Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

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Strange Lady
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Strange Lady » Donnerstag 4. Juli 2019, 13:59

RaymondF hat geschrieben:
Dienstag 2. Juli 2019, 07:38
Um eine Stelle zu bekommen muss man sich verkaufen können. Um die Stelle zu behalten muss man dann aber auch etwas können. Ich habe in meinem Berufsleben einige Bewerber kennengelernt, die im Vorstellungsgespräch gelogen haben was das Zeug hält und dadurch auch die Stelle erhalten haben.
Wenn sich bei der Arbeit aber herausgestellt hat, dass sie nur die Hälfte von dem können, was sie vorher angegeben hatten wurden sie auch in der Probezeit noch gekündigt.

Wer dagegen fachlich qualifiziert ist, sich aber nicht verkaufen kann (oder will), bekommt tatsächlich auch sehr viel schwerer einen Fuss in die Tür, weil die meisten Personaler sehr nach dem persönlichen Eindruck gehen. In grösseren Firmen gibt es bei einigen auch Standartfragen (z.B. Spielen Sie Fussball ? = Sind sie teamfähig?), bei denen man automatisch aus dem Bewerbungsprozess aussortiert wird, wenn man dort nicht die richtige Antwort gibt.
Da ist viel Wahres dran.
Dennoch finde ich: repräsentieren können - das Unternehmen und sich selbst - ist nicht gleichbedeutend mit lügen.
Viele hier haben ein ziemlich verzerrtes Bild von Professionalität.

Ich selbst bin eine ziemlich bodenständige, introvertierte Person, die am liebsten im backoffice rumwerkelt.
Aber wenn man wirklich was spannendes machen und aktiv gestalten will, sollte man gut auftreten können.
Und das hat nix mit faken, Lügen,Hochstapeln zu tun, sondern mit beruflicher Professionalität und Souveränität. Das ist erlernbar!
“Happiness is like a butterfly: The more you chase it, the more it will elude you. But if you turn your attention to other things, it will come and sit quietly on your shoulder.”
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von alex321 » Donnerstag 4. Juli 2019, 21:46

Tania hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 23:58
uhu72 hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 18:58
In absehbarer Zeit werden die geburtenstarken Jährgänge in Rente gehen und es "wachsen" eben keine passenden Fachkräfte mehr nach.
Schon heute wollen mehr als 50% eines Jahrgangs studieren. In ein paar Jahren haben wir vielleicht keine Klempner mehr, dafür aber sehr viele BWLer, die prima ein Klempnereiunternehmen leiten könnten.
Als Handwerker hast du harte körperliche Arbeit, oft auch dreckig, Zeitdruck, viele Überstunden, geringe gesellschaftliche Anerkennung und mit 40 bist du körperlich kaputt ... das alles für bestenfalls durchschnittliche Bezahlung. Warum sollte man sich das antun wenn man auch studieren gehen kann?

Anstatt die Arbeitsbedingungen zu verbessern und mehr zu bezahlen, versucht man jetzt sich billige Fachkräfte aus dem Ausland zu holen ...
Zuletzt geändert von alex321 am Donnerstag 4. Juli 2019, 21:55, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Lazarus Long » Donnerstag 4. Juli 2019, 21:55

alex321 hat geschrieben:
Donnerstag 4. Juli 2019, 21:46
Tania hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 23:58
uhu72 hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 18:58
In absehbarer Zeit werden die geburtenstarken Jährgänge in Rente gehen und es "wachsen" eben keine passenden Fachkräfte mehr nach.
Schon heute wollen mehr als 50% eines Jahrgangs studieren. In ein paar Jahren haben wir vielleicht keine Klempner mehr, dafür aber sehr viele BWLer, die prima ein Klempnereiunternehmen leiten könnten.
Harte körperliche Arbeit, oft auch dreckig, Zeitdruck, viele Überstunden, geringe gesellschaftliche Anerkennung und mit 40 körperlich kaputt ... das alles für bestenfalls durschnittliche Bezahlung. Warum sollte man sich das antun wenn man auch studieren gehen kann?
Weil man es gut kann?
Weil einem die Arbeit freude bereitet?
Weil man, obwohl man ein Studium intelektuell durchaus schaffen würde, mit der handwerklichen Arbeit ein glückliches und zufriedenes Leben führt?
Wärend man mit den ganzen verkopften Krempel zwar vielleicht mehr Geld hat, aber unglücklich ist?
Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben.

