Abstimmung 63. Schreibwettbewerb - Zufälle

Schreibwettbewerbe im Absolute Beginner Treff

Moderatoren: Wolleesel, Peter, Lerche, Lisa, otto-mit-o, Esperanza, orthonormal, Kathy

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Welcher Beitrag hat Euch am besten gefallen?

Umfrage endete am Mittwoch 31. Dezember 2014, 08:28

(1) Magie des Zufalls – oder wie mein Elefant ins Wanken kam
3
30%
(2) Schicksal?
4
40%
(3) (ohne Titel)
1
10%
(4) Nora – eine zufällige Bekannte
2
20%
 
Abstimmungen insgesamt: 10

Valentin
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Abstimmung 63. Schreibwettbewerb - Zufälle

Beitrag von Valentin » Mittwoch 24. Dezember 2014, 08:28

So, dann sind es vier Beiträge geworden. Vielen Dank für die schönen, langen, schön langen Gedanken und Empfindungen. Nun ist es an Euch, dem letzten Schreibwettbewerb des Jahres durch Eure Abstimmung einen würdigen Rahmen zu verleihen. Die Beiträge sind im Schnelldurchlauf noch einmal aufgeführt: Frohes Fest!

Beitrag 1
Magie des Zufalls – oder wie mein Elefant ins Wanken kam

Erst gestern nahm ich wahr, dass der Elefant, von dem immer wieder Menschen behaupteten, dass er gewissermaßen als Haustier in meine Verantwortung gestellt sei, den ich aber bis auf wenige Ausnahmen nur schemenhaft in der Lage war wahrzunehmen, mitnichten erfolgreich in den Landschaften Afrikas oder Indiens ausgewildert oder in einem der hiesigen Tierheime oder gar zoologischen Gärten heimisch geworden war.

Allein der Zufall meiner Anwesenheit, statt der des Zuständigen, bewog einen Menschen, sein Anliegen, das weder ex- noch implizit in meine Zuständigkeit fiel, mir vorzutragen. Es handelte sich um eine Frage, die ich mangels der Fähigkeit die Gedanken des Zuständigen zu lesen, nicht beantworten konnte und so verwies ich, meiner Meinung nach folgerichtig, darauf, sich an jenen ausgewiesenen Zuständigen zu wenden, um diesem die mir gestellte Frage vorzutragen.

Mit großer Verwunderung nahm ich dann zur Kenntnis, dass das Beziehungsohr des Anfragenden in meiner Art zu Antworten einen den schmalen Kamm der Kommunikation auf der schroffen Seite herabstürzenden Elefanten wahrnahm, der die langjährige Bekanntschaft durch sein unaufhaltsames Auf-ihn-zu-poltern bedrohe.

Um die Zuständigkeit allen Interessierten zu verdeutlichen, waren doch großformatige Informationsschilder auf unser beider Türen angebracht worden. So war es mir zunächst fast unmöglich, den Elefanten, auf den man mich hier hingewiesen hatte, und der wohl der Meinige war, auch nur schemenhaft wahrzunehmen.

Bevor Ihnen, dem Leser, nun durch die Informationsschilder an den Türen möglicherweise Assoziationen zu sesselfurzenden unfreundlichen Sachbearbeitern auf irgendeinem Amt aufsteigen, möchte ich Sie kurz unterbrechen, denn dem ist nicht so. Beim Zuständigen und mir handelt es sich um zwei freundliche, den Interessenten und deren Interessengebiet zugewandte Zeitgenossen!

Nur der Zufall brachte es mit sich, dass ich anwesend war und der Fragestellende aufgrund meiner Anwesenheit Zuständigkeit witterte.

Mein Elefant erkletterte mühsam während des weiteren Gesprächs mit dem Fragestellenden den Bergkamm meiner Kommunikationsweise. Ungeachtet der Kenntnis, dass Kommunikation immer mehrere Menschen mit einschließt, habe ich nun diesen Elefanten im Bewusstsein. Heute sehe ich ihn wieder schemenhaft, wie im Nebel der Dschungel Indiens oder im trüben Dämmer am Rande der Steppe Afrikas, über die schroffen Klippen meiner Kommunikationsweise balancieren.

