Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

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Reinhard
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Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Reinhard » Montag 1. Juli 2019, 21:51

Kommt es wirklich auf das Können an? Die fachlichen Kenntnisse? Oder geht es doch mehr darum, dass man sich selbst verkaufen kann? Wer am besten im Selbstmarketing ist? Ist jemand deshalb arbeitslos, weil er nix kann? Oder glauben das nur die anderen von demjenigen?

Oder geht es nur um billig, billig, billig? :specht:
Mag ja sein, dass jeder seines Glückes Schmied ist.

Aber dabei sollte nicht vergessen werden, dass manche von Haus aus eine komplette Werkstatt mitbekommen, und andere nur einen Hammer und nicht mal einen Amboss.

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von NBUC » Montag 1. Juli 2019, 22:03

Ich denke man muss zumindest so viel können, um in den Job rein zu kommen und die Startzeit zu überstehen. Wobei die praktisch im Job notwendigen Qualifikationen nicht immer unbedingt die gelehrten oder auch in der Bewerbung aufgeführten sein müssen.
Um in den Job zu kommen, muss man leider zu oft eher den Personaler überzeugen als die Praktiker.

In der Praxis wird man aber in den meisten nicht trivialen Jobs weiter dazu lernen müssen und das erfordert dann typischerweise wieder eine gewisse allgemeine Grundlage und darauf aufbauende abstrahierende Lernbefähigung (denn die Berufserfahrung gibt es dann spätestens nicht mehr als Auswendiglernbrocken).

Ob du dann IM Job weiter kommst oder manchmal auch nur deine Projekte hin bekommst (oder dabei gut aussiehst ...) , ist dann tatsächlich wieder etwas ganz anderes als fachliche Kenntnisse.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Axolotl » Dienstag 2. Juli 2019, 00:43

Reinhard hat geschrieben:
Montag 1. Juli 2019, 21:51
Kommt es wirklich auf das Können an? Die fachlichen Kenntnisse? Oder geht es doch mehr darum, dass man sich selbst verkaufen kann? Wer am besten im Selbstmarketing ist?
Ich war an einigen Bewerbungsprozessen beteiligt und saß auch mal in einer Gruppe die dann Kandidaten interviewt haben. Und ich muss sagen, es kommt zu 90 % drauf an, wie du dich verkaufst. Es wurden Leute abgelehnt, die zwar fachlich besser waren, aber dafür einfach einen schlechten Eindruck gemacht haben.

Zum Beispiel haben wir mal ne Technikerstelle ausgeschrieben, da kamen erstmal viele Bewerbungen unter aller Sau an. Drei Kandidaten kamen letztlich durch, wobei eine Person komplett fachfremd war, eine zumindest schon Erfahrungen auf dem Gebiet hatte und einer sogar schon Techniker woanders im Institut war. Am Ende wurden dann zwei eingeladen (der Techniker war übrigens nicht dabei, weil der schon beim Vorgespräch komisch rüber kam), wobei eine Person sich dabei so schlecht präsentiert hat, dass sie nur deswegen wieder nach Hause geschickt wurde. Es ist also nicht immer zwingend nur die Qualifikation entscheidend.
Reinhard hat geschrieben:
Montag 1. Juli 2019, 21:51
Ist jemand deshalb arbeitslos, weil er nix kann? Oder glauben das nur die anderen von demjenigen?
Na ja, wenn man sich deutlich über seiner Qualifikation bewirbt, braucht man sich nicht wundern wenn man nichts findet. Aber in der Regel glauben das andere wohl eher von einem. Wobei man das auch einschränken muss, da das meistens die Generationen betrifft die sich dem modernen Arbeitsmarkt nicht aussetzen mussten. Jemand der 45 Jahre fest im Job war, der sich nie dem Konkurrenzdruck der Globalisierung stellen musste und womöglich nicht mal wirklich nach einem Job suchen musst um ihn auch zu bekommen, dem fehlt dann da logischerweise auch irgendwie das Verständnis
Reinhard hat geschrieben:
Montag 1. Juli 2019, 21:51
Oder geht es nur um billig, billig, billig? :specht:
Darum geht es auch. Grade wenn du in der Industrie guckst. Es ist billiger zwei Chinesen oder drei Inder anzustellen, als einen Deutschen, Amerikaner, Australier oder oder oder.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von RaymondF » Dienstag 2. Juli 2019, 07:38