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Reinhard » Donnerstag 4. Juli 2019, 22:59

Tania hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 23:58
uhu72 hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 18:58
In absehbarer Zeit werden die geburtenstarken Jährgänge in Rente gehen und es "wachsen" eben keine passenden Fachkräfte mehr nach.
Schon heute wollen mehr als 50% eines Jahrgangs studieren. In ein paar Jahren haben wir vielleicht keine Klempner mehr, dafür aber sehr viele BWLer, die prima ein Klempnereiunternehmen leiten könnten.

Wobei man das Studium meistens gar nicht braucht, es dient nur als "Ausweis" oder als Einstellungsmerkmal, dem eigentlich gar keine Bedeutung zukommt. Beziehungsweise, kommt auf den Beruf an, aber bei vielen Tätigkeiten ist es eben egal.

Statistiken zufolge (vielleicht ältere Statistiken, unklar?) hat die Schweiz eine wesentlich geringe Universitätsabsolventenquote als beispielsweise Finnland, was aber bei weitem nicht heißt, dass die Schweizer nix auf die Beine stellen könnten ...
Mag ja sein, dass jeder seines Glückes Schmied ist.

Aber dabei sollte nicht vergessen werden, dass manche von Haus aus eine komplette Werkstatt mitbekommen, und andere nur einen Hammer und nicht mal einen Amboss.

Wer will findet sucht Wege; wer nicht will findet Gründe erfindet Ausflüchte.

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Axolotl » Donnerstag 4. Juli 2019, 23:31

Reinhard hat geschrieben:
Donnerstag 4. Juli 2019, 22:59
Wobei man das Studium meistens gar nicht braucht, es dient nur als "Ausweis" oder als Einstellungsmerkmal, dem eigentlich gar keine Bedeutung zukommt. Beziehungsweise, kommt auf den Beruf an, aber bei vielen Tätigkeiten ist es eben egal.
Das stimmt. Viele Studiengänge sind im Prinzip nur gepimpte Ausbildungsberufe und eigentlich auch völlig unnötig. wenn ich überlege wie viele Überschneidungen es da oft gibt. Manchmal studiert man nahezu dasselbe und trotzdem gibt es dafür zwei Studiengänge :roll: Was ist nur aus den klassischen Studienberufen geworden? :cry:
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Vidar » Donnerstag 4. Juli 2019, 23:34

Reinhard hat geschrieben:
Donnerstag 4. Juli 2019, 22:59
Statistiken zufolge (vielleicht ältere Statistiken, unklar?) hat die Schweiz eine wesentlich geringe Universitätsabsolventenquote als beispielsweise Finnland, was aber bei weitem nicht heißt, dass die Schweizer nix auf die Beine stellen könnten ...
Im deutschsprachigen Raum existieren eben gewisse Ausbildungen , die anderswo gleich als Studium deklariert werden. Allerdings geht der Trend ja jetzt zur Angleichung an den Rest, also eine Akademisierung dieser Ausbildungen, damit die Statistik in Sachen Hochschulabschlüsse besser aussieht.