Der nächste Zufall wird ihn wieder ins Wanken bringen, das ist mir heute früh sehr bewusst. Ich wünsche mir für meinen Elefanten breite, ausgetretene Pfade, auf denen er sich sicher bewegen kann. Mein Elefant und ich werden noch viel hin- und herlaufen müssen, um die schroffen Klippen soweit abzutragen, dass sie zur Promenade werden.
Beitrag 2
Schicksal?

"Du Schatz, das muss Schicksal gewesen sein, was uns zusammengeführt hat." "Hmm." A schaute in ihre Augen, nahm ihre Hand und fuhr fort "Wir beide....ich glaube wir passen so gut zueinander. Selbst wenn wir woanders und zu anderen Zeiten leben würden, hätten wir zueinander gefunden." "Hmm" antwortete M, als wenn sie über das Gesagte nachdachte und meinte nach einen kurzen Pause "Schon möglich." Sie löste ihre Hand von ihm und griff nach ihrem Frühstücksbrötchen und machte einen leicht geistesabwesenden Eindruck. "Ach" sagte M spontan zu A "wenn Du nachher einkaufen gehst, könntest Du noch Stachelbeermarmelade mitbringen? Das große Glas ist schon wieder fast leer." "Herrje, Du bist richtig süchtig danach. Was findest Du an dem Zeug so toll?" A verdrehte die Augen dabei, aber er wollte seinen Schatz nicht verärgern und gab freundlich dazu "Na gut, ich bring wieder ein großes Glas mit".

2 Tage zuvor:
M ist immer noch erstaunt und schaut A mit großen Augen im SB-Restaurant an. "Was wollte die Frau von Dir und wieso hat sie Dich 'Du Schwein' genannt?" A suchte mit fuchtigen Armbewegungen nach Worten "Du Schatz, ich versteh das auch nicht... ich kenne die nur ganz flüchtig. Sie war völlig aus dem Häuschen, als ich ihr deutlich sagte, dass ich mit Dir zusammen bin." Der ahnungslose Gesichtsausdruck von A schien nicht gespielt zu sein. "Okay" seufzte M, "lass uns die Geschichte einfach vergessen." Sie ging zur Theke und nahm sich von dem Glas Stachelbeermarmelade.

30 Sekunden zuvor:
"Oh Scheiße, da kommt meine Freundin. Los verschwinde." C schaut A völlig entgeistert an. "Du hast mir die ganze Zeit den Single mit dem schweren Schicksal nur vorgespielt?" A sah aber keine Möglichkeit mehr, große Erklärungen abzugeben, M war schon in Sichtweite. "Los, geh schon, ich erkläre es Dir nachher." C wollte auch keine Sekunde länger bei A sein, schnappte die Jacke, riss dabei das halbe Essenstablett um und schrie ihn an "Du Schwein" und verließ im schnellsten Schritt das Restaurant.

2 Minuten zuvor:
"Das war eine gute Entscheidung, mich heute mit Dir zu treffen." meinte C mit lächelndem Blick zu A. "Ich war mir erst unsicher, aber Du scheinst ein ehrlicher Kerl zu sein." Sie rückte näher zu ihm hin, nahm seine Hand und ihre Lippen kamen sich so nahe, dass ein Kuss unausweichlich war und weitere folgten.

1 Minute zuvor:
"Werte Dame, wollen Sie unsere kostenlosen Duftproben testen. Das wird nur drei Minuten dauern" sagte der Verkäufer routiniert zu M. Sie war eigentlich in Eile, aber sagte dann "Okay, ich wollte zwar in meiner Mittagspause nur im SB-Restaurant was essen, aber für drei Minuten kann ich neue Düfte leisten".

2 Tage zuvor:
A sitzt am PC und schreibt eine Nachricht an C "Gut, dann lass uns doch übermorgen zur Mittagszeit im SB-Restaurant im neuen Einkaufszentrum treffen und schauen, was uns das Schicksal bringt ;-)".