Um eine Stelle zu bekommen muss man sich verkaufen können. Um die Stelle zu behalten muss man dann aber auch etwas können. Ich habe in meinem Berufsleben einige Bewerber kennengelernt, die im Vorstellungsgespräch gelogen haben was das Zeug hält und dadurch auch die Stelle erhalten haben.
Wenn sich bei der Arbeit aber herausgestellt hat, dass sie nur die Hälfte von dem können, was sie vorher angegeben hatten wurden sie auch in der Probezeit noch gekündigt.

Wer dagegen fachlich qualifiziert ist, sich aber nicht verkaufen kann (oder will), bekommt tatsächlich auch sehr viel schwerer einen Fuss in die Tür, weil die meisten Personaler sehr nach dem persönlichen Eindruck gehen. In grösseren Firmen gibt es bei einigen auch Standartfragen (z.B. Spielen Sie Fussball ? = Sind sie teamfähig?), bei denen man automatisch aus dem Bewerbungsprozess aussortiert wird, wenn man dort nicht die richtige Antwort gibt.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Ninja Turtle » Dienstag 2. Juli 2019, 09:12

Reinhard hat geschrieben:
Montag 1. Juli 2019, 21:51
Kommt es wirklich auf das Können an?
In meinem Job definitiv. Es werden erst mal alle genommen, und dann wird noch Können und Sozialkompetenz wieder aussortiert.
:kopfhoerer: :tanzen2: :umarmung2:

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von klecks » Dienstag 2. Juli 2019, 11:02

"Können" ist sehr komplex und je nach Branche vermutlich unterschiedlich.
Manche mit dem besseren Können fallen auch raus, weil sie andere überfordern. Bzw. auch Chefs das Gefühl geben, unterlegen zu sein. Oder folgerichtig um die Ecke denken, wohin ihnen (kaufmännische) Entscheider nicht folgen können oder wollen.

Mancher, der fachlich sehr gut ist, einen Überblick hat, passt aber nicht ins (neoliberale) System, weil ihm anzumerken ist, wie oft es ihm den Magen umdreht bei Firmenentwicklungen ... Da kommen vermutlich (leider) Menschen besser zurecht, die nicht über den Tellerrand schauen können oder wollen. Die schrubben die fachlichen Anforderungen runter. Und gut ist ... (Häuptlinge sind schlechte Indianer, oder? :gruebel: )

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Montecristo » Dienstag 2. Juli 2019, 12:24

@Chefs: Komplexes Thema.

First class hires first class. Second class hires third class.
Oft genug erlebt. Sehr traurig.

Something different:
Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass ich die Details meiner Arbeit besser kenne als mein Chef. Das wäre ja sonst völlig sinnfrei.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von uhu72 » Dienstag 2. Juli 2019, 16:12

Ich finde die Fragestellung schwierig, denn wie das "Können" bemessen wird, ist je nach Tätigkeit zwangsläufig unterschiedlich.

Ich kenne das nur so, dass man mit seiner Bewerbung belegen muss, dass man der gebotenen Aufgabenstellung gewachsen ist. D.h. Ausbildung und Berufserfahrungen spielen da eine entscheidende Rolle. Je weiter es jedoch in Richtung Führungskraft geht oder andere Softskills, desto wichtiger ist das Blah, denn objektiv nachprüfbar ist da gar nichts.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Mit müden Augen » Dienstag 2. Juli 2019, 16:15

Ich habe bekanntermaßen keine Erfahrung auf dem Arbeitsmarkt ich schäme mich, aber es gab an der Uni einen Kurs zum Thema Bewerbung, Vorstellungsgespräch usw. Ein Mitstudent fasste es so zusammen: Der beste Lügner bekommt den Job. Ich fürchte das stimmt, leider. Wie lange er den Job behält ist dann eine andere Frage.
Wohlgemerkt, ich rede hier von ganz kleinen Rädchen im Getriebe, nicht von Führungspositionen usw.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von bettaweib » Dienstag 2. Juli 2019, 16:43

