Talking Tree

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Einsamer Igel
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Talking Tree

Beitrag von Einsamer Igel » Donnerstag 17. Dezember 2015, 19:09

Bibbernd zog ich den Schal fester um mich und rieb meine behandschuhten Hände. Vor mir lag der Weihnachtsmarkt. Gedränge, Getöse, Geschäftemacherei, Gesaufe... und Taschendiebe.
Wollte ich da wirklich rein? Weil es ja so einen Spaß macht? Geschenke brauchte ich ja keine. Und nach überteuerten Zwiebelringen und gepanschtem Glühwein gelüstete es mich auch nicht. Traurig blickte ich mich um. Und entdeckte am Ende der Gasse etwas am Boden. Kinder hatten da einen kleinen Flohmarkt eröffnet. Wohl um Platz zu schaffen im Kinderzimmer. Schließlich würde bald Nachschub an Spielen, Teddybären, naja, eher Spielekonsolen und anderem modernen Beschäftigungsmaterial kommen.

Dahinter war Aldi. Also los.

Im Vorbeigehen fiel mein Blick auf einen ziemlich hässlichen und zerrupft wirkenden Plastikweihnachtsbaum. Mit Augen und roter Zipfelmütze. Er hatte bestimmt mal fröhlich ausgesehen, aber wie er da so auf dem Pflaster stand, war es, wie in einen Spiegel zu schauen. Traurig schauten wir uns an. "Er kann sprechen, tanzen und singen!" ertönte eine Kinderstimme neben mir. Ich schaute erstaunt. Der Junge nahm den Baum, öffnete ein Fach am Fuß und mein Blick fiel auf Batterien. Als er einen Schalter betätigte, machte der Baum einen "Hüftschwung" mit den nicht vorhandenen Hüften und rief blechern "Hohoho".

Was für ein Mist, dachte ich, griff aber schon zu meinem Portemonnaie, denn die zerrupfte Hässlichkeit rührte mich an.

So ging ich dann mit dem Baum unter dem Arm zu Aldi, in die gewohnte Fertigmenüabteilung und suchte mir etwas Passendes für die Feiertage aus. Den mexikanischen Feuertopf aus der Dose würde ich mit den Frankfurtern aus dem Glas aufpeppen. Viel mehr Auswahl bot der Laden vor den Feiertagen schon fast nicht mehr, die Leute hatten sich auf die bevorstehenden Hungerjahre (3 verkaufsfreie Tage) bereits gut vorbereitet.

An Heiligabend saß ich in meinem Fernsehsessel, dem einzigen Sitzmöbel in meinem spartanisch eingerichteten Wohnzimmer. Besuch kam ja nie. Beim zappen durch die Programme überall der gleiche Mist. So wusste ich bald nicht, ob das sauer Aufstoßen vom Feuertopf (den ich mit Chiliflocken noch verfeinert hatte) oder vom schlechten Programm kam. Überall nur heiapopeia-merrychristmas- und happyfamily-Schwachsinn. Ich schaute den Baum an, der neben mir auf dem Tisch stand und schaltete den Fernseher aus. Heiapopeia ging weiter. Aus der Nachbarwohnung drangen Gelächter und Kinderstimmen, Absatzschuhe klapperten über den Parkettboden und Stühle wurden herum geschoben.

Ich schaltete den Baum ein und er machte genau 2 Hüftschwünge und sagte "Hoh". Das wars.
Ich betätigte den Schalter mehrmals, bis mir der Gedanke kam, die Batterien könnten leer sein. Ich entnahm sie und ging damit zum Schränkchen im Flur, durchforstete alle Schubladen und fand keine neuen Batterien. Fuck.

Nicht mal der Baum redet noch mit mir an Weihnachten!