10 Minuten zuvor:
A setzt sich an den PC und checkt seine eMails. Plötzlich lächelt er, als er die Adresse von C liest. "Lieber A, je öfter wir uns schreiben, um so erstaunter bin ich, dass Du als liebevoller und herzensguter Mensch noch Single bist. Das kann und darf nicht Dein Schicksal sein. Ich würde Dich gerne richtig kennenlernen, wo kann ich Dich anfinden? Lieben Gruß, C."

6 Monate zuvor:
A hat seinen letzten Umzugskarton ausgepackt. M umarmt A. Sie setzen sich auf die gemeinsam gekaufte Couch.

5 Wochen zuvor:
A schreibt in seinem Lieblingsforum "Ich finde Männer einfach zum kotzen, die in einer Beziehung leben und nach Abenteuern suchen. Sowas sollte man unter Strafe stellen."

2 Monate zuvor:
M fragte A mit etwas besorgter Stimme "Bist Du eigentlich sicher, dass Du mit einem Menschen zusammenleben möchtest, der viel Wert auf seine Religion legt und das auch respektierst? Mir ist das wirklich wichtig, weil meinen Glauben ein wichtiger Bestandteil meines Lebens ist." "Aber Schatz", sagte A, "ich bin ein absolut toleranter Mensch. Ich würde meine Partnerin nie wegen ihrer Religiosität ablehnen." "Ich bin ja so froh, dass Du das sagst" und M umarmte freudestrahlend A.

Im Frühjahr des letzten Jahres, irgendwo in einem Restaurant, die Brunch anbieten:
M: "Nein, ich hab das noch nie probiert. Schon allein das Wort gefällt mir nicht, Staaaaachelbeeeeere. Brrr, und dann diese Kernchen." Sie schüttelte sich heftig. S lacht, "Du bist also auch eine Stachelbeeren-Anfängern? Das ist nicht schlimm. So dachte ich früher auch. Aber es gibt ein Geheimrezept, das hat mich völlig überzeugt.", "Achja", schaute M ihren Gesprächspartner lieb an "würdest Du es einer Anfängerin wie mir verraten?". "Also ganz unter uns, man nehme Stachelbeermarmelade und vermische das mit geschnittener Banane. Ich habe vorhin gesehen, dass sie alle Zutaten hier haben." "Irgendwie schade, dass Du nicht getauft bist, S." "Hmm, spielt das so eine Rolle?" entgegnete S. M dachte über das Gesagte nach und unterbrach die Pause "Glaubst Du eigentlich an das Schicksal?" "Nö, aber an Zufälle."

Zeitgleich saß A an seinem PC und schrieb in seinem Lieblingsforum: "Religion ist etwas für Schwache und Gehirnamputierte."
Beitrag 3
„Klar kann ich“, sagte ich und spürte diese wohltuende Wärme der Freude in mir aufsteigen, die ein Interaktionspartner am anderen Ende des Telefonanschlusses niemals spüren kann.
Eigentlich hätte ich erst im neuen Jahr an den Samstagen in der Buchhandlung aushelfen sollen, in der ich einst meine Ausbildung absolvierte und die ersten Berufsjahre erlebte. Doch krankheitsbedingte Ausfälle und die Vorweihnachtszeit führten zu personellen Engpässen, so dass mich die Leiterin der Buchhandlung um ein früheres Einspringen bat.
Eine Frau müsse nicht studieren, es reiche, einen Studierten zu heiraten, hatte meine Mutter seinerzeit gesagt und natürlich ein Augenrollen meinerseits ob ihrer konservativen Grundeinstellung geerntet. Nur wenige Monate später musste ich jedoch erkennen, dass Mütter immer recht haben, denn auch wenn es für den Moment nicht geplant war, wurde ich schwanger, und die Hochzeit mit einem gewünscht Studierten war die logische Folge. Um auch wirklich eine echte Familie zu sein, bekamen wir in den nächsten Jahren zwei weitere Kinder. Ja, ich bin glücklich in meiner Rolle als Familienverwalterin. Und ich weiß, dass ich meistens die Möglichkeit habe, aushilfsweise meinen Job in der Buchhandlung ausüben zu können, und vielleicht bietet sich eines Tages eine längere Anstellung an, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Ich liebe meinen Mann, ich liebe meine Kinder, ich liebe meinen Job, ich liebe mein Leben.