Je nach Hochschule, und insbeondere je nach Land unterscheidet sich ein Studium selbst im gleichen Fach eh erheblich (von versch. Studiengängen ganz zu schweigen). Ich kenne persönlich Leute, die sich gleich ihren gesamten Uniabschluss einfach gekauft haben, pro Examen waren es umgerechnet ~50€ ;)

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Gilbert » Freitag 5. Juli 2019, 06:50

Reinhard hat geschrieben:
Donnerstag 4. Juli 2019, 22:59
[......]was aber bei weitem nicht heißt, dass die Schweizer nix auf die Beine stellen könnten ...
Jep, Schweizer können deutsche Pingeligkeit und Bürokratie noch um Weiten toppen. Das sollte man mal real erlebt haben....
Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Montecristo » Freitag 5. Juli 2019, 08:41

Gilbert hat geschrieben:
Freitag 5. Juli 2019, 06:50
Reinhard hat geschrieben:
Donnerstag 4. Juli 2019, 22:59
[......]was aber bei weitem nicht heißt, dass die Schweizer nix auf die Beine stellen könnten ...
Jep, Schweizer können deutsche Pingeligkeit und Bürokratie noch um Weiten toppen. Das sollte man mal real erlebt haben....
Das Krankenversicherungswesen ist für Deutsche auf jeden Fall ungewohnt. Die Behandlung entzündeter Insektenstiche konnte ich nicht über die Krankenkasse abrechnen, sondern musste damit zur betrieblichen Unfallversicherung (SUVA). Da lobe ich mir die gute Chipkarte.

Ewig in Erinnerung bleiben werden mir die festangestellten(!!!) Putzkräfte an der Uni. Mindestens einmal in der Woche stand ein radebrechender Venezianer in meinem Labor und fing an den Boden und die Tische zu schrubben. Alle Kisten landeten sowieso gleich im Müll. (War da nicht ein Running Gag in einem bekannten Comic???) Aktenordner im Büro auf den Boden zu stellen war brandgefährlich. (Habe ich nicht gemacht, aber ein Kollege.) Spätestens nach dem Urlaub waren die weg.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Montecristo » Freitag 5. Juli 2019, 08:56

Tania hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 23:58
Schon heute wollen mehr als 50% eines Jahrgangs studieren. In ein paar Jahren haben wir vielleicht keine Klempner mehr, dafür aber sehr viele BWLer, die prima ein Klempnereiunternehmen leiten könnten.
SANDRA HUNKE: Wie eine Klempnerin die Modelwelt erobert

Es gibt offensichtlich noch andere Möglichkeiten.

Aber nicht für mABs, denn die Dame hat ja vermutlich kein Abi...
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Ringelnatz » Freitag 5. Juli 2019, 09:03

Montecristo hat geschrieben:
Freitag 5. Juli 2019, 08:41
Ewig in Erinnerung bleiben werden mir die festangestellten(!!!) Putzkräfte an der Uni. Mindestens einmal in der Woche stand ein radebrechender Venezianer in meinem Labor und fing an den Boden und die Tische zu schrubben. Alle Kisten landeten sowieso gleich im Müll.
haha, daran erinnere ich mich auch noch gut :lach: Das waren vielleicht resolute Putzkräfte. Denen war es völlig egal, ob ich grade mitten in einem Gedanken war. Wenn sie aufgetaucht sind musste ich jedes mal meinen Schreibtisch komplett abräumen, damit sie ihn putzen konnten und dann musste ich raus, damit sie saugen konnten. Auf den Boden stellen durfte ich auch nichts ;)
alex321 hat geschrieben:
Donnerstag 4. Juli 2019, 21:46
Tania hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 23:58
Schon heute wollen mehr als 50% eines Jahrgangs studieren. In ein paar Jahren haben wir vielleicht keine Klempner mehr, dafür aber sehr viele BWLer, die prima ein Klempnereiunternehmen leiten könnten.
Harte körperliche Arbeit, oft auch dreckig, Zeitdruck, viele Überstunden, geringe gesellschaftliche Anerkennung und mit 40 körperlich kaputt ... das alles für bestenfalls durschnittliche Bezahlung. Warum sollte man sich das antun wenn man auch studieren gehen kann?
Da möchte ich mal andere Erfahrungen dagegenhalten: Ich habe einen BWLer aus Leidenschaft bei mir daheim - man kann BWL so oder so studieren und das zahlt dann auch später aufs Arbeitsleben ein ;)

