja, sind gegrüßt. Wunderbar, das hätten wir. Reicht auch wieder. Wann geht es zum Lift?“. Jetzt! Denn nun sind auch endlich alle anderen aus den Autos gestiegen und haben zu Winken begonnen. Michael hat die Winke-Orgie bereits beendet und geht mit seiner blonden Begleitung bereits in Richtung Treppe des Skilifts. Nochmal ein Close-Up zur ersten Dame am Skilift, die die Neuankömmlinge zuerst entdeckt hat. Sie schaut zu George Michael runter, dann neben ihr zu Andrew Ridgeley und dann wieder runter zu George Micheal. Und sie denkt sich wohl: „Hm.. sind das nicht die beiden Typen, die ‚Wake Me Up Before You Go-Go‘ gesungen haben?“. Während das Bild verschwimmt sieht man sie noch kurz auflächeln. Ja, sie sind es!

Schnitt. Wir sind nun oben am Skilift und sehen, wie George Michael mit seiner blonden Begleitung im Arm die Treppe hinauf kommt. Die Leute, die bereits auf sie gewartet haben, kommen ihnen entgegen und es folgt ein sehr weirder Moment, den wir alle kennen: man ist das Anhängsel von jemandem, der auf seine alten Freunde trifft. Dieser Jemand (George Michael) und dessen alten Freunde begrüßen sich demnach mit sehr herzlichen und gar stürmischen Umarmungen. Er ist ja kaum die Treppe hochgekommen, da wirft sich ihm eine Frau (nicht die verflossene Liebe) um den Hals. Seiner Begleitung wird von einem Herrn lediglich mit ausgestreckter Hand begrüßt, was sie offenbar überrascht, denn sie wirkt schon erstaunt, als sie die hingehaltene Hand erblickt. Das ist wirklich eine gute Beispielszene, bei der man sich hinterher socially awkward vorkommt. Alle anderen umarmen sich und mir wird mit weit ausgestrecktem Arm begegnet. Das wirkt distanzierter als jedes Geschäftstreffen. Wobei der Typ, der der blonden Dame den Arm hinhält auch George Michael nur mit einem Händedruck begrüßt. Er scheint halt keine Lust auf Körperkontakt zu haben. Andere Leute machen hingegen den Unterschied zwischen George Michael und seiner weiblichen Begleitung offenkundig: er wird weiter umarmt, ihr die Hand gereicht. Irgendwie unangenehm für denjenigen, der nur förmlich begrüßt wird. In der nächsten Szene sehen wir, wir alle zum Lift gehen - alle bis auf George Michael und Andrew Ridgeley. Wo die sind, wissen wir nicht, aber sie sind jedenfalls nicht Teil der Gruppe, die sich nun aufzumachen scheinen. Vielleicht müssen die beiden auch nochmal wegen Kathy Hill ein ernstes Wörtchen miteinander reden. Kathy Hill heißt die Dame, die offensichtlich zwischen den beiden Herren steht. In der nächsten Szene sehen wir, wie der rote Lift sich auf den Weg macht.

Die illustre Runde stapft dann durch den tiefen Schnee auf eine gottverlassene, aber sehr große Hütte aus Holz zu. Ich habe recherchiert, dass es sich hierbei genauer gesagt um ein Chalet handelt. Zwei aus der Gruppe haben ihre Skier mit dabei und tragen sie über der Schulter. Das ist der Klassiker, dass man unbedingt etwas mitnimmt und es dann NIE benutzt. Die nehmen die am Ende dieses Urlaubs genauso wieder mit, wie sie die da hingeschleppt haben. Das - Achtung - Chalet erreicht die Gruppe, indem sie über den Holzzaun klettern. Gibt es da kein Tor? Wieso steht da überhaupt ein Zaun? Nachbarn gibt es ja nun keine und dieser Zaun hält auch kein Viehzeug fern.
Im Chalet eingetroffen macht sich die eine Hälfte der Leute daran den Tisch zu decken, während die anderen den Weihnachtsbaum schmücken. Da frage ich mich, woher haben die zum einen den Baum und zum anderen das Schmuckzeug? Haben die das mitgebracht? War das schon vor Ort? Den Baum haben sie in jedem Fall nicht mitgebracht, denn der war nicht im Schlepptau als die Gruppe das Chalet erreicht hat. Chalet ist mein neues Lieblingswort. Es klingt irgendwie extraordinary. „Ich habe das Wochenende wieder in meinem Chalet verbracht“ klingt irgendwie cooler als „In meiner Datsche regnet’s rein“.

George Michael ist für das Baumschmücken eingeteilt, schmückt aber offensichtlich lieber sich selbst mit dem Glitzerfummel und schäkert parallel dazu mit zwei Frauen, die Teller und kunstvoll gebundene Servietten auf den Tisch stellen. Eine dieser Frauen ist Shirlie Holliman, die später selbst eine einigermaßen erfolgreiche Gesangskarriere hinlegen sollte. George Michael bewegt sich nun Richtung Baum. Jetzt ist auch zu sehen, dass es nach dem folgenden Schnitt zu einem kleinen Folgefehler kommen wird. Denn im Hintergrund ist zu sehen, dass Kathy Hill sich weit entfernt vom Baum befindet. Im nächsten Schnitt sitzt sie direkt unterm Baum, gleich neben George Michael. Manche mögen meinen, dass zwischen diesen beiden Szenen halt einige Minuten liegen, aber für mich ist das nicht ganz sauber. Jedenfalls lässt Michael die Glitzergirlande ausversehen *zwinker* auf Hill fallen, bückt sich danach (nachdem er ungeschickt versucht hat diese im Fallen aufzufangen) und dann sind er und sie auf Augenhöhe und... hach... ihre Blicke treffen sich. Man kann förmlich die Energie zwischen den beiden spüren. Wir wissen ja mittlerweile, dass er auf das gleiche Geschlecht stand. Insofern hätte er in dieser Szene zu ihr ja sagen können: „Was guckst ‘n so?“.

In der nächsten Szene sehen wir, wie ein Mann ins Chalet eintritt, in den Armen ein paar Holzscheite und auf den Haaren und am Trenchcoat ein wenig Schnee (gemeint ist das gefrorene Wasser). Süffisant lächelnd lässt er sich von der Gruppe feiern als wären sie seit Wochen von der Außenwelt abgeschnitten und er hätte die Notfallration aufgetrieben. Erst jetzt trennen sich die Blicke von Michael und Hill wieder. Sie scheinen sich wohl eine ganze Weile angestarrt zu haben. Michael steht auf und in der nächsten Szene sehen wir wohin es ihn verschlägt. Denn während im Bildvordergrund unser Held die Holzscheite weiterreicht und sich den Schnee vom Körper abschüttelt, turtelt George Michael im Hintergrund bereits mit einer anderen Dame am Baum. Hill gesellt sich nun zu ihrem Partner Andrew Ridgeley, der sie auf die Wange küsst. Das Bild verschwimmt und wir sehen die Gruppe nun wieder draußen vor dem Chalet. Sie klettern verspielt über den funktional nutzlosen Zaun und freuen sich als wären sie achtjährige Kinder. Einige rutschen den kleinen Hügel zum Zaun herunter, hinten rechts und etwas abseits packt sich jemand auf die Schnauze. Alle tollen und freuen sich im Schnee. Alle? Nein, George Michael bleibt allein vor dem Zaun zurück. Wie ein scheues Reh, das sich nicht traut über den gefährlichen Zaun zu hüpfen. Oder wie jemand, zu dem die Mutter gesagt hat: „Georgie, achte darauf, dass dein neuer Mantel nicht nass wird“. Es sieht etwas merkwürdig aus wie er leicht in die Knie geht und sich zögernd mit den handschuhbedeckten Händen auf dem Zaun abstützt. Sein Blick wirkt geistesabwesend, etwas sehnsüchtig. Alle anderen scheinen sich daran nicht zu stören. Sie machen eine Schneeballschlacht und Kathy baut einen Schneemann. Dass Rolf Zuckowski nicht mit Gitarre um die Ecke kommt, ist wirklich das Einzige..

