Ersatz

Eigene Geschichten, Gedanken oder Gedichte (keine fremden Texte!)

Moderatoren: Calliandra, Wolleesel, Esperanza, Obelix, Finnlandfreundin, LesHommes, otto-mit-o

Antworten
Endphase
Schaut ab und an vorbei
Beiträge: 37
Registriert: Donnerstag 1. September 2016, 23:51
Geschlecht: männlich
AB Status: Hardcore AB
Ich bin ...: unfassbar.

Ersatz

Beitrag von Endphase » Montag 26. Oktober 2020, 21:07

Mal wieder ein Text von mir.

Ersatz

Wir sind im Fahrstuhl zur Oberfläche. Die anderen scherzen, reißen Zoten, ich schweige wie immer, versuche nicht die Pin-up Bilder anzustarren, die an die Wand geheftet sind. Stattdessen beschäftige ich mich mit meinem Druckanzug, achte darauf, das die Verschlüsse der Handschuhe korrekt einrasten, zuletzt setze ich den Helm auf, der gequälte Klang von Metall, dass auf Metall reibt ist dann nur noch gedämpft zu hören. Ich höre das Zischen des einströmenden Sauerstoffs, ich habe den Funk deaktiviert, ich will es nicht wissen, das was sie letzte Nacht erlebt haben, die Abenteuer mit denen sie prahlen, ihr Lachen, mir ist nicht nach Lachen zumute.

Endlich sind wir oben, die Luft wird abgepumpt, die Schleuse öffnet sich, wir gehen nach draußen, über uns die endlose Schwärze, von Sternen übersät, ein runder Fleck ohne Sterne lässt erahnen, wo der Mond ist. Ich blicke nach links, fasse jenen Stern in meinen Blick, der ein wenig heller ist als alle anderen, noch ein paar Jahre und auch er ist nur noch ein winziger Punkt in der ewigen Nacht.

Wir gehen zu den Schleppern, Trupp für Trupp und fahren in die Dunkelheit. Ich schließe meine Augen, ich bin so entsetzlich müde, ich spüre das Rumpeln der Raupenketten, schließlich rüttelt mich ein Kollege aus dem Halbschlaf, wir sind da. Ich gehe ins Freie, sehe die tiefgefrorenen Überreste der Bäume, zerborsten und verdreht. Als Kind traf ich in Sektor Sieben einen uralten Mann, der sich noch daran erinnern konnte, an die Zeit, wo alles grün war, wo man ohne Druckanzug ins Freie konnte, die Wärme der Sonne auf dem Gesicht und alles ein Versprechen für einen endlosen Sommer, das Summen der Insekten, all das vor dem Ereignis, bevor die Erde in die Dunkelheit taumelte und die Sonne nur noch ein etwas hellerer Stern wurde.

Wir nehmen die Schaufeln und wir beginnen den gefrorenen Sauerstoff aufzuladen, über ihm ist eine kleine Schmutzsicht, die wir abkratzen, dann erstrahlt er im Licht unserer Helmscheinwerfer in leuchtenden Blau, es ist eine stumpfe und monotone Arbeit, nächste Woche ist Schichtwechsel und ich muss wieder in den Schacht um Kohle zu fördern, Kohle um verbrannt zu werden und Sauerstoff um sie zu verbrennen, ein endloser Wechsel. Ich bin lieber hier draußen, träume vor mich hin, stelle mir vor wie es hier einst war, alleine mit mir selbst, ohne den Zwang zu reden. Schließlich ist die Schicht vorbei und wir fahren wieder zurück.

Ich gehe in meine Wohnung, für einen übrig gebliebenen der Fähigkeitsstufe sechs sind das 20 Quadratmeter. Lustlos löffele ich den Ernährungsschleim, aktiviere die Bildwand. Mir graut vor morgen, da ist wieder eine Sitzung, ich will da nicht hin, aber welche Wahl hat man schon ? Ich zappe durch die Kanäle, ich kann mich auf nichts konzentrieren, letztlich endet es wie immer: Ich gebe das Passwort ein für den Sonderkanal, als übrig gebliebener ist das kostenlos, sonst werden acht Kredit abgebucht. Ich schaue mir den ganzen Blödsinn an, Männer, unendlich begehrenswerter als ich, die ihre weiblichen Gegenstücke in sämtliche Körperöffnungen vögeln, ich weiß, das die KI alles aufzeichnet, jede Suchanfrage auswertet, meine Reaktionen protokolliert, um wenn nötig irgendwann den Ersatz zu programmieren, es ist mir egal, schließlich wichse ich in ein Taschentuch, ich schmeiße es in den Wiederverwerter, dann greife ich nach meinem abgenutzten Plüschtier und heule mich in den Schlaf.