Eine einsame Träne wollte sich den Weg über meine Wange bahnen. Ich hörte durch die Wand die Türklingel der Nachbarn. Noch mehr Besuch war angerückt und es folgte ein großes Helau, nachdem die Tür geöffnet worden war. Ich drehte mich zum Wohnzimmer um, ging dann aber doch in die Küche. Schaute in den Kühlschrank. Weitestgehend Leere. Passt. Auf der Arbeitsfläche daneben noch 2 Dosen Feuertopf. Darauf hatte ich keine Lust. Immer noch die Batterien in der Hand tigerte ich auf und ab. Vielleicht hatte ja der Kiosk an der Ecke noch auf. Die haben doch fast alles. Vielleicht auch Batterien.

Aber als ich da ankam, fand ich nur ein Schild vor: "Wir wünschen all unseren Kunden ein frohes Weihnachtsfest im Kreise ihrer Lieben. Wir sind nach den Feiertagen wieder für Sie da.".

Hätte ich mir denken können. Langsam schlurfte ich zurück zu meiner Wohnung.
Ich hatte den Schlüssel schon im Schloss meiner Tür stecken, als mir eine Schnapsidee kam. Vielleicht hatten die Nachbarn ja Batterien für mich. War wohl Gehirnvereisung, weil ich ohne Mütze losgegangen war, ich klingelte bei Nachbars und ehe ich es mir noch anders überlegen konnte, wurde die Türe aufgerissen und ein kleines Mädchen mit Strickkleid, weißen Strumpfhosen und Pippi Langstrumpf-Zöpfen starrte mich erwartungsvoll an. Eine Frauenstimme erklang aus dem Wohnzimmer und die Kleine antwortete pflichtschuldig in dieselbe Richtung: "Nicht der Weihnachtsmann!" und lief einfach davon. Ich blieb allein in der offenen Tür stehen. Für einen Moment wusste ich gar nicht, was tun?

Dann kam auch schon die Frau Mama um die Ecke und schaute mich erstaunt an. "Ja bitte?"
Sie erkannte mich offenbar nicht, ich sie aber auch nicht... sie musste wohl zu Besuch sein. So gut kannten sich die Leute hier im Haus nicht, naja, ICH kannte sie nicht. Sie rief nach einem "Helmut!" und ich stand immer noch wie angewurzelt. Helmut kam und hatte rote Bäckchen. Offenbar ertrug er die Feiertage nur mit einigen Promille. Aber hey, den erkannte ich. Wir hatten uns gestern beim Schneeschippen kurz gegrüßt. Ich fand auch endlich meine Stimme wieder und hob die Hand mit den Batterien.

Er zog mich in den Flur und fing an in seinem Flurschränkchen alle Schubladen rauszuziehen. Er förderte sogar einige Batterien zutage, aber leider nicht die passenden.

Währenddessen konnte ich einen Blick in die warm erleuchtete Wohnstube werfen. Ich blickte auf eine große Festtagstafel mit weißem Tischtuch und Adventskranz mit brennenden Kerzen, soeben wurde die Weihnachtsgans auf den Tisch gestellt, die Familie eilte zu Tisch, mit erwartungsfrohen Gesichtern. Im Hintergrund tönte besinnliche Weihnachtsmusik und der Baum... wow... da stand eine sicher 2m große und ausladende Edeltanne, wunderschön geschmückt, ganz anders Kategorie als Karstadt. Und darunter große und kleine Pakete und Päckchen. Und wie es duftete... ich wurde ganz hungrig.

Helmut drehte sich wieder zu mir um. Mit einem bedauernden Lächeln zuckte er mit den Schultern und entschuldigte sich. Da war es wohl an mir, mich umzudrehen... und zu gehen. "Trotzdem danke" murmelte ich und drehte mich zur Tür. "Frohes Fest" rief er mir zu, kurz darauf schloss sich die Tür hinter mir. Ich stand im Treppenhaus und mit einem "Pling" erlosch das Licht.