Es war der erste Adventssamstag. Ich war sehr schnell wieder drin, wie man so schön sagt: immer freundlich sein, fragen, ob ein Buch als Geschenk verpackt werden solle und sich hin und wieder über die Auswahl der Kunden wundern. Ich weiß noch genau, dass mein erster Arbeitstag sehr schnell verging, hatte kurz zuvor noch auf die Uhr geschaut, ausgerechnet, dass es nur noch knapp zwei Stunden bis Feierabend waren. Es muss demnach kurz nach 16 Uhr gewesen sein, als der nächste Kunde an der Reihe war. Sofort fiel mir seine Unsicherheit auf, und ich fragte mich, woher diese kommen möge. Wie automatisch sah ich mir auch seine Buchauswahl an, und schließlich muss ich zur Preiserfassung ja auch die ISBN-Codes über den Scanner erfassen lassen. Natürlich fiel es mir daher auf, doch fand ich es, gerade zur Weihnachtszeit, nicht ungewöhnlich, dass ein Kunde zwei Exemplare des gleichen Buches kauft. Und doch erkannte ich eine unheimliche Erleichterung in seinem Gesicht, als ich ihn fragte, ob ich etwas als Geschenk verpacken dürfe und er, indem er mit dem Finger darauf zeigend, sagen konnte: „Eines der beiden“, während er sich umblickte, gerade so, um zu prüfen, ob die Länge der Schlange hinter ihm noch kurz genug war, um andere Kunden nicht zu lange warten lassen zu müssen.
Während ich „eines der beiden“ in weihnachtliches Geschenkpapier einwickelte, kam ich nicht umher, mir über diesen gehemmt wirkenden Kunden Gedanken zu machen. Wenn er nur dieses eine Buch verschenken möchte, liest der die anderen wohl selbst. Die Bücher lagen ja neben mir: Ein – derselbe - Roman, ein Sachbuch, eine Biographie – vielseitiges Interesse, noch dazu von einem Mann. Mein Gatte liest bestenfalls den Sportteil unserer Tageszeitung. Nachdem ich das Geschenk eingepackt und alle Bücher übereinander gestapelt hatte fragte ich ihn, ob er denn eine Tüte benötigte: „Gerne, wenn Sie eine Plastiktüte, äh, nein, wenn Sie eine Papiertüte haben.“
Es kam mir vor, als hätte er diesen Satz stundenlang und tausendfach zuvor einstudieren müssen. War es eine besondere Herausforderung, mehr als nur „Ja“ oder „Nein“ zu sagen? Er kam mir wie vor, wie jemand, der an der Wursttheke ansteht und in dem Moment, in dem er an der Reihe ist, feststellen muss, dass er Vegetarier ist.
Ich packte seine Bücher wie gewünscht in eine Papiertüte - er achtet auch noch auf die Umwelt - und bedankte mich. „Es ist immer schön, hier einzukaufen“, sagte er und überraschte mich in einem selten zuvor erlebten Maße. Vielen Kunden kommt selbst ein Danke schwer über die Lippen, und nun ging es mir aufgrund dieser Überraschung nicht anders, und ich presste lediglich ein „Oh“ über die Lippen und hätte doch gerne viel mehr gesagt. Doch er war bereits auf dem Weg zum Ausgang.
Leicht verwirrt versäumte ich, die nächste Kundin nach dem Geschenkverpackungswunsch zu fragen. Als ich Feierabend und mich auf den Heimweg machte, war ich noch immer von der sanften Wirkung des unsicheren Kunden berührt und lobte den Zufall, der mir diese Begegnung bescherte.
„Eigentlich wäre ich heute noch gar nicht hier gewesen“, dachte ich und lächelte in die spiegelnde Scheibe der Straßenbahn.