Am nächsten Morgen gehe ich zur Sitzung, da sind wir nun, die übriggebliebenen meines Jahrgangs, sechs hoffnungslose Fälle, alle anderen haben es geschafft, Jahr für Jahr wurden wir weniger. Es ist die letzte Sitzung, da ich nächste Woche 30 werde, es fühlt sich an wie ein Gang zur Schlachtbank.
Der Coach betritt den Raum, ich sehe sein hübsches Gesicht, sein Selbstvertrauen verätzt mich, seine blöden Sprüche, die Plattheiten, ich will den Quatsch nicht mehr hören. Neben mir sitzt Andrea, ein plumpes Häufchen Elend, gebückt, auf den Boden starrend wie sie das immer tut, ihre Augen habe ich nie gesehen, ihre Stimme nie gehört. Endlich ist die Sitzung vorbei, selbst der Enthusiasmus des Coachs ist so offensichtlich nur gespielt, er weiß wie es für uns ausgeht: Ersatz.

Danach reiche ich die 10 Tage Urlaub ein die mir pro Jahr zustehen, die letzten 10 Tage als 29 jähriger. Ich wandere ziellos durch den Sektor, ich sollte Freunde treffen, wenn ich welche hätte, andere Menschen ansprechen, wenn ich wüsste, wie man das macht, aber ich wandere und wandere, setze mich dann auf eine Bank und schaue die Menschen an, alle so unendlich weit weg von mir, wie eine weit entfernte Galaxie. Dann gehe ich nach Hause, ich habe alle Drogenpunkte die mir für dieses Jahr zustehen gesammelt, ich besaufe mich, schaue uralte Komödien, gedreht zu einer Zeit, als unsere Vorfahren sie nur schwarz auf weiß auf einer Silbernitratschicht speichern konnten und lache mich scheckig, dann wüste Pornos und es ist mir egal, das ich damit nur die KI trainiere. Und letzten Endes Dokumentationen, gedreht so viele Jahrzehnte vor meiner Geburt, dieser wunderbare Planet, die blauen Meere, all das Leben. Und dann schieße ich mich komplett ab, morgen werde ich 30, dann kommt der Ersatz

Und dann wache ich viel zu früh auf, um 9:00 Uhr wird es klingeln, das sind die Regeln. Ich will wegrennen, aber wohin ? Auf 20 Quadratmetern? Ich tigere durch meine Wohnung, mir ist hundeelend, ich weiß, was jetzt kommt. Und es klingelt, ich öffne die Tür und der Ersatz steht vor mir. Die KI hat all die Pornos ausgewertet, die ich in Momenten angesehen habe, wo ich mir nicht mehr anders zu helfen wusste. Sie hat ausgewertet, wo ich in einem bescheuerten Action-Film aus dem 21ten Jahrhundert einer Schauspielerin ins Gesicht, in den Ausschnitt, auf den Arsch gestarrt hatte. Ausgewertet, welche Kollegin ich wieder und wieder angesehen habe. Und dann hat sie den Ersatz kreiert. Sie sieht aus, wie ein feuchter Traum der Gestalt angenommen hat und nichts anderes ist dieses Ding. Es vernetzt sich mit der KI, winzige Elektromotoren ziehen die Mundwinkel nach oben, die natürlich braunen Augen werden aufgehellt, mikroskopisch kleine Fasern ziehen die Iris nach außen, die Maschine strahlt mich an und sagt „Hallo !“, der Tonfall ist exakt berechnet, die Stimmen aller Frauen die ich je beim Schauen eines Film angehimmelt habe, aller Kolleginnen die ich nie ansprechen konnte, aber immer heimlich angestarrt hatte, überlagern sich in diesem „ Hallo !“

„Hallo“ sage auch ich, das ist das gute an diesen sinnentleerten Ritualen: „ Geht es dir gut ?“ „ Ja, danke der Nachfrage !“, man muss nicht nachdenken, sondern sagt einfach die Formel auf. „ Wollen wir etwas unternehmen ? Lass und durch den Sektor gehen und Spaß haben, du hast frei !“ Ich würde lieber die Tür ins Schloss fallen lassen und so tun als könnte es weitergehen wie bisher, aber diese Option gibt es nicht. Wir gehen also die Straßen des Sektors entlang, ich mit meinem ungelenken Gang, der Ersatz läuft beschwingt neben mir her, endlos plappernd, endlos lächelnd und endlos mich anhimmelnd, ich wäre lieber an der Oberfläche, die Sterne über mir, alleine und träumend, jenen Gedanken nachgehend, die ich mir normalerweise nicht gestatte: Wie wäre es wohl, wenn ein Mensch aus Fleisch und Blut sich für dich interessiert ?