In der nächsten Szene sitzen alle wieder bei Tisch. Andrew Ridgeley scheint begeisterter Traumschiff-Zuseher zu sein, denn wie beim Captain‘s Dinner serviert er irgendwas - Hauptsache, ein paar Wunderkerzen sind darauf. Es macht auch sonst eher den Anschein, dass hier bereits Silvester gefeiert wird. Luftschlangen fliegen durch die Gegend, die Leute haben alberne Plastikhüte mit Gummischnur auf dem Köpfen, manche haben diese nervigen Tröten in der Hand, die sich beim Hineinblasen ausrollen. Alle unterhalten sich und es wird viel gelacht. Verstohlene Blicke quer über den Tisch zwischen George Michael und Kathy Hill, die sich gerade ein Ohr abkauen lässt von Andrew Ridgeley. Aber vielleicht schaut Michael auch eher Ridgeley an, denn ein ehrliches Interesse an Hill kann er ja eigentlich nicht gehabt haben. Hill und Ridgeley sind übrigens im Partnerlook. Sie tragen beide ein weißes Hemd und darüber ein schwarzes Jackett. Ridgeley hat überdies noch eine Brosche am Jackett, die an eine gläsern-silbrige Blume erinnert. Merken Sie sich das, werter Leser! Das wird gleich noch wichtig! In der Szene am Tisch wird übrigens deutlich, dass hier niemand ein passionierter Weintrinker ist. Denn ausnahmslos alle fassen das Weinglas am Kelch, also am oberen Teil, wo der Wein eingefüllt wird, an. Man fasst hingegen am Stil an, weil man ansonsten die Körpertemperatur auf den Wein überträgt. Nicht ganz stilsicher die Runde! Noch einmal wird die Brosche groß gezeigt und Finger (von vermutlich Hill) streichen die über sie. Dann sitzen alle geistesabwesend auf der Couch. Die Kamera schwenkt die Gruppe ab, die einen eher gelangweilten (oder aber auch gesättigten) Eindruck macht. Es scheinen keine Gespräche stattzufinden. Michael ertrinkt seinen Kummer im Wein. Er denkt nochmal an das Lächeln, welches Hill ihm am Tisch geschenkt hatte.

Und dann sehen wir eine Rückblende: George Michael und Kathy Hill waren schon einmal auf dieser Hütt... in jenem Chalet! Ein Jahr zuvor (beide tragen andere Wintermäntel, die sie aber nicht geschlossen haben) und tollen fröhlich im Schnee herum. Michael packt sich hin, dann liegt er im Schnee auf ihr und scheint ihr einen unglaublich guten Witz zu erzählen. Jedenfalls kippt sie laut lachend nach hinten weg, mit dem Kopf in den Schnee hinein. Dann sitzen beide vor dem Kamin und neben dem geschmückten Weihnachtsbaum. Daher hatte die Gruppe also den Baumschmuck! Den haben Michael und Hill einfach im Jahr zuvor schon dort gelassen! Woher die Gruppe den Baum hat, erklärt das aber auch nicht. Michael schenkt Hill eine Brosche. DIE Brosche! Ja, jene, die nun am Revers von Andrew Ridgeley haftet. Hat die einfach weiterverschenkt an ihren Nächsten! Was für ein heftiger Diss! Da kann man das Lächeln von ihr zu Tisch aber ganz anders interpretieren („Dem hab‘ ich’s gegeben!“). Ganz schön fies!

Wir sind nun wieder in der Gegenwart und sehen, wie die Gruppe sich wieder aufmacht und das Chalet verlässt. Alle klettern wieder über den Zaun anstatt ein Tor zu benutzen. Die beiden Männer mit den Skiern tragen diese wieder auf den Schultern: „Den ganzen Quatsch wieder mit nach unten schleppen, nächstes Jahr lass ich die zu Hause!“, werden sie wohl denken. Es gibt hier nochmal eine Rückblende aus dem vorherigen Jahr, bei der nur Michael und Hill durch den Schnee wandern - Arm in Arm. Die Rückblende ist daran zu erkennen, dass beide andere Winterkleidung tragen als in der Gegenwart und sie allein sind. Die Rückblende verschwimmt wieder und wir sehen erneut die Gruppe, wie sie sich auf den Weg zum Skilift macht. Michael und Hill sind getrennt unterwegs. Dann ein Gegenschnitt auf die Berglandschaft der Walliser Alpen und wir sehen, wie ein blauer Skilift wieder beim Ausgangspunkt dieses Videos eintrifft. Die Gruppe steigt aus diesem Lift aus und geht an der Kamera vorbei. Alle schön paarweise, wie sie auch diesen Ausflug begonnen hatten. Das heißt, George Michael hat wieder seine blonde Begleitung im Arm, die niemand umarmen wollte und auch Hill hat sich bei Ridgeley eingehakt. Alle wirken recht glücklich und auch George Michael lacht.
Am Ende wird mit roter Schrift auf weißem Hintergrund „Merry Christmas and Thank You“ eingeblendet.


Zum Text schreibe ich nichts weiter. Dieser ist recht belanglos und es kennt ihn ohnehin jeder. Das Lied an sich hat auch nichts mit Weihnachten zu tun. Wenn es nicht „Last Christmas“ hieße und George Michael nicht mitten im Text völlig zusammenhangslos einmal „Merry Christmas“ flüstern würde, könnte es auch zu jeder anderen Jahreszeit spielen. Es ist in erster - und auch in letzter Linie - ein Liebeslied. Es geht die Mär, dass Wham! anno 1984 schnell noch ein Weihnachtslied veröffentlichen wollten und George Michael dann einfach bei seinem Lied „Last Eastern“ das christliche Fest ausgetauscht hat. Aber das ist wohl nur ein Gerücht. In jedem Fall hat es sich nun aber seit 35 Jahren gehalten und nervt einige Leute Jahr für Jahr aufs Neue. Gespielt wird es deshalb deutlich weniger als früher.


