73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Schreibwettbewerbe im Absolute Beginner Treff

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Peter
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73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Beitrag von Peter » Freitag 20. Oktober 2017, 10:28

Bei mir zu Hause erklingt aus den Boxen „Element of Crime“. Dies kann nur eins bedeuten: Es ist Herbst!

Im Sommer habe ich angekündigt, die heiße Jahreszeit verstreichen zu lassen, um uns den Herbst mit neuen Beiträgen zu erwärmen. Als Liebhaber des Sommers muss ich leider konstatieren: Es ist so weit.

Und es regnet und ist trüb.

Jetzt liegt es an euch, dem Herbst etwas Licht mit euren Beiträgen zu schenken.

Themenwahl ist immer schwierig. Es sollte möglichst ein Thema sein, das einerseits inspiriert und andererseits möglichst viel Freiheit lässt. In den letzten Tagen hatte ich im Forum verschiedene Diskussionen gelesen, die sich im weitesten Sinn mit Gratwanderungen beschäftigen. Dies möchte ich als Aufhänger für den Schreibwettbewerb nutzen:

Thema des 73. Schreibwettbewerbs lautet also: „Gratwanderung“.

Ein Wort, das man auf vielfältige Weise aufgreifen kann. Ich bin gespannt auf eure Beiträge!

Und hier die Regeln:

* bitte nur selbstverfasste Texte per PN an mich einreichen.
* die Texte sollen einen erkennbaren Bezug zum Thema aufweisen.
* die Texte sollen in deutscher Sprache verfasst werden.
* es dürfen bis zu drei Beiträge pro Teilnehmer eingesandt werden.
* die eingereichten Beiträge werden anonym hier im Thread veröffentlicht.
* die Namen der Teilnehmer werden nach der Abstimmung bekannt gegeben - wer das nicht möchte, sagt mir bitte rechtzeitig Bescheid!
* Abgabeschluss ist der 12. November um 20:00 Uhr.
* Der/die Gewinner/in des 73. Schreibwettbewerbs darf den nächsten Schreibwettbewerb organisieren.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Schreiben!
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Peter
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Re: 73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Beitrag von Peter » Montag 23. Oktober 2017, 13:16

Hier Beitrag Nummer eins:
Festhalten

Jetzt sitze ich hier und sie auch.
Warum sitzt sie hier? Aus dem selben Grund wie ich?

Die Gedanken kreisen. Sie dürfen nicht kreisen. Sie müssen sich an etwas festhalten. Sonst kreise ich mit ihnen fort. Festhalten an einem Gedanken der mich bei ihr hält.

Ihr Blick ist auf die Leinwand gerichtet. Auf ihren Oberschenkeln hat sie eine Box Popcorn stationiert. Während sie kaut und dabei konzentriert den Film verfolgt, sieht sie niedlich aus.

Daran halte ich mich fest. An dem Film. Denn um den geht es nicht. Kann es gar nicht gehen.

„Wir können ja mal Abends zusammen irgendwo hin gehen“ hatte sie gestern beiläufig gesagt, während wir die Uni-Bibliothek verließen, in der wir zuvor für ein gemeinsames Referat recherchiert hatten. Und ich hatte geantwortet: „Vielleicht Kino?“

Und jetzt sitzen wir hier. Zusammen. Nicht wegen des Films. Daran muss ich mich festhalten.

Woran sie wohl gerade denkt? Verfolgt sie die Handlung des Films wirklich so interessiert oder ist sie mit ihren Gedanken bei mir? Was erwartet sie von dem Abend? Dass ich tue, was Männer gerne mal in solchen Situationen tun? Oder hofft sie, dass ich genau das nicht tun werde?

Stopp – die Gedanken dürfen nicht kreisen. Festhalten. Festhalten an dem Film. Denn um den geht es ja gar nicht.

Ich würde gerne tun, was Männer in solchen Situationen tun. Wieder schaue ich zu ihr. Sie steckt sich gerade Popcorn in den Mund. Dann wendet sie sich mir zu. „Nimm Dir doch auch was“ sagt sie. Die Box ist nah an ihrem Schoß platziert. Irgendwie intim, da hinein zugreifen und nach Popcorn zu fischen. Ich gebe mir einen Ruck. Die Schachtel zittert, weil meine Hand zittert. Hoffentlich bemerkt sie es nicht.

Zeit verrinnt. Der Film müsste bereits seine Mitte erreicht haben. Wenn ich mich noch etwas trauen möchte, dann jetzt. Aber was? Legt man nicht üblicherweise im Kino den Arm um seine Begleiterin und fängt dann an zu kuscheln? So weit die Theorie. Aber wie? Ihr Kopf ruht an der Lehne. Ihre Schultern und den Rücken hat sie in den Sessel gepresst. Da ist kein Platz für einen Arm. Ist das Absicht von ihr?

Die Gedanken dürfen nicht kreisen. Es geht nicht um den Film. Es muss etwas anderes gehen.

Zaghaft berühre ich mit meinem Knie ihres. Sie verändert ihre Position nicht. Verharrt als ob nichts wäre. Wie ist das zu deuten? Positiv sage ich mir. Schließlich geht es nicht um den Film.
Doch dieser leichte Körperkontakt ist zu uneindeutig. Ihm muss etwas folgen. Aber ich kann keine Möglichkeit erkennen.
Sie schaut zu mir, lächelt kurz und wendet den Blick wieder zur Leinwand. Ihr Lächeln trifft mich. Löst etwas in mir aus. Sanft berühre ich ihre Wange. Ich bin von mir selbst überrascht. Unversehens war da dieses tiefe Bedürfnis ihr Gesicht zu streicheln und nun sind meine Finger eben dort und wissen keinen Weg mehr zurück. Behutsam streichen sie ihre Wange entlang, berühren kurz ihr Ohr, wandern ihren Hals entlang und halten schließlich in ihrem Nacken inne. Zärtlich beginnen sie ihn zu kraulen.
Doch was nun? Müsste sie nicht irgendwie reagieren? Mir auf irgendeine Weise entgegenkommen? Aber sie schaut nur weiter auf die Leinwand als ob rein gar nichts passieren würde.
Das nimmt mir den Mut.