Und dann läuft uns ein anderes Paar in den Weg. Ich erkenne Andrea, ach ja, auch sie ist ja jetzt 30. Ein geblümtes Kleid spannt sich um ihren Körper, erstmals hebt sie ihren Kopf und ich sehe ihre Augen: Die Augen eines in die Falle gegangen Tieres, panisch, nur vom Gedanken an Flucht erfüllt, ein Spiegelbild meiner Augen, neben ihr steht ihr Ersatz, ich will ihn nicht ansehen, er erinnert mich an den Coach und an all das was ich nicht bin. Die Maschinen unterhalten sich angeregt, lächeln, strahlen, sagen das, was die KI ihnen vorgibt: Wie glücklich sie sind, welch wundervolle Partner sie gefunden haben und wir beiden nutzlosen Reste Mensch starren betreten auf den Boden.

Und dann bin ich am Ende des Tages wieder mit dem Ersatz in meiner Wohnung, es verbindet sich mit der KI und schickt die subtilen Signale die ich nie von einer echten Frau gesehen habe, ich wüsste nicht wie ich reagieren sollte, wenn sie echt wären. Dann erstarrt der Ersatz, ein neues Programm wird geladen, keine subtilen Signale, Der Ersatz zieht sich aus, sagt mit rauchiger Stimme was ich tun soll, das Konzentrat aller Filme, die ich je auf den Sonderkanal gesehen habe und ich tue es.

Ich löse mich aus der Umklammerung der an mich gekuschelten Maschine, ich gehe aufs Klo, ein tonloses Schluchzen, ich fühle mich beschmutzt, schwach, ich will nicht zurück in mein Bett, da wo dieses Ding auf mich lauert. Ich will mit mir allein sein, und es gibt auf dieser Welt nur einen Ort, wo das möglich ist. Ich kleide mich an und verlasse meine Wohnung, es ruft mir noch hinterher: „Wohin gehst du, Schatz?“

Ich gehe zu meinem Arbeitsplatz, da wir hier nur einen 2 Schichtbetrieb haben sind die Hallen verlassen, ich gehe zu meinen Spind, ziehe den Druckanzug an und mit dem Helm unter dem Arm begebe ich mich zum Lastenaufzug. Und da steht der Ersatz, sie ist mir gefolgt. Ich schaue ihr in die Augen und sie weicht meinem Blick aus, nicht so, wie es gewohnt bin, desinteressiert und verärgert, sondern voller Verlegenheit. Dann hebt sie ihren Blick, lächelt mich scheu an und errötet, ihre wunderschönen braunen Augen sind voller Liebe und Wärme, ich bin es dann, der ihrem Blick nicht standhalten kann und dann auf den Boden schaut. Die KI hat also die Optimierungsläufe gestartet, wenn ich noch etwas tun will, so muss es jetzt sein. Ich drücke auf den Knopf, und der Aufzug setzt sich quietschend und rumpelnd in Bewegung. Ich vermeide es sie anzusehen, aber ich spüre regelrecht, wie sie mich anschmachtet. Endlich sind wir oben angekommen, ich setze den Helm auf und betätige die Notentlüftung, dann öffne ich die Luftschleuse. Ich gehe nach draußen, ohne mich umzusehen, die Temperaturanzeige in meinem Helmvisier zeigt minus 259 Grad. Mit unbeholfenen Schritten gehe ich um den Gebäudekomplex, um mit dem Schnellaufzug wieder nach unten zu fahren.

