Würde mich auf jeden Fall freuen, falls sich jemand die Mühe macht und es liest und vielleicht auch Gedanken dazu hat.
Also…
Ich hatte so mit 17/18 Jahren richtig große Probleme mit der Schule, die sich dann auf mein ganzes Leben zu der Zeit ausgewirkt haben. War wirklich eine schlimme Zeit damals. Die düsterste Zeit meines Lebens, würde ich sagen.
Irgendwann hab ich eigentlich gar nichts mehr gemacht und nur noch auf irgendeine Hilfe von außen gewartet. Die kam dann, zum Glück auch. Stationärer Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ich mein, ich wollte da nicht hin, wer will das schon. Aber ich war mittlerweile 18, ich hätte jederzeit Nein sagen können. Hab ich aber nicht, weil ich einfach wollte, dass sich was ändert. Irgendwie. Also bin ich am einem kalten Februartag dort gelandet. War ein wirklich komisches Gefühl, so eine Mischung aus Jugendherberge und Krankenhaus mit natürlich strengeren Regeln. Erstmal werden deine Sachen gecheckt, ob du nicht irgendwas scharfes dabei hast und das war so der Moment, wo mir klar geworden ist, wo ich hier gerade wirklich gelandet bin. Also saß ich dann da auf meinem Zimmer, erstmal für mich allein. Die Mitpatienten, die schon länger da waren, hatten vormittags alle Programm. Ich saß da und hatte keine Ahnung was nun passieren würde. Ganz komisches Gefühl, was ich kaum beschreiben kann. Weder positiv noch negativ, sondern einfach nur ungewohnt und neu. Nach einiger Zeit, weiß nicht mehr wie lange, ist ja auch schon einige Jahre her, kam dann mein Zimmergenosse. Ein Junge, ungefähr mein Alter, vom Aussehen klassischer Emo-Typ. Haben uns dann etwas unterhalten, die erste Frage, die jedem dort gestellt wird, ist dann, warum man hier ist.
Ums kurz zu machen, wir waren uns weder besonders sympathisch noch besonders unsympathisch. Kamen gut miteinander klar, er war dann nach 2 Wochen aber auch nicht mehr da. Aber was ich bis heute noch weiß, ist dieser Moment, wo ich erfahren hab, dass er mit einer Mitpatientin dort zusammen war. Das kam mir zu diesem Zeitpunkt so absurd vor. Du kommst an diesen Ort, wo du nicht sein willst, dir gehts richtig dreckig und du bist am Tiefpunkt. Und andere finden an diesem Ort dann sogar eine Beziehung. Unglaublich.
Wie dem aber auch sei, die ersten Tage dort vergingen relativ ereignislos. In die Therapiesachen ist man die erste Woche, wo man da ist, noch nicht eingebunden und hat so viel „freie“ Zeit. Die ich meist für mich verbracht hab. Habe viel gelesen, etliche Bücher, Musik gehört und in meinen Gedanken geschwelgt. Dann im Verlauf der Zeit hab ich natürlich auch die Mitpatienten kennengelernt. Erstmal wollte ich eigentlich nichts mit denen zu tun haben. Wozu auch. Ich hatte meine eigenen Problem und die waren ja auch aus irgendwelchen Gründen da. Also eine Mischung aus Angst, Desinteresse und Unsicherheit, würde ich sagen, waren die Gründe, warum ich nichts mit anderen dort zu tun hatte. Trifft einiges heute leider auch noch zu
Aber mit der Zeit, ob ich wollte oder nicht, änderte sich das. Da gabs einige Fälle, oft waren das die jüngeren, wo du schnell gemerkt hast, da sind schwerwiegende Problem. Bei den älteren, würde jetzt sagen, alles so ab 14/15 Jahren, war das nicht immer so leicht zu merken, warum die hier waren. Natürlich waren die „Klassiker“ dabei, welche, die sich geritzt haben oder Magersüchtige. Da war ich jetzt also auch dabei und mittendrin.
Und was soll ich sagen, mit der Zeit hat sich was verändert. Ich bin „aufgetaut“. Denn es gibt zwei positive Dinge, wenn du an einen solchen Ort kommst:
1. Wenn du ganz unten bist, am absoluten Tiefpunkt, kann es nur nach oben gehen. Und jeder kleinste Schritt nach oben fühlt sich an, als würdest du endlich wieder Licht am Ende des Tunnels sehen. Verdammt gut und befreiend.
2. Du fühlst dich nicht mehr wie der einzige, der wirklich Probleme hat. Du musst nichts spielen. Musst nicht so tun, als würdest du klar kommen. Denn den anderen geht es genau so, sonst wären sie auch nicht dort.
Ich fühlte mich zum ersten Mal wieder einigermassen gut. Und ich lernte die Leute dort kennen, ihre Probleme. ihre Eigenschaften und ihren Charakter. Ich bekam einen neuen Zimmergenossen mit dem ich von der ersten Minute auf einer Wellenlänge war. Ich war offen. Ich konnte auf neue Menschen dort zugehen. Ich war Teil einer Gemeinschaft. Die Welt da draußen, in der ich nicht mehr klar gekommen war, war für eine Zeit lang egal. Dinge schienen wieder möglich, wo ich vorher keine Ahnung gehabt hatte, wie ich sie schaffen sollte. Ich hatte Hilfe, ein Sicherheitsnetz.
Und auf ein Mal kommt einem die Tatsache, dass man sich dort verliebt gar nicht mehr so absurd vor. Denn wo lernst du Leute so gut kennen, verbringst so viel Zeit mit ihnen. Und das ohne Maske, ohne irgendwelche Oberflächlichkeiten, die eh nichts wirklich zählen.