Ich ziehe meine Hand zurück. War es ihr unangenehm? Hat sie beklommen ausgeharrt, bis es endlich vorbei ist?
Der Showdown des Films hat begonnen. Bald wird er zu ende sein und sie fluchtartig den Saal verlassen.

Dann merke ich, dass sich unsere Knie noch immer berühren. Wenn meine Zärtlichkeiten für sie so schrecklich gewesen wären, hätte sie dann nicht Ihr Knie von meinem weggezogen? Würde sie dann nicht von mir wegrücken um mehr Distanz zu schaffen?

Noch ein Versuch, ein letztes Aufbäumen ist von Nöten, bevor mich mein Mut gänzlich verlässt.

Ich lege meine Hand auf ihr Knie. Das Zittern ist wieder da. Stärker als zuvor. Warum nur muss die Hand so zittern? Sie spürt das bestimmt. Weiterhin schaut sie einfach nur geradeaus auf die Leinwand. Weshalb kommt von ihr keine Reaktion?
Am liebsten würde ich die Hand wieder zurück ziehen. Aber ich lasse sie liegen. Ich bin in der Zwickmühle. Mir scheint beides falsch zu sein. Liegen lassen ebenso wie wegziehen.

Die Zeit vergeht plötzlich so langsam. Ich möchte, dass der Film endlich vorbei ist. Aber ich habe auch Angst davor. Wird sie mich zurechtweisen? Einfach nur sagen, sie müsse jetzt nach Hause?

Irgendwann ist es tatsächlich so weit. Der Abspann läuft. Im Kinosaal bricht Hektik aus. Die Besucher strömen aus dem Saal. Wir bleiben sitzen. Meine Hand liegt nicht mehr auf ihrem Knie, da wir unsere Beine anziehen mussten um den Leuten Platz zu schaffen, die Richtung Mittelgang drängen.

Schließlich stehe auch ich auf. Sie folgt mir. Wortlos. Wir verlassen den Saal, das Kino. Gehen schweigend nebeneinander her. Es ist bereits dunkel geworden.
Plötzlich nimmt sie meine Hand, bleibt stehen und zieht mich sanft zu sich. Ihre Lippen berühren meine. Nur kurz. Sie lächelt mich an. Ihre andere Hand liegt in meinem Nacken. Ihr Gesicht bewegt sich erneut auf meines zu. Ihr Mund ist leicht geöffnet. Dann spüre ich ihre Zunge. Behutsam erwidere ich den Kuss. Hand in Hand gehen wir weiter.

Und alles ist ganz wunderbar.
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Re: 73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Beitrag von Peter » Donnerstag 26. Oktober 2017, 10:02

*hochschieb*
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Re: 73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Beitrag von Peter » Montag 30. Oktober 2017, 16:39

Ich persönlich finde ja, dass der morgige Feiertag wunderbar für das Schreiben eines Beitrags geeignet ist.

Aktuell wird hier im Forum über Motivation, Verlassen der Komfortzone, Machtstrukturen oder Interesse vermitteln diskutiert. Alles Themen, die für eine Gratwanderung gut geeignet sind :cooler: :coolgun: :brille1:
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Re: 73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Beitrag von Peter » Donnerstag 2. November 2017, 09:16

Beitrag Nummer zwei:
Phasenweise

Eine streichelnde Hand weckt mich aus dem Tiefschlaf. Halb benommen spüre ich, wie Dein warmer Körper sich an meinen schmiegt. "Wie praktisch, dass wir nackt schlafen", räkelt sich ein halbwegs klarer Gedanke durch mein Hirn, bevor er vom prickelnden Gefühl Deiner Lippen auf meinem Hals verdrängt wird. Hmmm ... so geweckt zu werden ist einfach unvergleichlich. Meine Hand greift in Dein zerzaustes Haar, zieht Deinen Kopf näher an mein Gesicht. Unsere Lippen berühren sich, Deine Zunge beginnt, mit meiner zu spielen, während Deine Hand über meinen Oberschenkel streift. Immer höher wandert sie. Nur noch wenige Zentimeter, dann ....

Verdammt!!!! Hätte dieser blöde Wecker nicht ein paar Minuten später klingeln können? Mein Blick fällt auf das Kissen neben mir. Natürlich ist es leer - wie könnte es auch anders sein. Wir kennen uns schließlich erst wenige Wochen. Noch ist nichts sicher, noch ist der Anblick Deines Gesichtes beim Aufwachen eher eine Ausnahme als vertraute, liebgewonnene Routine. Und auch vorgestern, nach unserer letzten gemeinsamen Nacht bist Du schon nach dem Frühstück wieder zurück in Deine Wohnung gegangen. Hast etwas von "die Katze füttern" gemurmelt. Keine Ahnung, ob das der tatsächliche Grund war, oder ob Du einfach wieder Ruhe haben wollest. Ruhe vor mir. Abstand von dieser Nähe, die sich mit jedem Treffen, jedem Gespräch, jedem Kuss zu vertiefen scheint.