Tränen laufen über mein Gesicht, während ich stundenlang durch den Sektor irre, ich muss für die anderen Passanten aussehen wie ein bleiches Gespenst. Schließlich gehe ich nach Hause, schon als ich eintrete sehe ich die feuchten Fußabdrücke auf dem Teppich. Sie sitzt nackt auf dem Stuhl in der Essecke, ihr perfekter Körper ist mit Raureif überzogen. Es knirscht, als sie ihren Kopf dreht um mich anzusehen. Sie zaubert ein strahlendes Lächeln in ihr Gesicht, Eiskristalle rieseln zu Boden, sie ist so glücklich mich wieder zu sehen. Sie sagt: „Ich liebe dich !“, ihre Stimme hat sich verändert und berührt mich in meinem Herzen, die KI hat einen weiteren Optimierungslauf abgeschlossen. In diesem Moment füge ich mich und akzeptiere es. Und dann sage ich zum ersten mal die Worte, die ich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten so oft sagen werde, während ich langsam zuerst alt und grau und dann hinfällig und gebrechlich werde, immer mit ihr an meiner Seite, in ewiger Jugend, perfekter werdend Tag für Tag:

„Ich liebe dich auch !“
Menschen mögen mich nicht. Tiere mögen mich nicht. Pflanzen mögen mich nicht. Zum Glück habe ich ja meinen Kuschelstein.

Benutzeravatar
Neugierig
Kommt fast täglich vorbei
Beiträge: 719
Registriert: Montag 11. Mai 2020, 13:52
Geschlecht: männlich
AB Status: AB 30+
Ich bin ...: nur an Frauen interessiert.
Ich suche hier ...: eine(n) Partner/in.
Wohnort: Zu Hause
Kontaktdaten:

Re: Ersatz

Beitrag von Neugierig » Montag 26. Oktober 2020, 21:26

Wehmütiger Inhalt, aber megageil geschrieben. Man fühlt sich mittendrin. Schonmal an Schriftsteller gedacht? :buch:
Lache nicht über jemanden, der einen Schritt zurück macht. Er könnte Anlauf nehmen. :shy:

Benutzeravatar
Calliandra
Moderatorin
Beiträge: 3689
Registriert: Dienstag 21. August 2018, 14:05
Geschlecht: weiblich
AB Status: Softcore AB
Ich bin ...: offen für alles.

Re: Ersatz

Beitrag von Calliandra » Dienstag 27. Oktober 2020, 00:03

:daumen: Ich finde deine Texte gleichermaßen beeindruckend wie bedrückend.

Benutzeravatar
Finnlandfreundin
Moderatorin
Beiträge: 3029
Registriert: Montag 10. Juni 2019, 11:41
Geschlecht: weiblich
AB Status: AB 30+
Ich bin ...: offen für alles.
Wohnort: Sachsen

Re: Ersatz

Beitrag von Finnlandfreundin » Dienstag 27. Oktober 2020, 02:20

Packender Schreibstil

Benutzeravatar
Wabiski
Lernt gerade schreiben
Beiträge: 5
Registriert: Donnerstag 2. Januar 2020, 00:12
Geschlecht: männlich
AB Status: AB 30+
Ich bin ...: nur an Frauen interessiert.

Re: Ersatz

Beitrag von Wabiski » Freitag 30. Oktober 2020, 19:08

Richtig gut! Vielen Dank, dass du deinen Text hier eingestellt hast. Hat mich sehr berührt und nachdenklich gemacht.

Benutzeravatar
Menelaos
Liebt es sich mitzuteilen
Beiträge: 838
Registriert: Mittwoch 13. November 2019, 12:23
Geschlecht: männlich
AB Status: Hardcore AB
Ich bin ...: nur an Frauen interessiert.

Re: Ersatz

Beitrag von Menelaos » Freitag 30. Oktober 2020, 21:46

Richtig ergreifend, Respekt!
"Wenn du nicht weißt was du im Leben tun sollst, nimm die schwierige Lösung, denn die ist in 90% der Fälle die richtige."

Benutzeravatar
Ringelnatz
Keiner schreibt schneller
Beiträge: 4177
Registriert: Mittwoch 5. März 2014, 10:07
Geschlecht: weiblich
AB Status: am Thema interessiert
Ich bin ...: vergeben.
Ich suche hier ...: nur Austausch.

Re: Ersatz

Beitrag von Ringelnatz » Freitag 30. Oktober 2020, 22:39

:good: :good: :good: Ich habe deinen Text wieder sehr gern gelesen. Du schreibst wirklich sehr packend!
In a world where you can be anything, be kind.

Antworten

Zurück zu „Kreatives“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 5 Gäste