Na dann: Frohe Weihnachten!
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Dienstag 31. Dezember 2019, 11:44

2020: Ein Jahr unter neuem Motto


Am Ende eines Jahres blickt man gern zurück und schaut, was einem die vergangen 365 Tage gebracht haben. Weil das aber alle machen und ich es spannender und produktiver finde, werde ich mal einen keinen Ausblick auf das kommende Jahr 2020 geben. Zumindest in der Hinsicht, was ich mir persönlich vorgenommen habe. Denn die guten Vorsätze gehören natürlich genauso zu einem Jahreswechsel dazu, wie diese bereits im Januar dann zu beerdigen. Das wird mir allerdings nicht passieren, weil ich ein alter Sturkopf bin und grundsätzlich gern das Gegenteil von dem mache, was alle anderen tun. Mit „alle anderen“ meinte ich natürlich nicht dich, werter Leser! Du wirst deine guten Vorsätze sicher einhalten und durchziehen.

Was kann ich aber nun für gute Vorsätze für das abschließende Jahr dieses Jahrzehnts anfügen? Das muss man an dieser Stelle auch nochmal klarstellen: 2020 gehört noch zum derzeitigen Jahrzehnt dazu, da der Gregorianische Kalender das Jahr „0“ nicht kennt und folglich mit dem Jahr „1“ begonnen hat! Insofern ging das aktuelle Jahrzehnt am 01.01.2011 los und endet entsprechend am 31.12.2020 - also in 366 Tagen! Demzufolge haben viele Menschen am 31.12.1999 völlig falsch Millennium gefeiert. Das hätte eigentlich erst am 31.12.2000 erfolgen müssen. Gut, genug obligatorisch klug geschissen. Aber dafür lieben mich meine Fans ja schließlich.

Nun also wirklich zu den Vorsätzen. Ich bin ja eigentlich kein Freund von guten Vorsätzen zum Jahreswechsel, weil ich denke, dass man, wenn man wirklich etwas ändern möchte in seinem Leben, dies am besten sofort machen und auf keinen speziellen Anlass dafür warten sollte. Denn dann wird es meist nichts mit dem Durchhalten. Wenn du mit dem Rauchen aufhören willst, dann kannst du es hier und jetzt tun. Auch wenn wir gerade den 19. März hätten. Aber abends am 31.12. die letzte Kippe genüsslich zu rauchen hat eher etwas Sehnsüchtiges. Man möchte eigentlich nicht voneinander scheiden. Deswegen weg mit dem Glimmstängel - sofort! Außer natürlich, du möchtest weiter rauchen, dann weiterhin „Gut Qualm“! Ich persönlich habe es nicht geschafft mir dieses als Vorsatz nehmen zu können, denn das Rauchen konnte ich mir auf die Schnelle nicht angewöhnen. Abnehmen ist auch nicht unbedingt mein Problem. Ich kann mir ja vornehmen weiterhin so diszipliniert Sport zu machen und NOCH besser auf die Ernährung zu achten. Sounds good!

Weshalb ich diesen Text aber wirklich schreiben wollte: für das kommende Jahr 2020 habe ich mir vorgenommen jeden Monat einen bestimmten Betrag für wohltätige Zwecke zu spenden! Das ist ein Vorsatz, der es wirklich verdient hat, dass man ihn auch konsequent einhält. Es muss ja nicht galaktisch viel Geld sein. Denn da ja auch Kleinvieh bekanntlich Mist macht, möchte ich meinen Beitrag auf diese Weise leisten. Ich suche mir zwölf Sachen heraus, für die ich gern spenden möchte. Und weil man Gutes tun und darüber reden sollte, war es mir wichtig, auch nochmal darüber zu schreiben. Wenn du es dir leisten kannst, lieber Leser, solltest du vielleicht auch darüber nachdenken. Denn wenn wir mal ganz ehrlich sind, geben viele von uns Geld für Dinge aus, die wir gar nicht benötigen. Dann lieber die fünf Euro woanders abgeben. Und wenn man mit dem Rauchen aufhört, dann hat man ja durchaus ein paar finanzielle Mittel frei. Just saying...

Wie auch immer das neue Jahr für dich aussehen mag, ich wünsche allen, die dieses hier lesen, einen guten Rutsch ins neue Jahr und ein möglichst schönes, erfolgreiches und vor allem gesundes 2020! Bis nächstes Jahr - im alten Jahrzehnt.
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Mittwoch 15. April 2020, 19:58

Videoanalyse: Britney Spears – „…Baby One More Time“


Ich habe mich in meinen Beiträgen immer mal wieder an der Musik vergangen und mich mal an unsinnigen Schlagertexten, mal an unsinnigen Schlagervideos oder mal an unsinnigen Schlagertexten in unsinnigen Schlagervideos versucht. An Heiligabend ging ich dann bereits zur Popmusik über und huldigte Last Christmas (welch zynischer Musiktitel in diesen Tagen). Aber ein Name geistert bei mir hinsichtlich einer Analyse immer wieder durch den Kopf: Pamela Anderson. Aber dazu vielleicht irgendwann einmal mehr. Jetzt soll es mal um „Uns Britney“ gehen, wie der Hamburger sie ja nennt. Gefühlt hatte sie ja nur drei Lieder, aber wenn man mal genauer darüber nachdenkt, dann fallen einem (also sogar mir) erstaunlich viele von ihr ein. Ihre besten Jahre liegen dennoch weit zurück. Ende der 1990er / Anfang der 2000er war Britney Spears, liebe Kinder, in etwa sowas wie Taylor Swift heute. Ihre erste Nummer war wohl gleichzeitig auch ihr bekanntestes Werk: …Baby One More Time. Das war praktisch wie aus dem Mickey Mouse Club herausgezerrt und auf die Weltbühne geworfen. 1999 war ihr Debütalbum und auch die gleichnamige Singleauskopplung …Baby One More Time auf Platz 1 in den USA. Und damit war sie die Erste überhaupt, die das gleichzeitig geschafft hat, sagt das Wissenschaftsmagazin Wikipedia. In Frankreich reichte es nur für Platz 4. Eine junge Frau, die nach Schläge schreit, gilt dort als normaler Fetisch. Ein solcher Wahnsinnserfolg für eine 17-jährige muss natürlich auch durch ein sensationelles Musikvideo untermauert sein! Schauen wir also hinein in …Baby One More Time:

Wir fahren mit der Kamera auf Schuhsohlenhöhe durch ein Klassenzimmer. Es handelt sich um ein stereotypisch amerikanisches Klassenzimmer. Das bedeutet, dass die Schüler und die Schülerinnen Schuluniform tragen – die Mädchen also kurze Röcke. Und es handelt sich um Minderjährige. Das sei bei dieser Kameraeinstellung nur nebenbei bemerkt. Die Kamera stoppt bei einem Fuß, der fortwährend rhythmisch gegen das Tischbein schlägt. Zu einhundert Prozent flüssig und gleichmäßig ist das Schlagen zwar nicht ganz, aber für den Mickey Mouse Club hat’s ja gereicht. Schnitt auf das Gesicht. Und wir sehen nun bestätigt, wem dieser nervöse Fuß gehört: Britney Spears. Sie sitzt vor einem aufgeschlagenen Buch und klopft mit dem Bleistift zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt auf dessen Seiten. Es sind beinahe die einzigen Geräusche in diesem Klassenzimmer. Mit anderen Worten: sie nervt derbst! Als Lehrer hätte man hier schon längt interveniert mit den Worten: „Britney, das stört deine Mitschüler“. Aber die scheinen das gar nicht richtig zu registrieren, denn alle (Britney eingeschlossen) starren geistesabwesend nach vorn. Denn von dort ertönt das dritte Geräusch in diesem Klassenzimmer: klack – klack -klack. Jeder starrt auf die Uhr und sehnt den Schulschluss herbei. Jetzt muss man dazu sagen, wir befinden uns im prähistorischen Zeitalter der Technologie und Smartphones gab es noch nicht. Man musste sich also wirklich langweilen. Dennoch ist es unrealistisch, dass es kurz vor Ende des Unterrichts ist und noch niemand zumindest den Versuch unternommen hat, ein paar Unterrichtsutensilien in die Tasche wandern zu lassen. Dann sehen auch wir endlich das Objekt des allgemeinen Interesses: die Uhr! Sie ist sehr schön. Es ist sehr genau fast 15 Uhr. Nur noch eine einzige Sekunde fehlt! Zwei Schnitte weiter sehen wir, dass auch die Lehrerin gebannt auf die Uhr schaut. Hier hat also die Lehrerin bereits die weiße Fahne gehisst. Es herrscht eine friedliche Co-Existenz zwischen der Schülerschaft und dem Leerkörper: „Ihr terrorisiert mich nicht und ich gehe euch nicht mit Unterricht auf die Nerven. Gemeinsam bekommen wir die Zeit schon rum“. Das hat Michelle Pfeiffer in Dangerous Minds aber besser hinbekommen… Zurück zur Uhr, denn hier hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Wir erinnern uns, dass die Uhr eine Sekunde vor 15 Uhr verkündet hat. Bei den darauffolgenden Schnitten auf Britney und der Lehrerin ist das Ticken der Sekundenzeiger im Hintergrund weiter zu hören. Wenn man da mitzählt, dann wird einem beim nächsten Schnitt auf die Uhr klar, dass eine Sekunde fehlt! Es müsste beim letzten Schnitt auf die Uhr der Sekundenzeiger auf den dritten Strich nach „12“ zeigen, er zeigt aber auf den zweiten Strich! Dann schlägt der Zeiger noch eine weitere Sekunde und um genau 15 Uhr und 3 Sekunden klingelt es zum Stunden- und wohl auch Schulende. Alle Schüler heben gleichzeitig ihre Taschen vom Boden auf, was von der wie angewurzelt dastehenden Lehrerin ohne Kommentar akzeptiert wird. Bei uns hieß es dann immer „ICH beende die Stunde!“, aber okay. Wir sprachen ja bereits über das vermutete Abkommen zwischen der Lehrerin und ihren Schülern. Es erklingen auch die ersten musikalischen Töne. Es sind drei Töne, die sich dann auch öfter wiederholen. Sehr simpel und einprägsam. Vor allem aber ist der Wiedererkennungswert sehr groß. Das ist das Wichtigste in der Popmusik. Britney singt „Oh Baby, Baby“, was sie übrigens auch in Oops! …I Did It Again macht und ein wenig zu ihrem Stilmittel wurde. Die Klasse erhebt sich von ihren Stühlen und Britney lächelt nochmal die Lehrerin an. Und dies mit einem Gesichtsausdruck, der vor allem sagt: „Ihr Unterricht interessiert mich einen Feuchten, aber ich schleime mich für ein paar gute Noten trotzdem gern bei Ihnen ein. Tschö mit Ö“. Nächster Schnitt und wir sehen von Außen, wie sich die Klassenzimmertür öffnet und Britney die Erste ist, die hinausgeht. Also war außer diesem halbherzig geschleimten Lächeln nicht mehr viel. Kein „Ich wünsche Ihnen noch einen wunderschönen Tag, Miss Hitl…Turner“. Oder wie auch immer die Lehrerin auch heißen mag. Britney schmeißt sogar regelrecht die Tür auf und schaut so verkniffen als würde sie sich selbst vor ihrer Anbiederei ekeln. Hinter ihr kommen zwei weitere Mädchen, die beide schelmisch grinsen oder sogar lachen. Es wirkt wirklich so als würden sie denken: „Die Turner ist so doof, die merkt gar nicht, dass wir die voll hassen, ey“. Übrigens verlassen alle Mädchen das Klassenzimmer ohne Ihre Taschen, die sie ja zuvor vom Boden aufgehoben hatten. Haben sie diese im Klassenraum gelassen? Da werden doch bestimmt auch persönliche Utensilien, Hygieneartikel oder Nahrungsmittel drin sein, die man permanent bei sich trägt und auch mit nach Hause nehmen will oder muss. Interessant auch, wie man hier das Outfit in seiner Gänze sehen kann. Bei Wikipedia war zu lesen, dass es sich hier um eine katholische Schule handeln soll, die Britney besucht. Dafür sind die weißen Blusen der Mädchen (aller Mädchen!) doch sehr großzügig und vor allem freizügig nach oben gekrempelt und knapp unter der Brust zugeknotet. Das wird dort also auf einer katholischen Schule geduldet??? Da muss ich meine religionskritische Weltanschauung ja nochmal krass überdenken.

Ein Blick aus der Totalen verrät, dass auch die Schüler der anderen Klassen ihre Räume fluchtartig verlassen, als wäre das Höllenfeuer des Todes ausgebrochen oder das neue i-Phone veröffentlicht. Aber sowas gab es damals ja noch nicht, wie bereits erwähnt. Wahrscheinlich mussten die aber auch schnell zum Bus, man kennt das ja. Kaum auf dem Flur angekommen, fangen Britney und ein paar andere Hochgekrempelte an, eine Tanzperformance auf den Schulflur hinzulegen. Man kennt das ja. Und outfittechnisch wird hier noch etwas ziemlich deutlich: Britney ist nämlich leicht anders gekleidet als die anderen Mädchen. Ja, sie hat auch diese hochgekrempelte, bauchfreie Bluse, aber darüber trägt sie als Einzige ein graues Jäckchen UND sie ist das einzige Mädchen, welches keine weißen, sondern graue Socken (oder Stutzen/Strümpfe) trägt! Man hat sie also nochmal optisch aus der Masse hervorheben wollen. Das ist ein alter Trick, welcher schon zu Zeiten Bismarcks Anwendung fand. Bei der Kaiserkrönung Wilhelms 1871 wurde Otto von Bismarck von Maler Anton von Werner in weißer Uniform dargestellt – umgeben von dunklen Uniformträgern. Ob Bismarck tatsächlich eine weiße Uniform trug oder vom Maler bewusst so inszeniert wurde? In jedem Fall sollte Bismarck optisch hervorgehoben sein. Und das gleiche Prinzip sehen wir auch hier in diesem Musikvideo. Die Protagonistin besitzt ein optisches Alleinstellungsmerkmal. Mittlerweile schlendern auch die männlichen Schüler aus dem Klassenzimmer. Sehr viel langsamer und bereits im Groove der Musik. Sie sind jedoch – anders als ihre weiblichen Klassenkameradinnen – weiter tadellos gekleidet. Jacket und Krawatte sitzen noch so, wie es eine katholische Schule gut heißen würde. Aber auch sie scheinen ihre Taschen lieber im Klassenzimmer zu lassen und ohne diese nach Hause zu gehen. Der guten Laune tut das keinen Abbruch, denn Britney und friends legen auf dem Schulflur schließlich eine Tanzperformance hin!