Meinetwegen könnte man diese Phase der Unsicherheit, der ständigen Trennungen und Neubegegnungen, einfach weglassen. Kennenlernen, verlieben, lieben, heiraten - das könnte gern alles innerhalb eines Tages erledigt werden. Stattdessen befinde ich mich auf dieser nervtötenden Gratwanderung, hin zu dem verlockenden Gipfel, auf dem Dein Gesicht mit vertrauter Regelmäßigkeit morgens das erste und abends das letzte ist, was ich anlächeln kann. Vielleicht. Vielleicht führt der Weg ja auch ganz woanders hin. Vielleicht stolpere ich ja auch über einen dieser überall herumliegenden Steine namens Zweifel, Missverständnis, Sehnsucht, Verletzung oder Angst, und stürze ab. Zurück in die Schlucht der Einsamkeit, in der ich die letzten Jahre verbracht habe. Trotzdem - ich bin mutig genug weiterzugehen. Schritt für Schritt. Dass die Fallhöhe mit jedem Meter wächst, ignoriere ich mal einfach. Nur nicht nach unten sehen - nur nicht drüber nachdenken, wie es wäre, wenn Du so plötzlich aus meinem Leben verschwinden würdest, wie Du hineingepurzelt bist. Ein Schritt, ein Treffen, eine SMS, ein Kuss, ein Telefonat, ein gemeinsames Einschlafen nach dem anderen. Es ist ein schöner, aufregender, verheißungsvoller Weg, den ich hier gehe. Ich bin gespannt, wohin er führen wird. Was kann schon passieren? Schlimmstenfalls stürze ich irgendwann ab - und lande genau dort, wo ich die letzten Jahre verbracht habe. Aber vielleicht ... vielleicht gehen wir ihn ja auch irgendwann gemeinsam ...
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Re: 73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Beitrag von Peter » Freitag 3. November 2017, 15:38

Beitrag Nummer drei:
Der harte Kern

Es war die Zeit zwischen Abiturprüfung und Beginn des Studiums. Es war die Zeit des harten Kerns, bestehend aus sechs Jungs und fünf Mädels. Das Leben hatte die Tür geöffnet und wir machten uns die Welt wie sie uns gefällt.

Wieder stand eine Nacht bevor, die uns etwas schuldig war.
Beach-Party im Freibad. Nicht der Brüller, aber so gut wie jeder andere Start in die Nacht.

Vier aus dem harten Kern waren bereits da. Frank, Thorsten, Bernd und ich. Alles Kinder aus gutbürgerlichem Elternhaus. Wie der Rest von uns auch.
Wir saßen auf einer der wenigen Bänke und warteten auf das Eintreffen der anderen.
Frank hatte ein Lebensmotto. „Verhalte dich wie ein Rockstar und du wirst wie einer behandelt.“ Das Motto hatte er von dem jungen David Bowie übernommen, der es am Anfang seiner Karriere als noch wenig erfolgreicher Musiker vorgelebt hatte.
Frank übertrug dieses Verhalten auf alle Lebensbereiche. Selbst sein Lateinlehrer hatte ihn stets für einen Musterschüler gehalten. Dabei hatte er lediglich das Bescheißen bei Klausuren perfektioniert.
Wie weit er bei der Umsetzung des Mottos wirklich ging, sollte ich alsbald erfahren.

Vor uns bauten sich drei Typen auf. Einer von ihnen tönte: „Das ist unsere Bank! Aufstehen! Sofort!“
Ich sondierte die Lage. Wir waren zu viert, sie zu dritt. Besonders einschüchternd sahen sie nicht aus. Halbstarke. Aber doch von kräftigerer Statur als wir es waren. Noch während ich überlegte, wie wir reagieren sollten, übernahm Frank die Bühne.
„Hallöchen“, sagte er im gelangweilten Ton. „Da wollen wohl welche das Gesicht gefickt bekommen.“
Verdammte Scheiße, dachte ich mir. Was soll der Quatsch? Frank war weder stark noch in irgendeiner Weise kampferprobt. Ein friedlicher Typ, der nie durch aggressives Verhalten auffiel.
Dem zum Trotz erhob er sich lässig, ging mit starrem Blick auf die Typen zu und lies ein Springmesser aufblitzen. Das hatte er immer dabei um von großen Haschblöcken handliche Stücke abzuschneiden. Anderweitig hatte ich es bisher noch nie im Einsatz gesehen.
„Jungs, wird mal wieder Zeit, etwas Blut zu Tage zu fördern“, frohlockte er.
Okay, wir haben ein Problem, dachte ich und verharrte regungslos auf der Bank. Thorsten hingegen reagierte geistesgegenwärtig. Er legte besänftigend eine Hand auf Franks Schulter und sprach beruhigend auf ihn ein. „Hey, mach jetzt bitte nicht wieder so einen Mist. Du weißt genau, bei der nächsten schweren Körperverletzung ist nichts mehr mit Bewährung.“
„Ach komm, die haben angefangen. Ist also Notwehr“, erwiderte Frank.
Die drei Typen wichen ein paar Schritte zurück. Einer von ihnen murmelte: „Cool bleiben, Mann. Alles okay, dann ist die Bank halt ausnahmsweise mal für euch. Wir sind ja großzügig.“
Gezwungen gemächlich trollten sie davon.
„Sag mal, spinnst Du?“, brach es aus mir heraus. „Was sollte das werden? Was, wenn die auch ein Messer gezückt hätten? Du hast doch so was gar nicht drauf. Und wir auch nicht!“ Frank zuckte nur mit den Schultern. „Yo, aber das konnten die ja nicht wissen. Verhalte dich wie ein irrer Messerstecher und du wirst auch für einen gehalten.“

Eine halbe Stunde später waren Stefan, Andrea, Bettina und Yvonne eingetrudelt. Gemeinsam schlenderten wir über das Geschehen. Mittlerweile dürften schon mehrere hundert Besucher das Party-Gelände bevölkern. Plötzlich lief Frank wie von der Tarantel gestochen auf eine Gruppe Mädels zu und umarmte eine von ihnen. Wir folgten ihm.
„Das ist Natascha“, verkündete er. „Natascha steht voll auf mich.“ Natascha grinste. „Nicht das ich wüsste“, sagte sie. Frank ignorierte den Einwand. „Sieht sie nicht super toll aus? Und nett ist sie auch! Und einen richtig guten Musikgeschmack hat sie! Bin ich nicht ein Glückspilz, dass so eine Traumfrau voll auf mich abfährt?“
„Das hättest du wohl gern“, kommentierte sie.