[Fortsetzung folgt im Rahmen des nächsten Themas]
Beitrag 4
Nora – eine zufällige Bekannte

Ich saß in der Küche und warf mein Rechtsgeschichte-Lehrbuch in die Ecke. "Warum tue ich mir das eigentlich an?", fragte ich mich so bei mir. Ich schaute und sah die Eisblumen am Fenster. Ein kalter Februar, bitterkalt. Es war früher Vormittag an einem Freitag. Ich musste nicht arbeiten und die Klausur war erst Mitte März. Also noch was hin. Ich zog mich daher an und ging raus. Eigentlich wollte ich mich nur ein bisschen umhertreiben lassen. Ich fuhr zwei Stationen mit der Straßenbahn.
Bei den meisten Menschen auf den Straßen sah man zwischen Schals, Winterjacken und Mützen nur die Augen ein wenig aus dem Berg von warmhaltenden Schichten herauslugen.

Ich stieg aus und wechselte die Straßenseite. Plötzlich rempelte mich jemand an und ich verlor fast das Gleichgewicht. Ich drehte mich rum und sah eine junge Frau, die mit leerem Blick durch die Straßen lief und gar nicht bemerkte, dass sie mich ins Straucheln brachte. Ich sah ihr nach. Sie war schon an der Straßenecke und wäre beinahe von einem Müllwagen erfasst worden. Ich konnte sie davor aber gerade noch einmal bewahren.
Die junge Frau, ich schätzte sie auf ungefähr 20, schaute mich zwar an, aber ihr Blick war leer, ausdruckslos, als ob niemand wirklich zuhause wäre. Ich bemerkte, dass ich immer noch ihr Handgelenk umklammerte und sie festhielt. Aber keine Gegenwehr. Ich sprach sie an, aber sie schaute nur; ihr Ausdruck war starr. Ihre Hände waren kalt und sie musste frieren, so wie sie angezogen war: Rock, Strumpfhose, Bluse, Pullover, offener Mantel. Keine Handschuhe, kein Schal, keine Mütze.
Ich wollte sie nicht gehen lassen, denn ich merkte, ihr musste was schreckliches oder traumatisierendes Geschehen sein. Ich führte sie zur nächsten Sitzbank und versuchte mich mit ihr zu unterhalten. Ihre einzige wirklich erkennbare Regung war, dass sie meinen Arm fest umklammerte - irgendwie komisch.

Ich sprach sie noch einmal an. Fragte nach ihrem Namen, was ihr passiert ist und ob ich sie irgendwo hinbringen könne - zur Polizei, zu einem Arzt oder nach Hause. Aber auf nichts reagierte sie. Ich knöpfte erst mal ihren Mantel zu und wickelte sie in meinen Schal. Dann kaufte ich ihr in nahen Cafe einen Kakao und sie umklammerte mit ihren kleinen Händen den wärmenden Pappbecher. Wenigstens ein bisschen hellte sich ihr Gesichtsausdruck auf - zumindest bildete ich mir dies ein.
"Tut gut, hmm?", fragte ich und meinte ein leichtes Knicken zu erkennen.
"Was soll ich jetzt mit dir machen, du Zufallsbekanntschaft? Ich kann dich ja schlecht hier sitzen lassen. Und mit zu mir nach Hause kann ich dich auch nicht nehmen?!", sagte ich mehr zu mir selbst, als zu ihr. Sie nickte - diesmal etwas erkennbarer. Ich grübelte.
"Willst du mit zu mir kommen?", fragte ich. Sie nickte wieder. Ich fragte mich selbst, ob das so eine gute Idee war. Zwar dachte ich nein, aber da saßen wir schon in der Straßenbahn, die nur 3 Minuten zu meiner Haltestelle brauchte.

Mir fiel erst in der Straßenbahn auf, dass diese junge Frau wohl schon seit Tagen durch die Stadt irren musste, da ihr Erscheinungsbild etwas lädiert war: ihre Knie waren aufgeschlagen, als ob sie schon mehrmals gestolpert und hingefallen wäre. So sahen auch Mantel und ihre Schuhe aus. Ihre Haare waren ein bisschen zauserig. Was musste passiert sein, dass sie so gedankenverloren durch die Stadt streifte. Viel erschütternder fand ich den Gedanken, dass sich niemand um sie wahrnahm oder um sie kümmerte .
Wir stiegen aus der Straßenbahn aus. Ich wohnte nahe der Haltestelle, so dass wir nicht lange durch die Kälte laufen mussten.