Es gibt Leute, die bekommen den Job, weil sie etwas können.
Und andere bekommen den Job, weil sie sich beim Bewerbungsgespräch gut verkauften.
Dann sind da noch welche, die dank Vitamin B an ihren Arbeitsplatz gekommen sind.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von klecks » Dienstag 2. Juli 2019, 18:48

Und es gibt leider auch Leute, die Jobs kriegen, weil die niemand haben mag ... :?

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Axolotl » Mittwoch 3. Juli 2019, 12:23

bettaweib hat geschrieben:
Dienstag 2. Juli 2019, 16:43
Es gibt Leute, die bekommen den Job, weil sie etwas können.]
Das ist aber eher noch die Ausnahme. Vor allem je besser du qualifiziert bist, desto eher wird sich für jemanden entscheiden der weniger Qualifikation hat, dafür aber auch günstiger zu haben ist. Erlebt man in der Wirtschaft des Öfteren. Zum Beispiel habe ich schon erlebt, dass Firmen Leute mit Masterabschlüssen rigoros aussortiert haben, oder speziell Bachelor Absolventen gefordert haben. Die sind halt billiger und weiterqualifizieren kann man sie später immer noch.
bettaweib hat geschrieben:
Dienstag 2. Juli 2019, 16:43
Und andere bekommen den Job, weil sie sich beim Bewerbungsgespräch gut verkauften.
Wie gesagt, es kommt drauf an wie man sich präsentiert. Natürlich wird sich jemand ohne Kenntnisse oder auch "Fachidiot" nicht lange halten, aber erstmal überzeugt er ja. Denn der Personaler sucht ja nur nach den ausgeschriebene Qualifikationen und nach den sozialen Kompetenzen.
bettaweib hat geschrieben:
Dienstag 2. Juli 2019, 16:43
Dann sind da noch welche, die dank Vitamin B an ihren Arbeitsplatz gekommen sind.
Das muss nichts Schlechtes sein. Wenn man zum Beispiel in der Vergangenheit schon erfolgreich zusammen gearbeitet hat, dann kennt man die Person auch schon und weiß um deren Arbeitseinsatz, Sozialkompetenzen und auch wie die Person so allgemein tickt. Natürlich wird da auch viel Unsinn mit getrieben.
klecks hat geschrieben:
Dienstag 2. Juli 2019, 18:48
Und es gibt leider auch Leute, die Jobs kriegen, weil die niemand haben mag ... :?
Das sind dann aber auch die einzigen Jobs, wo es wirklich "Fachkräftemangel" gibt.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von klecks » Mittwoch 3. Juli 2019, 12:54

Führt vielleicht zu weit: Aber gibt es tatsächlich einen Fachkräftemangel? Oder ist das eine Arbeitnehmerkampagne, um Arbeitskräfte nach Deutschland zu holen, die für viel weniger Lohn arbeiten?
Gäbe es noch Fachkräftemangel, wenn alle Firmen ein ähnlich hohes Gehalt für den Job zahlen würden/könnten? Wenn man realistische Einarbeitszeit auch für Quereinsteiger einplanen würde etc.?

Bei mir in der Gegend könntest du für den Mindestlohn, unkalkulierbare Überstundenpflicht und Bereitschaft zu Wochenendarbeit in der (System)Gastronomie, der Pflege, in vielen Bäckereien arbeiten ...

Und ich erlebe, dass qualifizierte Quereinsteiger kaum Chancen haben, weil passgenaue Abschlüsse auf Grund von zertifizierter Qualitätssicherung zwingend vorhanden sein müssen.

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von calcetto » Mittwoch 3. Juli 2019, 16:12

Es ist wohl eine Mischung aus mehreren Punkten und auch regional deutlich unterschiedlich. In meinem Jobbereich ist es in Norddeutschland nicht so ganz einfach einen Job zu finden. In Süddeutschland könnte ich deutlich mehr verdienen und würde innerhalb kürzester Zeit eine Stelle bekommen.