Irgendwann hatten wir genug von der Party und zogen zu einem abgelegenen Parkplatz weiter um einen durchzuziehen. Natascha hatte sich uns angeschlossen. Der Parkplatz verfügte über zwei Tische und Bänke, die wir in Beschlag nahmen. Mittlerweile war es dunkel geworden. Stefan holte aus seinem Rucksack eine Bong heraus, während Frank sein Messer zückte um eine ausgewogene Mischung Tabak/Dope liebevoll zuzubereiten.
Gerade als die Bong gestopft worden war, kam ein Polizeiwagen auf den Parkplatz gerollt. Stefan konnte sich gerade noch rechtzeitig mit seinem Oberkörper vor die auf dem Tisch stehende Bong beugen, so dass sie für die Polizisten nicht sichtbar war. Die Scheinwerfer des Wagens waren auf uns gerichtet. Jetzt wusste ich, was mit der Redewendung „kurz vor dem Herzkasper stehen“ gemeint war. Wenn sie ausstiegen, war die Kacke am dampfen. Auf dem Tisch war eine Bong platziert und der Inhalt unserer Taschen beherbergte vermutlich zusammen mindestens 30 Gramm Dope.
Noch blieben die Türen des Fahrzeugs geschlossen. Eine Galgenfrist.
Frank erhob sich und ging auf den Wagen zu. Zwei Polizisten stiegen aus. Er sprach mit ihnen. Nach ein paar Minuten kam er zurück und die Bullen fuhren wieder davon.
„Alles okay“, verkündete Frank. „Ich habe sie darüber informiert, dass auf der Beach-Party drei Schlägertypen unterwegs sind, die auf Krawall aus sind und die Gäste anmachen. Weswegen wir uns auch hierhin verzogen haben. Jetzt wollen sie dort mal nach dem Rechten schauen.“ Er grinste zufrieden. „Verhalte dich wie ein Unschuldslamm und du wirst auch für eines gehalten.“

Erneuter Standortwechsel. Ein Badesee nicht weit von der Beach-Party entfernt. Mittlerweile waren Sebastian, Karin und Julia noch dazu gestoßen. Der harte Kern hatte somit vollständig zusammen gefunden. Alle drei hatten schon tüchtig vorgeglüht und einige Flaschen Rotwein mitgebracht.
Es war Julias Idee gewesen, die warme Nacht zum Baden im See zu nutzen. Sie hatte das früher schon häufiger vorgeschlagen, aber bisher war nie darauf eingegangen worden. Doch jetzt war die Zeit zwischen Abitur und Studium und somit der richtige Moment dafür.
Ich saß etwas vom Ufer entfernt mit einer Flasche Wein in der Hand im Gras und beobachtete die anderen beim Herumalbern im Wasser. Einige waren nackt, andere hatten ihren Slip anbehalten. Ich selbst war zu verklemmt für so etwas.
Neben mir saß Yvonne.
„Warum gehst du nicht ins Wasser?“, fragte ich sie.
„Habe meine Tage und will keine Piranhas anlocken. Außerdem geniere ich mich nackt. Ist nicht so mein Ding. Und warum machst du nicht mit?“
„Hab Angst bei so vielen nackten Mädels einen Ständer zu bekommen“, log ich.
„Wäre doch nicht schlimm“, antwortete sie. „Aber ich glaube, in Wahrheit willst du nur nicht, dass wir sehen, was für einen kleinen Pipimann du hast.“ Sie grinste mich herausfordernd an.
„Oh, über meine Penisgröße brauchst du dir keinen Kopf zerbrechen. Die erfüllt ihre Zwecke. Aber ich habe wirklich keine Lust mit einer Latte rumzulaufen.“
Ihr Grinsen blieb, während sie mir unverblümt in den Schritt meiner Jeans schaute. „Und selbst wenn“, merkte sie an, „kannst dich dann ja vertrauensvoll an Julia wenden. Sie ist doch eine hilfsbereite Natur und lässt dich schon nicht mit deinem Problemchen stehen.“
Das THC und der Alkohol in meinem Blut erlaubten es mir, auch mal einen auf Frank zu machen. Zumindest ein bisschen.
„Nein, das nun wirklich nicht“, antwortete ich und fügte mutig hinzu: „Viel lieber würde ich jetzt mit dir knutschen.“
Das schien sie zu amüsieren. „Aha, und wieso?“
„Weißt du doch“, antwortete ich. „Weil ich noch nie geknutscht habe und seit langem in dich verliebt bin.“ Beides stimmte.
„Du hast doch Dope dabei, oder? Bau uns eine Tüte und in der Zwischenzeit denke ich darüber nach.“
Während wir wortlos kifften, beobachteten wir das Treiben im Wasser vor uns. Frank und Natascha konnte ich nirgendwo entdecken. Wo die wohl gerade steckten?
Yvonne nahm den letzten Zug und drückte den Joint aus.

„Und, knutschen wir nun?“, wollte ich wissen.
„Hast du Kaugummis dabei?“
„Wieso?“
„Na, du weißt doch wie es in dem Lied heißt. Mit Pfefferminz bin ich deine Prinzessin. Will beim Küssen ja nicht nach Kippen und Rotwein schmecken. Wird schließlich dein erster Kuss sein.“
Kaugummis hatte ich nicht dabei. Aber eine kleine Spraydose Odol. Ich reichte sie ihr und sie sprayte sich drei Ladungen in den Mund. Ich tat es ihr im Anschluss gleich.
„Voll romantisch“, kommentierte sie.
Wir knutschten ausgiebig und zunehmend intensiver. Irgendwann löste sie sich von mir.
„Und wie war`s?“ erkundigte sie sich.
„Für den Anfang nicht schlecht“, erwiderte ich. „Sind wir jetzt zusammen?“
„Weil wir ein bisschen rumgeknutscht haben?“
„Ja. Also sind wir jetzt zusammen?“
„Okay.“
„Ist das ein Ja?“
„Ja.“
„Das ist gut.“
Wir schwiegen eine Zeitlang, bis ich feststellte: „Du, jetzt wo wir zusammen sind, da kann ich dir ja erzählen, was mich in letzter Zeit so umtreibt.“
„Schieß los.“
„Ich glaube, wir, also der harte Kern, sind gerade ziel- und kopflos am beschleunigen. Und ich denke, der eine oder andere wird dabei früher oder später echt heftig aus der Bahn geworfen werden.“
„Dann tritt doch auf die Bremse.“
„Kann ich nicht. Ist zu früh dafür. Muss erst noch schneller werden.“
„Verstehe.“

Wieder Schweigen.