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Der Schreiber der besten Fortsetzung bekommt von mir eine Weihnachtskarte! Bild

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Re: Talking Tree

Beitrag von schmog » Donnerstag 17. Dezember 2015, 19:27

Schöner Text! :D

Mein Text ist sehr breit?
Macht mein Firefox Faxen? :gruebel:
Zustand und Band Status Quo ist super

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Re: Talking Tree

Beitrag von Birdfood » Dienstag 22. Dezember 2015, 22:20

Schweren Schrittes ging ich durch den kalten Nachmittag. Es hatte ein wenig geschneit, aber nur an den Wegrändern, da wo niemand seinen Fuß hinsetzte, blieb er liegen. Auf der anderen Straßenseite kam mir ein Pärchen entgegen, als sie mich sahen lachten und winkten sie mir zu und riefen im Duett: „Fröhliche Weihnachten!“ Ich erwiderte den Gruß pflichtbewusst so gut ich konnte und brachte mich damit auch ein wenig in Stimmung, denn so recht wollte sich diese noch nicht bei mir einstellen.
Vor der Haustür des achtstöckigen Wohnturms blieb ich stehen, suchte den entsprechenden Klingelknopf, denn einen Schornstein hatten sie ja nicht, betätigte diesen und ohne die Gegensprechanlage zu benutzen ertönte der Summer und ich betrat das bereits erleuchtete Treppenhaus. Ich hörte Stimmen über mir, dann eine Tür und während ich die Stufen hochstapfte ging das Licht aus. Da sich ja offensichtlich außer mir noch eine Person im Treppenhaus aufhielt, wartete ich einfach, bis der oder die jenige das Licht wieder einschaltete. Da dies nicht geschah, drehte ich mich um und tapste, leise vor mich hin fluchend, die Treppe wieder runter, doch kurz vor erreichen des schwachrot leuchtenden Schalters ging das Licht wieder an und ich hörte jemanden die Treppe runter kommen. Die Augen verdrehend und gereizt stöhnend stapfte ich die Stufen also wieder hoch und ärgerte mich zusätzlich, daß meine weihnachtliche Stimmung jetzt komplett im Arsch war, bemühte mich jedoch, die mir entgegenkommende Person, die ja, meiner Meinung nach, Schuld an meinen strapazierten Nerven war, trotzdem, des heiligen abends entsprechend, freudig zu begrüßen.
Die Frau, die mir da entgegenkam blickte traurig und nachdenklich vor sich hin und schien mich gar nicht zu bemerken. Erst als wir fast auf gleicher Höhe waren blickte sie erschrocken auf und starrte mich an. Den Tag und die damit verbundene Begrüßungsformel vergessend, sagte ich einfach: „Hallo.“ Ihre Anspannung löste sich mit einem hörbaren, erleichternden Seufzer und lachend sagte sie zu mir: „Hallo ...und fröhliche Weihnachten.“ Auch ich musste lachen und erwiderte den Weihnachtsgruß, dann gingen wir beide unserer Wege.

15:53 Uhr zeigte meine Uhr an, ich war etwas früh dran und so nutzte ich die Zeit für ein paar Lockerungsübungen und ging meinen Text nochmal gedanklich durch, dann räusperte ich mich in meinen Bart hinein und übte meine Stimme im tiefen Ton zu erklingen, klingelte und wartete. Im Inneren der Wohnung hörte ich aufgeregtes Treiben, das der Tür, vor der ich stand, näher kam. „Hoffentlich nicht wieder die komische Nachbarin,“ hörte ich noch eine Frauenstimme sagen, dann öffnete sich die Tür und ein fröhlicher Empfang wurde mir zuteil, bei dem ich jedoch kaum ein Wort verstand, weil alle durcheinander und aufgrund der räumlichen Entfernung etwas lauter, fast rufend und scheinbar mit verschiedenen Adressaten redeten. Ein kleines Mädchen sah mich freudestrahlend, leicht in die Knie gehend, an und lief schließlich aufgeregt rufend, ihre Zöpfe umherwirbelnd, den Flur entlang. Ich folgte ihr einfach, abwechselnd mit der Glocke bimmelnd und „ho, ho, ho, fröhliche Weihnachten“ wünschend, ins Wohnzimmer, in dem der Rest der Familie, eine enorm große und reich geschmückte Tanne und auch das Mädchen selbst auf mich warteten.
Ich stellte mich, zumindest meiner Meinung nach, und diese ist, aufgrund gewisser Kenntnisse der Theaterkunst, nicht gänzlich substanzlos, an die dramaturgisch richtige Stelle und verlängerte meine Begrüßungszeremonie, während ich meinen Bauch, der durch ein Kissen deutlich an Volumen zugelegt hatte, stolz zur Raummitte, und somit zu den dort Anwesenden, hin streckte und leicht hin und her bewegte.