Der letzte Beat vor dem Gesang lässt die Kamera von Britneys Gesicht aufziehen und offenbart die Ganze Gruppe. Britney schmeißt die Arme zur Seite und ihre Tänzerinnen im Hintergrund werfen den Oberkörper nach hinten. Ganz hinten sind auch ein paar männliche Schüler zu sehen. Einer von ihnen dachte wohl, dass dies sein Augenblick wird und hüpft im Moment, wo die Kamera aufzieht, wo Britney die Arme zur Seite schmeißt und die Tänzerinnen den Oberkörper nach hinten werfen, hoch in die Luft. Man kann förmlich spüren, wie er „Yippie!“ oder sowas ruft. Oder auch „Schau mal Mama, ich habe es zu MTV geschafft“. Damit ist er dann allen Verwandten und Freunden auf den Wecker gegangen. Ich wette, von den heute 477.000.000 Aufrufen auf YouTube gehen mindestens 400.000.000 auf sein Konto: „Wisst ihr eigentlich, dass ich damals im Video von Britney dabei war? Schaut, da bin..“ – „ICH KANN’S NICHT MEHR HÖREN!!!“. MTV war übrigens früher sowas wie YouTube nur ohne Katzenvideos. Ganz links an der Seite steht übrigens ein dunkelhäutiger junger Mann (ohne Krawatte, dafür aber mit eleganter Kopfbedeckung). Er tanzt nicht, sondern fasst sich nur einmal lässig-abgeklärt an seine Mütze/Hut/whatever. Das ist mein Held! Er zeigt, man muss nicht unbedingt alles können, man muss nur den Schein wahren und dann bringt man es auch zu etwas. Viele erfolgreiche Menschen haben sich an ihm ein Vorbild genommen. Währenddessen tanzt Britney weiter. Sie trägt einen bordeuxroten Büstenhalter. Ob das auch ein Alleinstellungsmerkmal ist, kann ich leider nicht bezeugen. Die anderen Mädchen halten nämlich zumindest einen Knopf an ihrer Bluse zugeknöpft. Britney… entlastet die Knöpfe lieber gänzlich. Bei dieser körperbetonten Performance auch verständlich. Die anderen Schüler, die nicht tanzen, ziehen sich an ihren Spinten auf dem Flur um. Das heißt, die Mädchen ziehen sich überhaupt erstmal etwas an. Einige schauen interessiert, verdutzt oder auch freudig zur Tanzgruppe und denken sich: „It’s Britney bitch“. Bei diesem Satz habe ich mich immer gefragt, ob nach „Britney“ noch ein Komma folgt oder nicht? Korrekte Interpunktion ist so wichtig, liebe Kinder! In Zwischenszenen wird immer wieder gezeigt, wie Britney allein und traurig vor den Spinten steht. Hier hat sie ihre Schulutensilien bei sich, um sich an sie klammern zu können. Sie sucht nach Halt, würden ich tiefenpsychologisch analysieren. Britney soll uns hier als das zerbrechliche Wesen vorgestellt werden, das noch einmal von ihrem Schwarm geschlagen werden möchte bevor sie ein paar Jahre später in einen Friseursalon spaziert und sich selbst eine Glatze rasiert.

Dann kommt der Refrain. Den ersten Satz des Refrains singt sie in dieser Zwischensequenz allein als armes, verstörtes Mädchen: „My loneliness is killing me“. Schnitt und wir sehen wie just in dem Moment als uns die arme Britney beichtet, dass ihre Einsamkeit sie umbringt, ein Typ fröhlich eine Piroutte dreht und vermutlich ruft: „Yippie! Loneliness killed the music video star“. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass Britney Spears eine sehr tongueske Aussprache hat. Zumindest was das Playback angeht. Besonders bei Wörtern, die mit „L“ beginnen (siehe hier „loneliness“), streckt sie bei der Aussprache unnatürlich stark die Zunge heraus. So spricht (oder singt) doch keiner! Am Ende des Refrains tauschen in der Tanzgruppe die Mädchen und die Jungs die Plätze – Mädchen nach hinten, Jungs nach vorn. Brtiney bleibt natürlich in vorderster Front und trällert die letzten Worte des Refrains. Wobei sie das natürlich hörbar nicht allein macht. Es liegen mehrere Stimmen auf diesem Refrain. Auch bei Live-Auftritten merkt man sowas öfter (nicht nur bei Britney Spears). Im Hintergrund singen immer noch ein paar Leute mit, weil der vermeintliche Star das Lied offenbar nicht allein tragen kann. Nicht umsonst hat Dieter Bohlen mal den Satz geprägt, dass man den Gesangspart einfach hundertmal doppelt und dann klingt das schon irgendwie gut (siehe Modern Talking). Das ist ebenso ein Phänomen in Fußballstadien. Jeder einzelne allein trifft wahrscheinlich kaum einen Ton, aber wenn 30.000 Menschen gemeinsam singen, dann hört sich das gut und richtig an.

Nun hat Britney im Schulflur fast fertig gehampelt. Der abschließende Beat ist der gleiche, der unmittelbar vor dem Beginn des Gesangs eingespielt wurde. Britney wirft dazu den Kopf samt Oberkörper schwungvoll nach vorne und ich denke mir so: „Fängt sie jetzt an zu headbangen? Was war da denn los? Man weiß es nicht“. Aber leider wird aus dieser seichten Pop-Nummer kein Metal-Meisterwerk mehr. Offenbar hat nun auch die Tanzgruppe gemerkt, dass der Unterricht beendet ist und läuft jubilierend hinaus. Und ich habe mich an der Stelle gefragt, ob ich mich darüber lustig machen sollte, wie Britney hier läuft und dass das doch so aussieht als wäre sie nicht sonderlich geübt in diesem Bewegungsablauf. Aber nein, ich erwähne dies hier nicht. Sie singt als Überleitung auf die nächste Strophe nochmal „Oh Baby, Baby“. Übrigens: Werter Leser, versuchen Sie sich doch mal darin die Augen zu schließen und das Lied ...Baby One More Time mitzusummen. Na, auch bei Oops! …I Did It Again gelandet? War irgendwie der größere Ohrwurm, oder?