„Sind wir morgen früh auch noch zusammen?“, erkundigte ich mich.
„Warum machst du dir über Dinge Gedanken, die noch so fern in der Zukunft liegen?“
„Interessiert mich halt.“
„Küss mich lieber wieder.“
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Re: 73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Beitrag von Peter » Freitag 3. November 2017, 22:34

Beitrag Nummer vier:
Wer die Wahl hat ...

"Hallo, ich bin die gute Fee!"

Was? Wie? Wo kommt denn diese Stimme plötzlich her? Verwirrt schaute ich mich um. Da stand sie - lässig an den Stiel einer Glockenblume gelehnt. Eigentlich hatte ich mir eine Fee, erst recht eine gute, etwas anders vorgestellt. Diese sah, mit Verlaub, ein wenig abgerissen aus. Quasi die verkaterte Punk-Variante einer Fee.

"Dir ist hoffentlich klar, dass ich Gedanken lesen kann?", ertönte ihre kratzige ... äh, glockenhelle Stimme.

"Sorry", stotterte ich. "Ich war lediglich etwas überrascht. Wie oft im Leben begegnet man schon einer guten Fee?"

"Öfter als Du glaubst", schmunzelte sie. "Aber die meisten Menschen sehen uns nicht. Und, ehrlich gesagt, ich hab die Nase voll von diesen ewigen Kaltansprachen. Was denkst Du denn, wie die Leute auf ein 'Hallo, ich bin die gute Fee' reagieren? Die meisten schalten doch schon beim 'Hallo' auf Durchzug."

"Ja, das kann ich mir vorstellen. Aber was kann ich denn für Dich tun?"

"Hach, Du bist ja witzig", kicherte sie. "Hast Du noch nie davon gehört, dass Feen diejenigen sind, die Wünsche erfüllen?"

"Du meinst die Sache mit den drei Wünschen, die ich frei habe?", vergewisserte ich mich.

Sie kicherte wieder. "Neeeeeein, das ist ein völlig übertriebenes Gerücht. Du hast lediglich die Wahl zwischen zwei Optionen."

Mit diesen Worten präsentierte sie mir zwei Kärtchen. Auf dem einen war schematisch ein durchaus symphatischer Mann abgebildet, auf dem anderen eine knuffig-süße Katze.

"Du wünscht Dir doch jemanden, der Dich liebt, den Du liebst und mit dem Du Dein Leben teilen kannst. Wähle weise. Ich lasse Dich solange mal allein."

Mit einem - selbstverständlich glockenhellen - Kichern verschwand die gute Fee. Zurück blieb eine rosa glitzernde Wolke, die leicht nach Schwefel duftete.

Verwirrt starrte ich die beiden Karten an. Will die mich verarschen? Ist doch klar, dass ich den Mann wähle. Obwohl ... warum eigentlich?

Als gut organisierte Infosine klappte ich mein Notebook auf und erstellte eine Excel-Tabelle. (Natürlich mit OpenOffice, aber wer merkt sich schon den Namen des dortigen Tabellenkalkulationsmoduls?)

Erste Zeile: Optik. Ganz klarer Punkt für die Katze. Selbst ein Brad Clooney kommt nicht gegen so viel schnurrende Eleganz an.

Zeile 2: Platzbedarf. Ich würde mal auf Unentschieden tippen. Meine Wohnung ist groß genug für beide. Und was die Katze an Schlafplatzgröße weniger braucht, kompensiert sie durch Mobilität. Der Mann schläft wenigstens nicht abwechselnd im Bücherregal und auf dem Fensterbrett.

Zeile 3: Hygiene. Punkt für den Mann. Der kann zwar (wahrscheinlich zu seinem größten Bedauern) nicht jede Stelle seines Körpers mit der Zunge erreichen, aber dafür eine Dusche und eine Toilette benutzen. Was ich im Hinblick auf die Tatsache, dass ich ihn vielleicht mal küssen möchte, durchaus als Vorteil sehe.

Zeile 4: Unterhaltskosten. Gut, der Mann braucht deutlich mehr Futter, kann dafür aber auch mal im Haushalt helfen oder den Garten umgraben. Sorry, Mauz, der Punkt geht an ihn - selbst wenn Du fleißig Mäuse fängst.

Zeile 5: Kuschelfaktor. Schwierige Entscheidung ... die Katze ist weicher, der Mann hat die größere Nutzfläche. Trotzdem, leichter Vorteil für den Stubentiger. Das schnurrende Feedback ist unschlagbar.

Zeile 6: Gesundheit. Katzenfell ist gut gegen Rheuma, Männer verfügen über natürliche Mittel gegen Kopfschmerzen, Stress und Halsweh. Vorteil: Mann.

Zeile 7: Sex. Nein, die lasse ich leer. Soweit kommt es noch, dass ich die Wahl meines hypothetischen Lebensgefährten von profanen fleischlichen Gelüsten beeinflussen lasse.

Zeile 8: Kommunikation. Naja, die Katze ist auf jeden Fall ein guter Zuhörer. Und widerspricht nicht. Und "miau" hat immerhin zwei Buchstaben mehr als das "hm" des Liebsten. Andererseits kann eine Katze keine Whatsapp-Nachrichten schreiben. Solange sie das nicht gelernt hat: Punkt für den Mann.

Zeile 9: Perspektive. Die Katze bin ich in 20 Jahren los, der Mann bleibt mir erhalten, bis wir beide alt und faltig sind. Wobei ... will ich ihn überhaupt noch, wenn er alt und faltig ist? Wahrscheinlich schon - meine Augen werden ja parallel auch schlechter. Aber ich frag lieber noch mal nach, ob er die Angewohnheit hat, schnuckeligen jungen Blondinen hinterherzurennen. Oder ob die Katze zum Streunen neigt.