Man wies mir freundlich auf einen Stuhl, auf den ich mich setzen sollte, und während ich mich setzte, stand das Mädchen völlig angstfrei vor mir und wartete gespannt, was nun passieren würde. Ich nahm sie auf den Schoß und fragte, wie vorher mit ihren Eltern vereinbart, ob sie das Jahr über brav gewesen wäre. Sie antwortete: „Nein, aber du bist ja trotzdem gekommen.“ Ich dachte mir; „da hat sie recht“ und überlegte, da ich auf diese Antwort nicht vorbereitet war, wie ich darauf reagieren soll. Auf die Frage, warum sie denn nicht brav gewesen sei, zuckte sie nur mit den Schultern und sah mich erwartungsvoll an. Danach bat ich sie ein Gedicht aufzusagen. „Lieber, guter Weihnachtsmann – schau mich nicht so böse an – steck´ die Rute wieder ein – will auch immer artig sein.“ Ich lachte weihnachtsmännisch und log, daß dies mein Lieblingsgedicht sei. Um nun an die Geschenke im Sack zu kommen, stellte ich sie wieder auf die Füße und holte das erste Paket raus, gab es ihr und sie packte es mit einiger Mühe aus, um dann mit dem Inhalt, den sie triumphierend in die Höhe hielt, zu ihrer Familie zu laufen, wobei sie voller Begeisterung „mein Lieblingsspielzeug“ rief.
Mir wurde währenddessen im Kostüm immer wärmer und schnappte bereits leicht asthmatisch nach Luft. Mir war klar, ich musste so schnell wie möglich hier raus, wollte aber wenigstens noch ein zweites Geschenk überreichen und bat das Kind wieder zu mir. Gelangweilt kommentierte sie den Inhalt des zweiten Paketes mit „nur was zum Anziehen“ und dieses auch erst durch Nachfrage.
Nun stand ich auf und behauptete, meine Rentiere wären schon unruhig und ich müsse nun weiter, denn ich hätte diesen Abend noch viel zu tun. Auch das Gläschen Wein lehnte ich aus dreierlei Gründen dankend ab, zum einen hielt ich es vor Hitze kaum noch aus, außerdem musste ich noch Auto fahren und schließlich wäre es ohnehin unmöglich gewesen durch den angeklebten und zusätzlich mit einem Gummiband fixierten Rauschebart irgendeine Art von Nahrung aufzunehmen, es sei denn mit Hilfe eines Strohhalms, der mir bei Rotwein jedoch nicht angemessen erschien, was ich natürlich für mich behielt und verwies erneut auf meine knappe Zeit. Ich verabschiedete mich und verließ, begleitet von den Eltern, die Wohnung. Bevor ich mich jedoch endgültig verabschieden konnte, kam mir das Mädchen nachgelaufen und sagte; „du hast was vergessen“ und hielt mir die Handglocke hin, die ich auf das Tischchen neben dem Stuhl abgelegt hatte. Lachend bedankte ich mich bei ihr und konnte nun endlich ins kühle Freie gehen, was ich auch tat.

Draußen vor der Tür traf ich auf die Frau aus dem Treppenhaus.

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Fortsetzung folgt

Aber von wem? Von mir nicht! Vielleicht von dir? :hierlang:
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