Und so ging’s mir dann auch. Nicht von heute auf morgen. Sondern ganz allmählich.
Sie war eine Mitpatientin, zwei Jahre jünger als ich und kam ungefähr eine Woche vor mir dort hin. Die erste Zeit ist sie mir nicht aufgefallen. Ich wüsste nicht, dass wir in meiner ersten Woche dort auch nur ein Wort gewechselt haben. Aber du brauchst auch deine Zeit um dort anzukommen, deine Rolle zu finden, herauszufinden, wer du eigentlich bist. Ich hatte wirklich andere Gedanken als Beziehungen in dieser Phase dort, wie glaube ich, jeder, der dort hinkäme.
Sie war auch eher ruhig und zurückhaltend und wie mir irgendwann im Laufe der Wochen aufgefallen ist, echt süß und verdammt hübsch.
Ich kam ja mit eigentlich allen dort gut klar. Aber ab irgendeinem Zeitpunkt verbrachte ich meine gesamte freie Zeit dort entweder mit meinem Zimmergenossen, mit dem ich mich echt gut verstand, oder eben mit ihr.
Abends saß die gesamte Gruppe immer im Aufenthaltsraum und es wurde Fernsehen geguckt. Ich weiß noch, wie wir dort saßen und sie sich an mich gekuschelt hat. Ist immer noch eine meiner schönsten Erinnerungen. Menschliche Nähe zu spüren von der Person, die du magst und der es auch gefällt deine Nähe zu spüren, ist ein wunderbares Gefühl. Fehlt mir.
Also ich hatte mich verliebt und werde nie erfahren wie es ihr ging, aber komplett egal scheine ich ihr ja auch nicht gewesen zu sein.
Leider hat diese Geschichte kein Happy End. Denn nach ungefähr 3 Monaten war meine Zeit dort vorbei. Ich saß eines Morgens mit meinen Eltern bei der zuständigen Psychologin, dir mir sagte, ich könne wieder nach Hause.
Nicht das wir uns falsch verstehen, ein Teil von freute sich wirklich. Das Problem, warum ich mal dort hinkam, war längst gelöst. Andere Problem waren mir damals, auch wenn es sie schon gab, nicht bewusst und ich wollte über sie nicht reden oder war noch nicht so weit. Und ganz ehrlich, welche 18-jährige mag es schon wenn ihm gesagt wird, wann er in Bett muss, wie sein Tagesplan aussieht und was es zu essen gibt. Von daher ja, ich hab mich auch gefreut wieder nach Hause zu kommen. Aber tief in mir, war ich nicht glücklich. Ich wollte nicht weg. Weg von diesen Menschen, weg von dieser Gemeinschaft, weg von dem Sicherheitsnetz und weg von ihr.
Ich hätte was sagen sollen, wurde ja gefragt, ob ich denke, ob ich so weit sei, war ich nicht. Aber ich hab nichts gesagt. Das ist die einzige Entscheidung, die wirklich bereue. Nicht das es groß was geändert hätte, außer vielleicht ein paar Wochen oder so mehr dort. Aber trotzdem.
Hab meine Sachen gepackt, mich von allen verabschiedet. Mit meinem Zimmergenossen gabs eine Umarmung und mir ihr natürlich auch eine sehr innige Umarmung und dann war ich raus.
Wieder in der „wirklichen“ Welt. Hier mach ich es jetzt kurz. Ich hab versucht Kontakt zu halten. Wirklich. Aber es war nicht dasselbe. Ich war nicht mehr dieser offene Mensch. Eine Hülle, die mich auf Distanz zu anderen hält, war auf einmal wieder da. Ich hab mit ihr, sie war ja noch in der Klinik, gechattet oder telefoniert. Und wir haben uns auch noch zweimal so getroffen. Aber das war nicht mehr dasselbe. Ich war wieder verschlossen, voller Selbstzweifel und traute mich nicht wirklich ich zu sein. Ihr zu zeigen, wie sehr ich sie mochte. So wurde die ganze Geschichte immer distanzierter, der Kontakt weniger und irgendwann war es vorbei.
Bis heute, würde ich sagen, dass einzige Mal wo es mir wirklich weh getan hat, zu wissen, dass ich diesen Menschen nie mehr wieder sehen. Sie in meinem Leben keine Rolle mehr spielt. Ich wirklich verliebt war.
Das ist jetzt etliche Jahre her. Warum schreibe ich also diesen Roman? Es ist nicht so, das ich dieser Zeit noch hinterhertrauere oder ständig an sie denke. Ich würde heute bestimmt einiges anders machen, bin nicht mehr derselbe Mensch. Ein paar Jahre älter, um einige Erfahrungen reicher und schlauer und, denke ich, kenne mich mittlerweile auch wesentlich besser.
Auch kriege ich diese Zeit, diese Menschen und die Gefühle von damals nicht mehr zurück. Aber manchmal ich erinnere mich noch gerne mit etwas Wehmut daran.
Und umso mehr ich das tue, umso mehr will ich wieder dieser Mensch sein, der ich in der kurzen Zeit dort war. Jemand der sich selbst mag und mit sich im reinen ist. Offen, mit weniger Selbstzweifel, mit anderen verbunden. Teil von etwas sein. Geht nicht von heute auf morgen. Aber etwas hab ich in den letzten Monaten schon geschafft und ich will weiter machen.
Und deswegen musste das hier jetzt raus.