Zeile 10: Freizeitverhalten. Die Katze verbringt ihre Freizeit damit zu schlafen, zu fressen und mit ihrem Schwanz zu spielen. Ganz klares Unentschieden.

Ratlos starrte ich meine Tabelle an. Wirklich, eine schwierige Entscheidung. Vielleicht sollte ich noch ein paar Zeilen ergänzen? Oder vielleicht einige Punkte stärker gewichten als andere? Immerhin würde diese Entscheidung den Rest meines Lebens beeinflussen ...

Mit einem leisen "plopp" tauchte die Fee wieder auf. "Na, hast Du Dich entschieden?"

"Ach, ich weiß nicht", seufzte ich. "Wenn ich so drüber nachdenke, wird es total verwirrend. Männer und Katzen sind sich einfach zu ähnlich. Und es scheint genauso viele Punkte zu geben, die für jeden von beiden sprechen, wie es Gegenargumente gibt."

"Ach, immer ihr Kopfmenschen. Ich geb Dir einen guten Rat. Klapp das Notebook zu, schließ kurz die Augen und schau, was passiert."

Mit leichter Skepsis folgte ich ihrem Rat. Zuerst passierte gar nichts ... aber dann erschien ein Bild. Eine Erinnerung - an einen frühstückenden Mann mit einer unglaublich niedlichen Katze auf dem Schoß. Leise lächelnd öffnete ich die Augen. "Reden wir hier über einen hypothetischen Mann und eine hypothetische Katze, oder darf ich jemand ganz Konkreten wählen?"

Das Grinsen der Fee wurde zunehmend süffisanter. "Ich wusste es doch. Entscheiden kannst Du Dich schwer, aber die richtigen Fragen stellen: das hast Du drauf. Ich glaube, ich werde hier nicht mehr gebraucht. Ruf mich einfach, wenn Du mal ein Problem hast, bei dem Du wirklich Hilfe brauchst."

Verdattert und reichlich sprachlos schaute ich sie an. "Du kommst schon noch drauf.", meinte sie. "Ich muss jetzt los - hab gerade ne Wette gewonnen. So long, sweetheart."

Mit einem nicht anders als diabolisch zu bezeichnenden Kichern entschwand sie. Zurück blieb nur etwas rosa Flitter und ein zarter Duft von Schwefel.
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Re: 73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Beitrag von Peter » Samstag 4. November 2017, 16:02

Beitrag Nummer fünf:
Der Gipfel

Auf dem Reiseprospekt hatte das alles irgendwie schöner ausgesehen. Ein weißer Gipfel, der sich klar vor dem meerblauen Himmel dahinter abhebt. Zackige Felsen, pudriger Schnee und als Krönung das Gipfelkreuz. Ein paar Wolken waren meist auch dabei, aber die schlummerten harmlos im Hintergrund vor sich hin. Alles Lügen.
Meine Fingerspitzen hatte ich das letzte Mal ein paar Hundert Höhenmeter weiter unten gefühlt. Erst hatten sie geschmerzt, und jetzt waren sie einfach nur taub. Der Wind biss mir ins Gesicht, meine Wangen brannten und meine Lippen waren ganz aufgesprungen. Ich befeuchtete sie immer wieder mit der Zunge, aber das machte es noch viel schlimmer. Von dem metallischen Geschmack in meinem Mund schloss ich darauf, dass sie jetzt auch bluteten. Und ich hatte wirklich Angst, dass mir die Ohren abfrieren könnten. Trotz extra hierfür gekaufter Mütze.
Der Gipfel war nicht mehr fern. Bald hätte ich es geschafft, bald wäre ich oben. Aber der Wind wurde immer heftiger, wütend riss er an meinem Rucksack und machte die Sache mit dem Gleichgewicht manchmal ein wenig schwierig. Und ich war so erschöpft, so müde. Taumelte den Weg entlang, stolperte über rollende Kiesel und verfluchte mich und meine blöden Ideen.
„Du und Dein langweiliges Leben“, hatte er vor einem halben Jahr gesagt. Gut, davor hatte ich auch ein paar Sachen gesagt, und dann war es zum Streit gekommen, aber das hatte trotzdem ziemlich weh getan. Es hatte so schön angefangen an diesem Abend, wir hatten Wein getrunken und waren noch durch die Straßen geschlendert. Und am nächsten Morgen zog er aus. Naja, ich konnte auf ihn verzichten. Ihn, und seine Spießerfreunde.
Und jetzt würde ich mir meinen Kindheitstraum erfüllen und habe es tatsächlich bis hierhin geschafft. Der sich hierhin und dorthin schlängelnde Weg wurde zum Pfad, immer enger und enger. Und es ging ziemlich steil in die Tiefe. Ich durfte auf keinen Fall zu viel darüber nachdenken, sonst würde mir nachher noch schwindelig werden. Einen Schritt vor den anderen. Ich hatte das geübt.
Was er jetzt wohl machte? Und ob er immer noch diese aufgenähten Motive bei seinen Jeans verwendete? Ich hatte es furchtbar gefunden, aber das war ihm egal gewesen. Und gerade deshalb mochte ich sie dann irgendwie auch doch. Mochte ihn. Immerhin wusste ich mit Sicherheit, was er gerade nicht tat, und das war einen verdammt hohen und schwierigen Berg zu besteigen, wo allerhöchste Konzentration gefordert war.
Jetzt, wo ich so drüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich auch schon lange kein Lebenszeichen von meinen Zehen mehr bekommen hatte. Aber da würde ich mich später drum kümmern müssen. Es war eisig, und dabei war doch eigentlich Spätsommer. Aber über solche Umstände dachte die Kälte hier wohl wenig nach. Die Schneemassen häuften sich und streckenweise war der Weg überfroren. Ganz großartig. Vielleicht hätte ich bei meinem langweiligen Leben bleiben sollen, da wäre es jetzt immerhin warm und gemütlich. Und ganz ehrlich, was machte er denn so sehr viel Spannenderes? Er hatte doch auch noch nie auch nur ansatzweise ein Abenteuer erlebt. Und jetzt war er schuld.
Ich fühlte mich elend. Meine Beine streikten immer mehr, nächstes Mal würde ich mehr trainieren. Nächstes Mal würde alles anders werden. Und nächstes Mal wäre ich auch so schlau eine Kamera mitzunehmen. Jetzt konnte ich mich noch nicht mal fotografisch verewigen. Und das richtig Traurige war, dass ich genau wusste, wer dafür verantwortlich war. Und dass diese Trennung mir mehr zu schaffen machte, als ich mir selbst eingestehen wollte. Immerhin waren wir fast sieben Jahre zusammen. Das ist eine verdammt lange Zeit. Da macht man nicht einfach so Schluss. Nicht wegen eines einzigen dummen, harmlosen Streits.
Wieso hatte ich meinen Rucksack so schwer bepackt? Am liebsten wollte ich mich einfach auf den Boden sinken lassen und eine Runde schlafen. Nur, dass ich dann vermutlich recht schnell erfrieren würde. Festgefroren für immer als Bild des Elends auf diesem steinigem Untergrund. Vielleicht würden nachfolgende Bergsteiger mir ein paar Steine auf den Kopf legen, sorgsam aufgeschichtet, als Zeichen der Anerkennung und dafür, dass sie es bis hierhin geschafft hatten. Und so ging ich weiter, Schritt für Schritt für Schritt. Langsam, fast schon bedächtig.
Ich sah den Windstoß nicht kommen. Und für einen Moment hatte ich nicht aufgepasst, war auf dem eisigen Untergrund ein wenig weggerutscht. Hatte einfach nur für ein paar Sekunden das Gleichgewicht verloren. Die Welt kippte unheimlich schnell. Ich sah das Gipfelkreuz, sah meinen Traum, sah mich selbst und meine Zukunft. Sah endlich ein, dass ich die Hoffnung, ihn jemals zurückzugewinnen, begraben konnte. Egal wie viele Berge ich bestieg. Und dann fiel ich auch schon. Wirbelte durch ein Gemisch von Blau und Grau und Weiß. Das Meer oder der Himmel oder beide verschluckten mich. Gurgelten mich tief hinunter. Vor mir sah ich sein Gesicht. Ich streckte die Hand danach aus. Und er hielt mich fest, für immer.
Wieso Red Dead Redemption 2, wenn man auch Spyro haben kann?