Wir wechseln die Szenerie und befinden uns auf einem öffentlichen Platz an der Straße. Es ändern sich aber wirklich nur die Szenerie und die Kleidung. Getanzt wird selbstverständlich auch hier. Die Darsteller tragen nun statt der steifen (oder heiß..äh.. anzüglichen) Schuluniform Straßenklamotten, wie man so sagt. Das hieß damals größtenteils sehr weite Kleidung zu tragen. Einige der männlichen Tänzer tragen auch Sporttrikots (wir werden später noch darauf zurück kommen). Britney trägt ein rötliches Top, eine weite, weiße Jogginghose und Turnschuhe. Das wichtigste aber für die damalige Zeit ist, dass sie selbstverständlich bauchfrei ist. Das war damals wirklich elementar und gehörte genauso zum guten Ton wie eine Mutter oder Oma, die daraufhin zu sagen pflegte: „Kind, du wirst dir noch was an den Nieren holen“. Im Hintergrund sind Autos in auffällig knalligen Farben zu sehen. Rechts ein gelber Jeep, links ein roter Jeep und ganz weit hinten und mittig steht ein blaues Caprio, welches gleich noch in den Vordergrund rücken wird. Ich frage mich, ob die Eltern wissen, dass ihre Kinder mit ihren Autos unterwegs sind oder ob Dad nicht doch seinen blauen Flitzer vermisst? Aber bestimmt werden sie gefragt haben: „Dad, darf ich mir dein Auto ausleihen? Britney gibt heute eine total coole 90er Jahre Tanzperformance draußen im Park. Da müssen knallbunte Autos im Hintergrund stehen, die garantiert nicht den Schülern gehören“. Das hat überzeugt. Übrigens schreibt Wikipedia, dass die Tanzeinlagen „Gymnastikübungen“ sind. Okay, ist im konservativen Sprachjargon nicht ganz verkehrt. Und in der Tat macht Britney dann auch einen Überschlag rückwärts. Insofern lassen wir Gymnastikübungen mal durchgehen. Kurz darauf sehen wir eine Zwischensequenz, in der eine Tänzerin kurz mit Britney redet und etwas total Witziges gesagt haben muss, denn Britney lacht. Sie nickt aber auch so als würde sie zu der Tänzerin erwidern: „Jaja, ist überhaupt nicht lustig“. Daraufhin winkt die Tänzerin ab als hätte diese nun gesagt: „Ach, vergiss es einfach“. Und nun ist es soweit: das blaue Caprio is in the hood! Britney sitzt darin. Man kann es im ersten Schnitt nicht gut erkennen, aber bald darauf wird es deutlich. Als der Refrain wieder startet, sitzt sie auf dem Beifahrersitz des blauen Caprios und hat den Kopf auf die verschränkte Arme gelegt, welche auf der geschlossenen Tür ruhen. Und wir alle fragen uns, wem gehört nun dieses Auto? Hat Britney etwa einen Freund? Schließlich sitzt sie ja auf der Beifahrerseite. In der nächsten Szene (wieder auf dem Dancefloor, welches die Autos nur im Hintergrund offenbart) wird sie von einem Typen mit Sporttrikot angetanzt. Er trägt die Nummer 5. Ist er es, Britney? Hast du dir wegen ihm damals die Haare abrasiert? Oder wegen des blauen Caprios? Sei ehrlich! Beenden wir nun den Ausflug nach draußen. Es gibt zum Ende noch ein bisschen Gymnastikübungen, wie wir gelernt haben. Britney zeigt nochmal einen tollen Flickflack. Ich habe mir diese Szene übrigens mindestens 50 mal angesehen, um zu erkennen, ob Britney wirklich diese turnerische Meisterleistung vollbringt oder ob das ein Double ist. Dann habe ich aber ein Video entdeckt, welches die Proben zu diesen Tanzeinla… Gymnastikübungen zeigt. Und tatsächlich hat sie auch dort all diese Szenen vorgeführt. Damals ging das noch. Heute bricht sie sich bei einer Drehbewegung schon den Fuß.

Und wieder ändert sich der Handlungsort. Jetzt befinden wir uns in einer Turnhalle. Neben Britney sitzen nur wenige Leute auf der Tribüne. Sie hat einen Basketball in der Hand (warum auch immer) und schmachtet einen Typen an, der laut Wikipedia der junge Mann sein soll, dem sie in dem gesamten Lied hinterhertrauert. Und laut Wikipedia handelt es sich bei diesem Darsteller um ihren eigenen Cousin! Tja, incest is a game the whole family can play. Auf den Tribünen steht, dass die jungen Leute sich doch bitte an die Hallenordnung halten möchten („Keep aisle clear“). Und wer hält sich nicht daran und sitzt einfach auf dem Gang? Britney bitch! In der nächsten Szene sitzt sie aber nicht mehr auf dem Gang, sondern brav daneben. Also entweder hat sie sich binnen weniger Sekunden hinüber gesetzt oder es handelt sich hier wieder einmal um einen Fehler – wie schon bei der Uhr! Im darauffolgenden Schnitt sitzt sie dann auch noch in einer ganz anderen Reihe.. Nachdem dieses Zwischenspiel, welches den Übergang zum großen Finale darstellt, beendet ist, tanzen Britney und ihre Gymnastikfreunde mitten in der Halle. Halt so, wie sie es schon im Schulflur oder im Park getan hatten. Die Halle ist aber relativ dunkel und von draußen blitzt es immer wieder. Vermutlich ist durch ein Unwetter der Strom ausgefallen. Kann passieren. Im Hintergrund kann man anhand eines Schriftzugs an der Wand erkennen, dass sie sich in der Venice High School in Los Angeles befinden, in der 20 Jahre zuvor Grease gedreht wurde (mit Olivia Newton-John und John Travolta). Das Unwetter wütet unterdessen weiter und die Tanzperformance erreicht seinen dramatischen Höhepunkt, indem jeder der Tänzer eine individuelle Figur einnimmt und diese nach jedem Beat verändert. Und was sehen wir da im Hintergrund? Ein dunkelhäutiger Typ, der einen Purzelbaum schlägt! Da knutscht mich doch ein Elch, wenn das nicht unser Kumpel vom Beginn ist, der bei der Tanzperformance im Schulflur sich nur einmal die Mütze zurecht gerückt hatte! Es mit Skills im Minusbereich dennoch in die Endfassung eines hochbeachteten Musikvideos zu schaffen, zollt mir höchsten Respekt ab! Dann sehen wir endlich, warum man sich wahrscheinlich überhaupt in der Halle versammelt hat: es findet ein Basketballspiel statt. Die Spieler tragen die gleichen Trikots wie die bereits angesprochenen Jungs, die vorhin noch mit Britney draußen Gymnastikübungen gemacht hatten. Das kuriose an diesen Spiel ist jedoch, dass BEIDE Mannschaften die gleichen Trikots tragen. Also spielen die offenbar gegen sich selbst. Und das noch nicht mal so gut, denn in einer Szene versemmelt ein Spieler einen Dunking. Auf den Tribünen wird sich dennoch abgeklatscht, denn wenn man gegen sich selbst spielt, gewinnt man ja so oder so. Es scheint also eine Schule zu sein, die für Schüler gedacht ist, welche sehr behütet werden müssen. Britney und die Gymnastikgruppe scheinen einen Super-Bowl-esken Halbzeitauftritt abzuliefern. Da hat sie also schon mal geübt, denn 2001 ist sie dort aufgetreten. Naja, eigentlich sind sehr viele in jenem Jahr aufgetreten und alle haben ihre eigenen Lieder gesungen – bis auf Britney, die man irgendwie da noch mit auf die Bühne gestellt hatte. Warum wird nie aufzulösen sein.