Zudem verdienen viele Handwerker ziemlich gut! Ich hatte in den letzten Jahren (und auch früher durch mein Elternhaus) viel mit Handwerkern Kontakt und muss sagen, dass das für praktisch begabte Menschen mit weniger Interesse an "Denkarbeit" ein super Weg ist, beruflich glücklich zu werden! Wirklich wenig verdient nur der Hilfsarbeiter/Zuarbeiter. Den richtig guten und zuverlässigen Handwerkern ging es ziemlich gut (mein Eindruck). Einzige Gefahr aus meiner Sicht: Ich habe ein paar mal erlebt dass ein Handwerksbetrieb gescheitert ist, weil zu wenig Interesse/Können im Bereich Finanzen/Projektplanung bestand - Rechnungen ausstellen, Rücklagen bilden, Auslastung einschätzen, etc. Das lag aber dann nicht daran, dass die Handwerker per se schlecht bezahlt wurden.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Axolotl » Freitag 5. Juli 2019, 10:02

Ringelnatz hat geschrieben:
Freitag 5. Juli 2019, 09:03
Ich habe einen BWLer aus Leidenschaft bei mir daheim - man kann BWL so oder so studieren und das zahlt dann auch später aufs Arbeitsleben ein ;)
Erstmal, mein Beileid dazu :mrgreen:

Den zweiten Teil kann ich mir, wenn ich ehrlich bin, nur schwer vorstellen. Ich kenne ja selbst ein paar BWLer. Und irgendwie habe ich nicht das Gefühl, dass sich das irgendwie auswirkt studiert zuhaben, abgesehen vom Gehalt vielleicht :gruebel:
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von inVinoVeritas » Freitag 5. Juli 2019, 10:07

Ringelnatz hat geschrieben:
Freitag 5. Juli 2019, 09:03

Zudem verdienen viele Handwerker ziemlich gut!
Diesen Satz hört man heutzutage wirklich oft, aber stimmt er auch?
Meine These: die Meister und die Inhaber der Handwerksbetriebe, die verdienen richtig gut angesichts der hohen Nachfrage. Aber alle anderen in den jeweiligen Firmen (=> Gesellen) liegen weit unter deutschem Durchschnittslohn.
Um das mal mit einer höchst offiziellen statistischen Zahl zu belegen: Männer, die in Deutschland in Vollzeit arbeiten, verdienen im Durchschnitt 3.960 Euro pro Monat (brutto).
Das ist nun eine sehr allgemeine Zahl*, unabhängig von Berufserfahrung, Firmengröße, Ost- oder West, etc.
Aber es ist ein wichtiger Indikator für vollzeitarbeitende Männer.