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Peter
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Re: 73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Beitrag von Peter » Sonntag 5. November 2017, 20:43

Beitrag Nummer sechs:
Meilenstein

Lars wäre am liebsten wieder aus dem Flugzeug gestiegen. Aber sie waren längst oben in der Luft und an der Ausstiegslucke. Es gab kein Zurück mehr. Er konnte zwar immer noch einen Rückzieher machen, aber nun hatte er schon für den Fallschirmsprung bezahlt, war bereits mit seinem Tandemmaster fest vergurtet und die anderen hatten ihm ein ums andere Mal Mut zugesprochen. Er musste es schaffen.
Einer nach dem anderen sprangen die anderen vier aus dem Flugzeug, erst Leah, dann Miriam, Thorsten und Joachim. „Wie an einer Perlenschnur“ hatte auf der Website gestanden. Lars drängte sich das Bild einer Perlenkette auf, die auf harte Küchenfliesen fiel und zersprang. Dann war er dran. Er dachte an Steffis Worte; „Du bist ein Angsthase. Ich kann keinen Angsthasen gebrauchen.“
Und bevor er es sich anders überlegen konnte, befand er sich schon im freien Fall.
Instinktiv zog er die Arme vor die Brust und schloss die Augen. Bloß nicht hyperventilieren.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sein Tandemmaster Paul.
Lars konnte ihn gerade so verstehen. Er schüttelte den Kopf.
Er spürte Pauls Finger, die sich um seine Hände legten und aufmunternd drückten.
„Lars, es ist alles in Ordnung, du bist mit mir sicher. Atme ein paar Mal tief durch. Lass dir Zeit. Und wenn du dich traust, mach die Augen auf. Es ist eine tolle Aussicht von hier oben.“
Lars nickte. Es dauerte einige Sekunden, bis er sich zumindest etwas beruhigt hatte und sich traute, die Augen zu öffnen. Paul hatte recht, die Aussicht von hier oben war atemberaubend. Die Welt wirkte winzig und unfassbar weit zugleich, es war ein sonniger Tag und kein Wölkchen weit und breit zu sehen.
Die anderen waren nur ein kurzes Stück unter ihm. Thorsten und Joachim einzeln, Miriam und Leah hielten sich an den Händen und drehten sich leicht im Kreis. Der Anblick der beiden beruhigte Lars und auf einmal hatte er keine Angst mehr. Er breitete die Arme aus und als er sah, dass Thorsten ihn anblickte und die Kamera auf ihn richtete, streckte er ihm breit grinsend beide Daumen entgegen.
Kurz darauf wurde sein Fall durch einen Ruck unterbrochen, als Paul den Fallschirm öffnete. So hatte er noch ein paar Minuten, die Landschaft zu betrachten und wieder zu Atem zu kommen, bevor sie sanft auf dem Boden aufsetzten.
Lars war wie weggetreten und merkte kaum das Chaos um ihn herum, als die anderen auf ihn zukamen, sich gegenseitig in den Armen lagen und sich bei ihren Tandemmastern bedankten.
Paul stupste ihn leicht an. „Hey.“
„Wow.“
Paul lachte und nickte, worauf auch Lars grinsen musste. Er streckte die Arme in die Luft und rief; „Ich hab's geschafft!“ Die anderen Teilnehmer gratulierten ihm überschwenglich, umarmten ihn und Lars konnte es kaum fassen. Er fühlte sich großartig.
Erst, als Thorsten ihn fragte; „Wolltest du nicht deine Steffi anrufen?“ erinnerte er sich wieder daran.
Er entfernte sich ein Stück von der Gruppe und wählte ihre Nummer. Nach kurzer Zeit nahm Steffi ab. „Hi.“
„Hi, Steffi! Ich habs geschafft, ich bin gesprungen!“
„Respekt. Das hätte ich dir echt nicht zugetraut.“
„Heißt das, du gehst jetzt mit mir aus?“
Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen und er fürchtete schon, dass sie ablehnen würde, da sagte sie; „Ja, heißt es.“ Doch dann fügte sie noch hinzu; „Aber dir ist schon klar, dass ein Fallschirmsprung dich noch lange nicht zu einem Draufgänger macht?“
„Nicht? Ich meine... Also... bin ich für dich immer noch ein Angsthase?“
„Na, du bist doch immer noch du.“
Und dazu gehörte anscheinend, ein Angsthase zu sein. Wenn auch kein so großer mehr, dass es ihn disqualifizierte, mit ihr auszugehen.
Er hatte seine Angst bezwungen und den Sprung gewagt. Sie hatte endlich zugesagt, mit ihm auszugehen, aber er würde sich ihr gegenüber immer und immer wieder beweisen müssen. Wie auf einer ewigen Gratwanderung zwischen dem, der er war, und dem, der er sein durfte, um sie nicht zu verlieren. Die Erkenntnis drohte, ihm die gute Laute zu verderben. Kurzentschlossen erwiderte er; „Weißt du was, vergiss es. Ich muss los, wir wollen noch einen trinken gehen. Tschüss!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, legte er auf.
Bevor er noch weiter darüber nachdenken konnte, kam Thorsten auf ihn zu und legte ihm seinen Arm um den Nacken. „Hey, was soll das finstere Gesicht? Mach dir nichts draus! Du hast es geschafft! Du bist gesprungen, jetzt kann dir keiner mehr was!“
Lars musste laut lachen. Wenn das Leben doch wirklich so einfach wäre. Er hatte keine Ahnung, wie ihm diese Erfahrung dabei helfen sollte, endlich sein Leben in den Griff zu kriegen. Aber was spielte das für eine Rolle? Jetzt gerade war er so glücklich wie seit langem nicht mehr und Steffi konnte ihm gestohlen bleiben.
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Re: 73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Beitrag von Peter » Donnerstag 9. November 2017, 09:59