In der Pflege oder bei Ärzten ist der Arbeitsmarkt praktisch leergefegt. Wenn das Krankenhaus nicht in unmittelbarer Nähe zu einem Unistandort mit Medizin liegt, suchen sich die Häuser dumm und dusselig. Wenn man sich umhört, ist die Bezahlung weniger das Problem als die Arbeitsbedigungen. Wenn ich sicher sein könnte, dass ich nach acht Stunden nach Hause gehen kann und nicht erst nach 12-14 (die natürlich nicht aufgeschrieben werden), würden wohl viel mehr Leute in diesem Bereich auch wieder nominell Vollzeit arbeiten.

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Axolotl » Mittwoch 3. Juli 2019, 16:39

klecks hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 12:54
Führt vielleicht zu weit: Aber gibt es tatsächlich einen Fachkräftemangel? Oder ist das eine Arbeitnehmerkampagne, um Arbeitskräfte nach Deutschland zu holen, die für viel weniger Lohn arbeiten?
Den gibt es. Aber nur in gewissen Branchen. Eben da wo die Leute eh schon zu wenig für zu harte Arbeit kriegen (Betreuung und Pflege zum Beispiel). Ansonsten ist es nur eine Ausrede um qualifizierte Leute für weniger Knete zu holen und somit ordentlich Reibach zu machen.
klecks hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 12:54
Gäbe es noch Fachkräftemangel, wenn alle Firmen ein ähnlich hohes Gehalt für den Job zahlen würden/könnten?
Ich behaupte mal grundsätzlich nein.
calcetto hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 16:12
Es ist wohl eine Mischung aus mehreren Punkten und auch regional deutlich unterschiedlich. In meinem Jobbereich ist es in Norddeutschland nicht so ganz einfach einen Job zu finden. In Süddeutschland könnte ich deutlich mehr verdienen und würde innerhalb kürzester Zeit eine Stelle bekommen.
Wenn man nicht gerade in der Gastronomie, Fischerei oder in der Windindustrie arbeitet, hat man im Norden halt keine Chancen. Ausnahme vielleicht noch Niedersachsen mit VW. Noch schlimmer ist es im Osten, da ist alles Brachland. Die große Landflucht kommt ja nicht von ungefähr. Im westen und Süden ist man als Akademiker schon deutlich besser dran. Da sitzen ja all die großen Unternehmen.
calcetto hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 16:12
In der Pflege oder bei Ärzten ist der Arbeitsmarkt praktisch leergefegt. Wenn das Krankenhaus nicht in unmittelbarer Nähe zu einem Unistandort mit Medizin liegt, suchen sich die Häuser dumm und dusselig. Wenn man sich umhört, ist die Bezahlung weniger das Problem als die Arbeitsbedigungen. Wenn ich sicher sein könnte, dass ich nach acht Stunden nach Hause gehen kann und nicht erst nach 12-14 (die natürlich nicht aufgeschrieben werden), würden wohl viel mehr Leute in diesem Bereich auch wieder nominell Vollzeit arbeiten.
Mit 12 bis 14 bist du ja noch gut bedient. Der Arzt der mich nach meinem Unfall medizinisch betreut hat war zudem Zeitpunkt schon seit 20 Stunden im Dienst. Die Bedingungen in Pflege und klinischer Medizin sind wirklich katastrophal. Und dann kommt die Politik und feiert sich für ein neues Pflegegesetz, welches bisher nichts gebracht hat :wuetend:
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von klecks » Mittwoch 3. Juli 2019, 17:21

calcetto hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 16:12
Wenn man sich umhört, ist die Bezahlung weniger das Problem als die Arbeitsbedigungen. .
Nun ja, oft auch eine Mischung aus Bezahlung und Arbeitsbedingungen. Wenn beides besser wäre, was vermutlich mit dem Einstellen von mehr Personal verbunden wäre, gäbe es mehr passende Arbeitskräfte. Davon bin ich überzeugt!