Ich kenne keinen Handwerker, der von seinem Meister oder seinem Chef so ein Gehalt bekommt, ein Bekannter von mir ist z.B. Gartenlandschafts-Bauer, d.h. seine Firma gestaltet Gärten, baut Pools, Terrassen, pflegt/fällt Bäume, Zäunt das Grundstück ein, etc.
Er bekommt 2600 Euro, d.h. weit unterhalb des Durchschnitts (aber ein üblicher Gesellen-Lohn), hingegen bekommt der eine Meister in seinem 10-Mann-Betrieb vom Inhaber 4000 Brutto ausgezahlt.
Ich bezweifle auch dass irgendein einfacher Schreiner, Fliesenleger, Installateur, Optiker, Maler/Lakierer, etc. irgendwo in die Nähe des Gesamtdurchschnitts kommt. Das erhält nur jemand mit Meister-Brief, und den zu erhalten ist schon richtig harte Arbeit und fast mit einem Studium vergleichbar.
Viele Handwerker verdienen sich am Wochenende oder Abends natürlich "schwarz" was dazu, deshalb gehen dem deutschen Staat - also uns Steuerzahlern - laut aktueller Schätzungen Umsatzsteuer-Einnahmen auf ca. 300 Milliarden Euro "schwarzen" Umsatz flöten.
Natürlich geht es dann finanziell auch einem Handwerksgesellen gut, wenn er illegal nach Feierabend noch das Bad des Nachbarn renoviert und so nochmal 1000-2000€ pro Monat zusätzlich bar auf die Hand verdient, aber insgesamt sind die Gehälter im Handwerk - außer für Inhaber und Meister - meiner Meinung nach zu mies angesichts der harten körperlichen Belastung. Wenn man dann mit kaputten Gelenken mit 63 in Frührente gehen muss, erhält man, da immer nur unterhalb Durchschnitt verdient, nur noch eine Armutsrente.
Ich kann verstehen dass das viele junge Leute nicht so wirklich reizt und man deshalb studieren geht.


*
Statista.de: (Stand 2017)
Durchschnittliches Bruttogehalt aller Arbeitnehmer: ca. 2.860 Euro
Durchschnittliches Nettogehalt aller Arbeitnehmer: ca. 1.890 Euro
Durchschnittliches Bruttogehalt von Arbeitnehmern in Vollzeit: ca. 3.770 Euro
Durchschnittliches Bruttogehalt von Männern in Vollzeit: ca. 3.960 Euro

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Gilbert » Freitag 5. Juli 2019, 11:40

inVinoVeritas hat geschrieben:
Freitag 5. Juli 2019, 10:07
Wenn man dann mit kaputten Gelenken mit 63 in Frührente gehen muss, erhält man, da immer nur unterhalb Durchschnitt verdient, nur noch eine Armutsrente.
Es wäre nicht in jedem Fall eine Frührente. Wenn man mit 63 Lebensjahren die erforderlichen 45 Beitragsjahre in der Rentenversicherung nachweisen kann, gilt man als besonders langjährig Versicherter und hat Anspruch auf eine Rente. Wie hoch die Rente ausfällt, ist dann jedoch individuell (Stichwort: Flexirente).
Sind körperliche Einschränkungen ab einem bestimmten Behinderungsgrad ärztlich attestiert, gelten besondere Regelungen und ein Bezug der Altersrente ist schon vor dem 63. Lebensjahr ohne Abschlag möglich.
Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von NBUC » Freitag 5. Juli 2019, 13:13

inVinoVeritas hat geschrieben:
Freitag 5. Juli 2019, 10:07

Statista.de: (Stand 2017)
Durchschnittliches Bruttogehalt aller Arbeitnehmer: ca. 2.860 Euro
Durchschnittliches Nettogehalt aller Arbeitnehmer: ca. 1.890 Euro
Durchschnittliches Bruttogehalt von Arbeitnehmern in Vollzeit: ca. 3.770 Euro
Durchschnittliches Bruttogehalt von Männern in Vollzeit: ca. 3.960 Euro
Das Medianeinkommen, welches sagt, was 50% der Leute wenigstens verdienen liegt bei 2500€. Und demit bekommt der Geselle aus dem Beispiel MEHR als 50% der anderen Vergleichspersonen.
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Alle gesellschaftlichen Betrachtungen enthalten zwangsläufig Verallgemeinerungen und werden daher Ausnahmen und Einzelfälle enthalten, denen sie nicht gerecht werden können.

wenn ich nicht antworten sollte heißt das nicht, dass du Recht hast, sondern ich kein Internet!