Während die Gymnastikgruppe in den letzten Zügen die mäßig besetzten und überschaubar begeisterten Reihen der Hallentribüne bespaßen, tritt die Lehrerin in die Halle, die ja zu Beginn mit den Schülern die Uhr voller Spannung verfolgt hatte. Zunächst noch mit skeptischen Blick, wird sie langsam aber sicher immer lockerer und tanzt zum Ende sogar ein wenig mit. Dieses Motiv der zugeknöpften Alten, die mit der Zeit vernünftig wird, ist in mehreren Musikvideos zu finden (vgl. z. B. Outkast – „Hey Ya!„). Mit dem letzten Beat und einem abschließenden Luftkick wird auf einmal die Schulklingel wieder aktiviert. Wieso klingelt es noch einmal? Am Anfang waren wir doch schon am Schulschluss und nun klingelt es erneut? Und alle Schüler laufen wie von der Tarantel gestochen aus der Halle. Fragt sich nur wohin? Denn die Lehrerin macht keine Anstalten in den Unterricht zurück zu kehren. Sie wird sogar regelrecht von den Schülern beinahe umgelaufen. Die denkt sich auch wohl, dass die nächste Stunde Uhranglotzen auch ruhig ein wenig mit Verzögerung beginnen kann. Oder aber handelt es sich um den Feueralarm, der ausgelöst wurde? Aber dann müssten die Schüler nochmal bezüglich des geordneten Herausgehens aus dem Schulgebäude gebrieft werden! Und dass die Lehrerin da einfach stehen bleibt, halte ich für das Fortbestehen der eigenen Existenz auch eher für schwierig. Es folgt eine Weißblende und wir sehen Britney wieder verträumt in Schuluniform im Klassenzimmer sitzen. War also alles nur ein Tagtraum? Sie lächelt und denkt sich vielleicht: „It’s Britney, bitch“. Das Video ist zu Ende.

Abschließend noch ein paar Worte zum Video und der Musik überhaupt. Der Regisseur Nigel Dick hatte laut Wikipedia für das Video die Absicht, dieses im Cartoon-Stil darzustellen. Auf die Nummer mit der Schule kam wohl dann Britney Spears selbst. Und es war international außergewöhnlich erfolgreich. Das Video wurde am 07. und 08.08.1998 gedreht, veröffentlicht wurde das Lied an 13.10.1998. Eine eher unglückliche Zeit für eine Einordnung in das jeweilige Jahr, weil 1998 nur noch wenige Woche andauerte und der Boom sich bis ins Jahr 1999 hinein zog. In Australien war die Single nämlich die zweiterfolgreichste des Jahres 1999. Und wer jetzt weiß, welches Lied in Australien im Jahr 1999 das erfolgreichste war, der bekommt meinen tiefsten Respekt – und ein Stirnrunzeln, weil man sich als Mensch mit durchaus sinnvolleren Themata beschäftigen kann. Es war übrigens Mambo No. 5 von Lou Bega. Das Video zu …Baby One More Time wird bis heute mehrfach als eines der besten in der Musikgeschichte geführt (z. B. von MTV TRL). Wobei dies als eher subjektiv zu wertendes Momentum zu verstehen ist. Wahrscheinlich fühlen sich die Entscheidungsträger bei diesem Video an ihre Kindheit oder Jugend zurückerinnert. Nicht überliefert ist, ob Britney Spears in Folge dieses Liedes überall verprügelt wurde. Denn eine minderjährige Dame, die offenbar masochistisch veranlagt sich nichts sehnlicheres wünscht als noch einmal geschlagen zu werden, schlägt man nicht einfach so etwas aus. Also ein- statt ausschlagen? Dass dies (besonders in Amerika) für Irritationen gesorgt hat, kann man sich vorstellen. Das Wort „hit“ hat man vorsichtshalber schon mal aus dem Titel entfernt. Das Lied schrieb Max Martin. Ein Schwede, der übrigens alles schreibt, was es so an Popsongs gibt. Nicht nur sämtliche Lieder für Britney Spears kommen von ihm, sondern auch ein erheblicher Teil der Lieder von z. B. den Backstreet Boys, Pink, Katy Perry oder Taylor Swift. Der Typ schreibt einfach beinahe ALLES, was so im Mainstream so abgeht. Deswegen klingt auch vieles so gleich, weil er natürlich immer seinen Stil reinbringt. Selbst …Baby One More Time wurde vor Britney Spears schon anderen Künstlern angeboten. Die Gruppe TLC soll das Lied aber abgelehnt haben, weil deren Album schon fertig war. So bekam es Britney Spears vorgeschlagen.

Ich finde, es reicht nun auch wieder. Wenn man so einen Text schreibt, muss man sich das betreffende Lied mehrfach anhören – und das macht sehr bald nur noch sehr wenig Freude. Kein Wunder, dass …Baby One More Time auf Guantanamo Bay als Foltermethode abgelehnt wurde. Das geht dann doch wirklich zu weit! Bis zum nächsten Mal, wenn mich wieder masochistische Gedanken überkommen.
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Re: Tyrions Glosse

Beitrag von Tyrion » Dienstag 19. Mai 2020, 17:26

Wenn das Jahr 2020 ein Mensch wäre

Wenn das Jahr 2020 ein Mensch wäre, dann wäre es ein ungeselliger Zeitgenosse. Sozial nicht wirklich integriert, ja sogar distanziert. Man würde auch gar nicht den Versuch unternehmen, es in unsere Mitte aufzunehmen. Die Gesellschaft hat es bereits gebrandmarkt noch bevor man überhaupt ein Drittel von ihm kannte. Man bemüht sich gar nicht erst, hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln und Herablassendes zu äußern. Nein, man sagt es ganz offen und direkt 2020 ins Gesicht – aber aus sicherer Entfernung. Für die Eltern ist es ja am schlimmsten. Für die Eltern ist es immer am schlimmsten, sagen die Nachbarn in solchen Fällen. Doch hatte man 2020 nicht vor seiner Ankunft bereits freudig in Empfang nehmen wollen? Als ein neuer Zeitabschnitt ist es gefeiert worden. Erwartungsfroh wurde auf die Urgroßeltern von vor 100 Jahren geschielt, welche trotz aller Probleme, Sorgen und verhängnisvollen Entwicklungen als „golden“ glorifiziert werden. Nun sollte 2020 dem in Nichts nachstehen, eben weil es diese äußerlichen Ähnlichkeiten gibt.