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von uhu72 » Mittwoch 3. Juli 2019, 18:58

Wie ich in der jüngsten Vergangenheit selbst erleben durfte, gibt es vereinzelt tatsächlich echten Fachkräftemangel. Problem ist schlicht, dass ettliche Berufsbilder verschwunden sind, weil man sie nicht mehr brauchte. Und in einigen Nischen fehlen nun genau diese Fachkenntnisse. In absehbarer Zeit werden die geburtenstarken Jährgänge in Rente gehen und es "wachsen" eben keine passenden Fachkräfte mehr nach.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Reinhard » Mittwoch 3. Juli 2019, 23:21

klecks hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 17:21
calcetto hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 16:12
Wenn man sich umhört, ist die Bezahlung weniger das Problem als die Arbeitsbedigungen. .
Nun ja, oft auch eine Mischung aus Bezahlung und Arbeitsbedingungen. Wenn beides besser wäre, was vermutlich mit dem Einstellen von mehr Personal verbunden wäre, gäbe es mehr passende Arbeitskräfte. Davon bin ich überzeugt!

Ja, in gewissen Rahmen ist das austauschbar, ob ein Job nun wegen niedriger Bezahlung oder miesen Arbeitsbedingungen schlecht ist, beides führt dazu, dass man sich tendenziell anders orientiert und die Leute wegbleiben. Was auf einem funktionierenden Arbeitsmarkt dazu führen würde, dass mehr gezahlt wird und sich die angespannte Lage wieder behebt.

Was leider kurzfristig funktioniert ist, dass die Leute die noch da sind mehr arbeiten sollen. Dann sieht es so aus, dass das Problem weg ist -- so rein optisch -- aber tatsächlich ist es schlimmer geworden, die Arbeiter wollen eher noch mehr weg, sie werden auch eher krank, die Arbeit wird bei längerer Arbeitszeit schlechter erledigt, und das graduell schlechter werdend. Da hilft dann selbst höhere Bezahlung nicht, soviel kann das die Rest-Freizeit gar nicht aufwerten, als dass es das wert ist. Das geht auf Spannung, bis es bricht. (Mit einer Aussage über solche Arbeitszeiten hat sich Jens Spahn mal vor einer Weile in meinen Augen unmöglich gemacht.)

Leider lässt sich Pflege usw. nicht aufschieben. Wenn ein Handwerker keine Leute hat, dann kommt man halt auf den Terminkalender in drei oder sechs Monaten oder whatever. Die Pflegekräfte hingegen werden in meinen Augen emotional damit erpresst, dass ihre Tätigkeit so schlecht aufschiebbar ist.
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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Tania » Mittwoch 3. Juli 2019, 23:58

uhu72 hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 18:58
In absehbarer Zeit werden die geburtenstarken Jährgänge in Rente gehen und es "wachsen" eben keine passenden Fachkräfte mehr nach.
Schon heute wollen mehr als 50% eines Jahrgangs studieren. In ein paar Jahren haben wir vielleicht keine Klempner mehr, dafür aber sehr viele BWLer, die prima ein Klempnereiunternehmen leiten könnten.

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Re: Wie wichtig ist das Können auf dem Arbeitsmarkt?

Beitrag von Axolotl » Donnerstag 4. Juli 2019, 09:33

Tania hat geschrieben:
Mittwoch 3. Juli 2019, 23:58
Schon heute wollen mehr als 50% eines Jahrgangs studieren. In ein paar Jahren haben wir vielleicht keine Klempner mehr, dafür aber sehr viele BWLer, die prima ein Klempnereiunternehmen leiten könnten.
Wer BWL studiert ist selber schuld :mrgreen: Das ist wie in Amerika mit Anwälten, die gibt es wie Sand am Meer.

Allerdings haben es andere Fachbereiche auch nicht einfacher. Und da liegt es dann gerade daran, dass es weniger Leute Schaffern und diese entsprechend ihrer Qualifikation teurer sind. Es gibt irgendwie keinen richtigen Mittelweg. Das hat die BuReg vermasselt, als man versucht hat das Handwerk an die Unis auszulagern.
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