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von inVinoVeritas » Freitag 5. Juli 2019, 16:42

NBUC hat geschrieben:
Freitag 5. Juli 2019, 13:13
inVinoVeritas hat geschrieben:
Freitag 5. Juli 2019, 10:07

Statista.de: (Stand 2017)
Durchschnittliches Bruttogehalt aller Arbeitnehmer: ca. 2.860 Euro
Durchschnittliches Nettogehalt aller Arbeitnehmer: ca. 1.890 Euro
Durchschnittliches Bruttogehalt von Arbeitnehmern in Vollzeit: ca. 3.770 Euro
Durchschnittliches Bruttogehalt von Männern in Vollzeit: ca. 3.960 Euro
Das Medianeinkommen, welches sagt, was 50% der Leute wenigstens verdienen liegt bei 2500€. Und demit bekommt der Geselle aus dem Beispiel MEHR als 50% der anderen Vergleichspersonen.
Ja der Median ist in dem Fall eine bessere Zahl, die noch deutlicher aufzeigt was im Lohngefüge Deutschlands falsch läuft.
Wenn der "gutverdienende" Geselle diesen Betrag ununterbrochene 45 Jahre lang verdient und sich dieses Gehalt nur um die jährliche Inflation von 1-2% erhöht (nicht unüblich in kleinen mittelständischen Handwerksbetrieben), kann er sich auf spektakuläre ca. 1200 Euro Rente freuen, von denen noch Steuern und Sozialabgaben abgezogen werden. Da kann man nur hoffen dass er sich von seinem Gehalt bis dahin eine Immobilie leisten (?) konnte und möglichst verheiratet ist (doppeltes Haushaltseinkommen dank der Frau), sonst wird er seine Lebensmittel nach Abzug von Miete und Fixkosten mangels Geld von der Tafel beziehen müssen.
Da rollt ganz viel Elend auf uns zu wenn 50% der Menschen in solchen Gehaltsregionen unterwegs sind, deshalb bin ich sehr skeptisch wenn dieser Spruch "Das Handwerk hat goldenen Boden" oder sowas in der Art fällt, denn das gilt nur für die Firmeneigentümer und maximal noch die Meister.

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von marwie » Samstag 6. Juli 2019, 12:12

Kommt ganz darauf an, um was für einen Job es geht, bei sogenannten Bullshit Jobs spielt das können wohl teilweise eine weniger wichtige Rolle als selbstvermarktung. Bei jobs, in denen spezifisches Fachkönnen notwendig ist, spielt das können natürlich schon eine Rolle.

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Ringelnatz » Samstag 6. Juli 2019, 12:46

Axolotl hat geschrieben:
Freitag 5. Juli 2019, 10:02
Ringelnatz hat geschrieben:
Freitag 5. Juli 2019, 09:03
Ich habe einen BWLer aus Leidenschaft bei mir daheim - man kann BWL so oder so studieren und das zahlt dann auch später aufs Arbeitsleben ein ;)
Erstmal, mein Beileid dazu :mrgreen:

Den zweiten Teil kann ich mir, wenn ich ehrlich bin, nur schwer vorstellen. Ich kenne ja selbst ein paar BWLer. Und irgendwie habe ich nicht das Gefühl, dass sich das irgendwie auswirkt studiert zuhaben, abgesehen vom Gehalt vielleicht :gruebel:
Welche Auswirkungen meinst du denn konkret? Ich verstehe grade nicht so ganz, was du meinst. :gruebel:
inVinoVeritas hat geschrieben:
Freitag 5. Juli 2019, 10:07
Diesen Satz hört man heutzutage wirklich oft, aber stimmt er auch?
Wir haben nur mit Handwerkern gearbeitet, die ihren Job mit Leidenschaft machen und auch ein bißchen mitdenken auf der Baustelle - und die haben durchweg gut verdient. Ich kenne aber die Statistiken zum Einkommen von Handwerkern nicht und kann nur meinen subjektiven Eindruck wiedergeben. Leidenschaft für den Job führt wahrscheinlich dazu, dass man den Meister macht, um eigene Ideen noch besser verwirklichen zu können (?)
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Axolotl » Samstag 6. Juli 2019, 13:32