*Für den Endspurt noch mal hochschieb*
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Re: 73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Beitrag von Peter » Samstag 11. November 2017, 09:44

Wer noch an seinem Beitrag arbeitet, sollte bedenken, dass morgen um 20.00 Uhr Einsendeschluss ist :shy:
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Re: 73. Schreibwettbewerb „Gratwanderung“

Beitrag von Peter » Sonntag 12. November 2017, 15:48

Beitrag Nummer sieben:
Forscher der kitzligen Stellen

Zwei Finger stehen am Haaransatz und kraulen. "Hier ist es doch eigentlich schon sehr kitzlig." "Hihihi." Die Finger wandern weiter, über die Nackenwirbel hinweg und kreisen dann um den untersten herum. "Wie ist es hier?" "Nicht so sonderlich kitzlig." "Und etwas weiter weg?" Die Finger massieren die Nackenmuskeln, auf der anderen Seite gesellt sich noch ein Daumen dazu. "Oh ..."

Die Finger wandern weiter. An jedem Rückenwirbel streichen sie nochmal rückwärts und vorwärts drüber. Plötzlich ein Hindernis. Ein BH erstreckt sich quer über den Weg. Die Finger bleiben kurz unschlüssig stehen. Dann beschäftigen sie sich mit dem Verschluss, aber selbst mit dem Daumen zusammen bekommen sie die Metallhaken nicht auf. Erst mit Hilfe von Fingern der zweiten Hand geht der BH auf und die Finger reiben an der Stelle, die vorher vom Stoff bedeckt war. "Forsch heute, ja?" "Ich forsche heute nach kitzligen Stellen." "Rrrr."

Mit langsamen kreisenden Bewegungen bewegen sich die Finger weiter nach unten. Sie werden von einem weiteren Stück Stoff aufgehalten. "Jetzt sind wir am Ende des Rückgrats angelangt. Fast keine kitzligen Stellen gefunden." "Aber für die Forschung wird es doch erst jetzt interessant." "Wenn du meinst."

Die Finger schieben sich langsam weiter vor, anstatt auf einem Grat bewegen sie sich jetzt in eine Schlucht hinein. Der vordere Finger findet eine verschlossene Öffnung, die von Muskeln bewegt langsam pulsiert. "Pass auf. Da bin ich empfindlich." "Für Forscher ist das kein Hinderungsgrund ..." Die Öffnung ist sehr eng, so dass sich nur ein Finger langsam hinein schiebt. So langsam, dass sich die umgebende Haut auch immer wieder anpassen kann. Der Finger gelangt in eine größere Höhle, aber da der andere Finger draußen geblieben ist, kommt er erst Mal nicht weiter. "Und spürst du was?" "Kaum, die Öffnung außen ist am empfindlichsten." Der Finger wackelt hin und her. "Und jetzt?" "Hmm. Ja. Jaaaa ... doch ... anregend. Mehr als ich erst gemeint hab."

Während der Finger noch weiterwackelt, setzen die Finger der anderen Hand die Suche dort fort, wo die erste Hand hängengeblieben ist. Sie bewegen sich schon wieder aufwärts, als sie die Öffnung einer weiteren Höhle stoßen. Im Gegensatz zur ersten ist diese jetzt geräumiger und auch feucht. Wagemutig trauen sich die beiden Finger in die Öffnung hinein, obwohl sich schon Muskeln um sie herum zusammenziehen und wieder entspannen. "Oh, ja. Tiefer!" "Habe ich jetzt eine kitzlige Stelle gefunden?" "Nein, aber eine sehr erregbare. Lass die Finger da."
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