„Die Schuhe solltest du vielleicht ausziehen und den Mantel kannst du dahin hängen“, sagte ich zu ihr. Ich schleuderte meine Schuhe in die Ecke und warf meine Jacke über den Stuhl, der im Flur stand.
„Magst du ne Suppe haben?“, rief ich aus der Küche. Keine Antwort - logischerweise. Ich ging wieder in den Flur und sie stand immer noch an der selben Stelle.
„Soll ich dir helfen?“ - Ein Nicken. Wenigstens reagierte sie etwas. Ich zog ihr also die Schuhe und ihren Mantel aus. Aus ihrer Manteltasche fiel dabei ein Kärtchen. Auf diesem Stand ein Name.
„Heißt du Nora?“ - Sie nickte. Ich sagte ihr meinen Namen, nahm sie an der Hand, die immer noch entsetzlich kalt war, und setzte sie in die Küche auf das Sofa. Sie saß total steif und wie zur Säule erstarrt da und ihr Blick ging zu den Eisblumen am Fenster.
Während die Suppe auf dem Herd vor sich hin köchelte, setze ich mich neben sie, mit ein bisschen Abstand. Obwohl das Sofa relativ groß war und ich den Abstand erst mal etwas größer wählte, machte sie einen Satz, ließ sich in meine Arme fallen und fing bitterlich an zu weinen. Mich machte das Ganze ziemlich betroffen.

Was musste Nora wohl passiert sein? Und was wäre ihr passiert, wäre ich nicht zufällig auf sie gestoßen?
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Re: Abstimmung 63. Schreibwettbewerb - Zufälle

Beitrag von schwarzkaeppchen » Samstag 27. Dezember 2014, 15:33

Die Feiertage sind vorüber.

Nun ist Zeit zum Lesen - Auswählen - ABstimmen!
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Re: Abstimmung 63. Schreibwettbewerb - Zufälle

Beitrag von schwarzkaeppchen » Montag 29. Dezember 2014, 20:31

*schieb*
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Re: Abstimmung 63. Schreibwettbewerb - Zufälle

Beitrag von schwarzkaeppchen » Dienstag 30. Dezember 2014, 21:50

*mal wieder schieb*
"Bewahre deine Illusionen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber nicht weiter leben." - Mark Twain

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Re: Abstimmung 63. Schreibwettbewerb - Zufälle

Beitrag von Valentin » Mittwoch 31. Dezember 2014, 08:44

So, dann ist die Entscheidung gefallen, wenn auch sehr knapp. Vielen Dank fürs Lesen und fürs Abstimmen.
Der letzte Schreibwettbewerbserfolg 2014 geht somit an BartS :gewinner: als Einsender des zweiten Beitrags, dicht gefolgt von schwarzkaeppchen. Ach, das kann ja alles kein Zufall sein.
Die beiden anderen Autoren wollten nicht namentlich genannt werden.

Dann wünsche ich allen einen schönen Silvesterabend, mögen die meisten den letzten Tag des Jahres doch irgendwie gesund und in Gesellschaft verbringen, einen guten Start in 2015 und bis dann ... spätestens beim nächsten Schreibwettbewerb.
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Re: Abstimmung 63. Schreibwettbewerb - Zufälle

Beitrag von schwarzkaeppchen » Mittwoch 31. Dezember 2014, 14:13

Zufällig sah ich gerade die Auflösung des Schreibwettbewerbs, die mal wieder keine wirkliche Auflösung ist. Schade. Mir gefielen die beiden anonym eingesandten Beiträge ziemlich gut.

Mein Glückwunsch geht an BartSi, dessen schicksalhafte Geschichte den meisten gefallen hat. Ich bin sehr gespannt, was dir als neues Thema einfallen wird.
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Re: Abstimmung 63. Schreibwettbewerb - Zufälle

Beitrag von BartS » Sonntag 4. Januar 2015, 12:17

Wow, war 5 Tage offline, und dann diese positive Überraschung. Danke. :D Vielleicht wird 2015 ein echt gutes Jahr (okay, passierte alles im alten Jahr). Wie Schwarzkäppchen bin ich genauso gespannt, wie das neue Thema lauten wird. ;)
"Liebe ist, dass man sich so lange gehen lässt, bis man nicht mehr gehen kann."
(Hazel Brugger)

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