Ringelnatz hat geschrieben:
Samstag 6. Juli 2019, 12:46
Welche Auswirkungen meinst du denn konkret? Ich verstehe grade nicht so ganz, was du meinst. :gruebel:
Na insofern, als dass du gemeint hast es hätte Vorteile BWL studiert zu haben. Da ich selbst mal einen kaufmännischen Beruf gelernt habe, sehe ich irgenwie nicht wo sich das abgesehen vom Gehalt wirklich auszahlt. Denn abgesehen von dem etwas vertiefenden Statistikteil (was dem ganzen wenigstens irgendwie einen wissenschaftlichen Anstrich gibt), lernt so ein Durchschnitts BWLer auch nicht mehr als ich mal gelernt habe.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Ringelnatz » Samstag 6. Juli 2019, 15:26

Axolotl hat geschrieben:
Samstag 6. Juli 2019, 13:32
Na insofern, als dass du gemeint hast es hätte Vorteile BWL studiert zu haben. (...) lernt so ein Durchschnitts BWLer auch nicht mehr als ich mal gelernt habe.
Ja, das eben meinte ich mit "man kann BWL so oder so studieren".

Wer BWL ohne großes Interesse an den Inhalten beginnt, der lernt vielleicht nicht mehr als du (wobei ich das nicht beurteilen kann, weil ich entsprechende Ausbildungspläne nicht kenne). Wer aber mit Leidenschaft für Unternehmensführung, Marktmechanismen, Mitarbeiterführung etc. kommt, sich in Praktika und Zusatzangeboten ein umfassendes Bild macht, mit Daten umgehen kann, am Ende vielleicht noch zu einem bestimmten Thema promoviert, der hat am Ende schon ein tieferes Verständnis und das schlägt sich idealerweise in beruflichem Erfolg nieder (so erlebe ich es zumindest bei meinem Mann).
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Axolotl » Samstag 6. Juli 2019, 20:58

Ringelnatz hat geschrieben:
Samstag 6. Juli 2019, 15:26
Ja, das eben meinte ich mit "man kann BWL so oder so studieren".
Ich kenne ehrlich gesagt niemanden, der das Studium ohne eine gewisse Ernsthaftigkeit und Zielstrebigkeit durchgezogen hat.
Ringelnatz hat geschrieben:
Samstag 6. Juli 2019, 15:26
Wer BWL ohne großes Interesse an den Inhalten beginnt, der lernt vielleicht nicht mehr als du (wobei ich das nicht beurteilen kann, weil ich entsprechende Ausbildungspläne nicht kenne). Wer aber mit Leidenschaft für Unternehmensführung, Marktmechanismen, Mitarbeiterführung etc. kommt, sich in Praktika und Zusatzangeboten ein umfassendes Bild macht, mit Daten umgehen kann, am Ende vielleicht noch zu einem bestimmten Thema promoviert, der hat am Ende schon ein tieferes Verständnis und das schlägt sich idealerweise in beruflichem Erfolg nieder (so erlebe ich es zumindest bei meinem Mann).
Das will ich ja alles gar nicht in Frage stellen. Ich frage mich nur, wo da die Vorteile sind? Im Prinzip raten viele Experten sogar davon ab in den Wirtschaftswissenschaften zu promovieren. Und ich muss leider sagen, dass ich mit den BWLern mit denen ich bisher im Rahmen von Ausgründungen zusammen gearbeitet habe, nicht sonderlich beeindruckt war. Weder von deren Fachkenntnissen, noch deren Einstellung oder Arbeitsweise. Ich will nicht sagen, dass es keine Ausnahmen gibt.

Dass studierte BWLer in höheren Positionen landen als ausgebildete Kaufleute ist ja nun wenig überraschend und nicht unbedingt Ausdruck einer deutlich verschiedenartigen Ausbildung, sondern auch einfach dem Abschluss geschuldet.
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