Aber dann war da plötzlich „diese Sache“. Nun wissen wir aus der Soziologie, dass wir ja nicht als das geboren werden, was wir sind. Gewiss tragen auch Erbanlagen ihren Teil zu unserem charakterlichen Sein bei. Aber die Umwelteinflüsse sind ebenso entscheidend. Als Jahr übernimmt man immer etwas von seinem Vorgänger. Erstaunlich ist es dann, wenn die Auswirkungen des Erbes bei dem Erbenden gesellschaftlich härter sanktioniert werden als bei dem Vererbenden. So trägt die Krankheit Covid-19 – für alle eigentlich klar ersichtlich – das Jahr sogar im Namen. Dennoch genießt 2019 noch heute einen unscheinbaren, aber vor allem keinen grollbehafteten Ruf. Schon in der Antike wurde schließlich der Überbringer einer schlechten Nachricht zum Tode verurteilt, jedoch nicht unbedingt die Verursacher des Malheures. 2020 hatte einfach Pech einen Makel bereits in die Wiege gelegt zu bekommen, der erst mit der Zeit für alle Welt offenkundig wurde.

Beim alljährlichen Treffen der Zeitrechnungen steht 2020 wie ein Außenseiter am Rand der Menge. Wie ein Kind auf dem Schulhof, welches als einziges keine Markenkleidung trägt und über das erzählt wird, es würde des Nachts Katzenbabys in der Regentonne ertränken und dabei dem Satan huldigen. Wäre 2020 diesmal nicht der Ausrichter dieses Treffens, man hätte wohl nur aus Pflichtbewusstsein ihm eine Einladung geschrieben. Dem Postboten dann aber einen 20-Euro-Schein in die Hand gedrückt, damit dieser die Einladung „versehentlich“ zwischen die Sitze rutschen lässt und erst nach der Party mit gespielter Entschuldigung zustellt. Ein Vorgehen, welches man noch nicht einmal bei den „Schwierigen“ unter der Verwandtschaft vorgenommen hätte. 2001 nämlich hat man auch in den Folgejahren bis heute stets mitwirken lassen. Man redet nicht gern über ihn. Es hat nichts Verurteilendes ihm gegenüber, eher etwas Mitfühlendes. 2001 hatte die Welt verändert, sagte man. Nichts war mehr wie zuvor. Armes 2001. Noch heute beruhigt jeder sein Gewissen, indem man wenigstens ein paar kurze Worte wechselt und ihm abschließend mit leicht gesenktem Kopf ein paar leichte Tätschler auf den von Tätschlern schon ganz gebeugten Rücken verabreicht. Mit dezentem Neid verfolgt 2020 dieses Schauspiel. Mir wird nie jemand auf den verseuchten Rücken tätscheln, denkt es. Der krasse Gegenentwurf zu 2020 ist das Jahr 2000. Mit Befürchtungen zum Millennium hat man das Jahr 2000 vorverurteilt und dann als vollkommen gewöhnlich kennengelernt. Natürlich sind nicht alle Gäste so polarisierend. 2007 ist zum Beispiel ein Zeitgenosse, den viele nicht mehr in irgendeiner besonderen Erinnerung haben. Gab es mal. Ist vorbei. Schön, dass du da bist. Die wahren Stars dieses Zusammenkommens sind andere. 2014 erscheint noch heute in weltmeisterlichem Glanz. Es ist das Jahr, in dem die Finanzkrise schon weit weg und die Flüchtlingskrise noch nicht präsent war. Natürlich hätte man da schon die Vorboten der Auswirkungen von 2015 erkennen und Maßnahmen ergreifen können, die gemäßigter (da rechtzeitiger) und damit am Ende weniger Wallungswert gehabt hätten. Aber das verschweigt man geflissentlich. 2014 – und das lässt es sich von niemandem verderben – ist ein Musterjahr. Man umgibt sich gern in seiner Gesellschaft, macht gern Fotos mit ihm oder geht eine Liebschaft mit ihm ein. Ein wahres Prachtexemplar! Sein Vorgänger in dieser Kategorie war das Jahr 1990. Das Jahr des Wechsels im Positiven. Aufbruch, aufblühen, auf den Lorbeeren anderer ausruhend. Denn der eigentliche Jubel sollte 1989 zustehen. Das ist der Arbeiter des Wandels. 1990 nur der Nutznießer. 1989 wird geachtet, gewiss. 1990 hingegen aber geliebt. 1989 verhält sich zu 1990 wie 2019 zu 2020. Der Dank der jeweiligen Errungenschaft gebührt dem Vorjahr. 2009 scheint sich fast als einziges über das Dasein von 2020 zu erfreuen, wirkt es doch ablenkend von ihm selbst. Kaum einer schmunzelt von nun an mehr herabschätzend über das arme, abgewrackte 2009, das Bettlerjahr des neuen Jahrtausends.

Natürlich hat es auch in der Vergangenheit immer wieder schwarze Schafe in der Familie gegeben. Die 1950er Jahre wurden für ihre aufschwingenden Charaktereigenschaften zunächst hoch gelobt, mussten sich dann aber von dem rebellischen 1968 unangenehme Fragen gefallen lassen. Insbesondere, wie es denn sein könne, dass bei ihren Jahresversammlungen noch die arg bucklige und vor allem äußerst gebräunte (was nicht nur an den regelmäßigen Besuchen von Freunden in Rom gelegen hat) Verwandtschaft aus den 1930er Jahren dabei sein konnte! Das war auf den Fotos eindeutig zu erkennen. Ja, stammelten da die 1950er Jahre, es musste ja irgendwie weitergehen und die 1930er Jahre haben versichert, dass sie von alledem nichts gewusst hatten und es ein großes Missverständnis gab. Und überhaupt, seien wir doch froh, dass das alles vorbei ist. Über die Ohrfeige von 1968 ist auch noch in den vergangenen Jahren gesprochen worden. Wobei es heißt, dass 2017 gesagt haben soll, dass damals, in den 1930er Jahren, auch nicht alles schlecht war und dafür zustimmendes Geraune von den umliegenden Jahren erfahren hat. Die 1970er Jahre waren wie schon die späten 1960er rebellisch, aber auch radikal. Mittlerweile sind auch sie gemäßigter. Jeder weiß, dass die wilde Phase derer längst vorbei ist.

Die Party, die 2020 entsprechend ausrichtet, löst sich schnell wieder auf. Die meisten handeln nach dem Prinzip: „Okay, er hat uns gesehen. Lass uns gehen“. In Gruppenchats, in denen 2020 selbstverständlich nicht eingeladen ist, haben sich ohnehin bereits alle zu einer anderen Party verabredet. Playboy 2014 hat etwas organisiert. Man hofft auf das nächste Treffen in 2021. Und wenn bis dahin nicht wieder alles so wie 2019 war oder die Lokalitäten wirtschaftlich die Hufen hoch gerissen haben, dann wissen wir ja schon, bei wem wir uns zu bedanken haben. Es gibt halt Dinge, die haben in der Antike schon gegolten, die können heute nicht falsch sein. Ein Schuldiger muss her. Und wenn man erstmal einen Blöden gefunden hat, dann hat man einen Blöden gefunden. 2020 ist das Mobbingopfer unter den Jahren.
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