der ein oder andere mag sich noch an mich erinnern. Im Jahr 2008 bin ich mit damals 23 Jahren dem AB-Forum beigetreten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich einige wenige sexuelle Erfahrungen aber noch keine Beziehung gehabt.
Inzwischen bin ich vergeben. Damals hatte ich gehofft, dass das nicht noch 5 Jahre dauert. Zwischen meinem ersten ONS und meiner ersten Beziehung sind 6 Jahre vergangen. Das sammeln von sexuellen Erfahrungen hilft also nicht zwingend auch zeitnah eine Beziehung zu finden. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte würde ich auf diese "nur-Sex"-Erfahrungen ganz eindeutig verzichten und hätte lieber gewartet auf jemanden, der mich auch wirklich mag und nicht nur mal eben "einen wegstecken" will. Es hat mich nicht weiter gebracht sondern sogar eher behindert auf meinem Weg zu einer Beziehung, weil ich dadurch weniger schnell Vertrauen fassen konnte und nicht daran glauben konnte, dass mich jemand um meiner selbst willen will. Ich denke, dass ist ein wichtiger Hinweis für Abinen, denen hier schon mal schnell geraten wird einfach mal Sex zu haben, alles andere würde sich dann schon fügen. Ich kann das nicht bestätigen. Es macht mehr kaputt in einem als das es nützt.
Ich bin all die Jahre so gut wie nie angesprochen worden und zwar unabhängig davon ob ich normalgewichtig war oder übergewichtig, ob ich mich zurecht gemacht hatte oder nicht. Ich war für die Männer normalerweise einfach uninteressant. Selbst rückblickend kann ich nicht sagen wieso das so ist. Ich bin weder hässlich noch fett, nicht ungesellig und schüchtern, habe viele Freunde. Weder Studium noch Hobbies und Berufsleben sind frauenlastig. Trotzdem habe ich erst mit 28 die Kurve gekriegt. Mein Selbstwertgefühl war und ist vielleicht nicht das Beste. Das dürfte wohl bei mir der entscheidende Faktor gewesen sein. Ich habe selbst nicht daran geglaubt, dass mich jemand toll finden kann und das wahrscheinlich auch ausgestrahlt. Meine wenigen oberflächlichen Erfahrungen mit Männern haben eben diesen Eindruck noch stark versträkt und über Jahre zementiert. Ich war ingesamt drei Jahre in Online-Single-Börsen angemeldet. Auch dort wurde ich nie mit Nachrichten überhäuft, zumal es meist sowieso nur Nachrichten von viel Älteren oder nur an Sex interessieren Männern waren. Auch das hat mein unbewussten Eindruck des Unwert für eine echte Beziehung sein verstärkt. Wenn ich selbst Männer angeschrieben habe hat das auch nie zu etwas geführt. Ich hatte ab und an Dates, aber meist hat es einfach nicht gepasst.
Wie ist es nun dazu gekommen, dass ich doch mal Glück hatte? Zunächst habe ich sehr lange an mir gearbeitet und versucht meine Probleme mit dem Selbstwertgefühl in den Griff zu kriegen. Ich habe regelmäßig Bilanz gezogen, Erreichetes für mich selbst aufgeschrieben. Ich habe mir Feedback von Freunden geholt. Auch wenn sie keine sinnvollen Tips bezüglich Beziehungen hatten so doch immerhin das Feedback, dass ich okay bin und mich nicht total verändern muss. Ich habe 15 Kilo abgenommen, meine unbefriedigende Jobsituation verändert und immer wieder versucht neue Leute kennen zu lernen. Im realen Leben war das aber nach Ende des Studiums immer schwerer möglich, so dass ich vor ca. einem Jahr dem Internet noch mal eine Chance geben wollte und wirklich versucht habe aktiv und mit Engagement die Sache anzugehen. Bei finya hat es dann funktioniert.
Er hat mein Profil angeschaut aber nichts geschrieben. Ich fand sein Profil lesenswert, mit Witz, irgendwie besonders. Optisch hat er mich nicht angesprochen, aber seine Profiltexte haben das wett gemacht. Also habe ich eine kurze Nachricht an ihn geschrieben "Du hast mein Profil besucht aber leider keine Nachricht hinterlassen. Schade eigentlich
Wir haben einen wirklich spannenden Mail-Austausch gehabt, nach einer Woche das erste Mal telefoniert und uns nach zwei Wochen das erste Mal getroffen. Bei mir hat es zunächst nicht gefunkt, aber wir haben uns einfach sehr gut unterhalten, so als wenn wir schon ewig befreundet wären, so dass ich einem zweiten Treffen eine Chance geben wollte. Darauf folgte ein 3. Treffen, wo er dann in die Offensive gegangen ist was meinerseits definitiv nicht geplant war und auch nicht unbedingt vorhersehbar. Ich habe dann auch gesagt, dass ich etwas überfordert bin und ihm nicht sagen kann ob und wie schnell ich mich darauf einlassen kann. Er war da sehr verständnisvoll und hat mir keinen Druck gemacht. Warum es weiter ging, obwohl ich nach wie vor nicht verliebt war? Ich fühle mich einfach wohl bei ihm. Wir können studenlang miteinander reden und es existierte von Anfang an ein Vertrauen, wie ich es noch nie mit einem Mann erlebt habe. Ich habe nicht das Gefühl mich für ihn verbiegen zu müssen. Er mag und will mich so wie ich bin. Ich komme total gut runter bei ihm und ich habe noch nie so gut, tief und erholsam neben jemanden geschlafen wie neben ihm. Normalerweise bringen mich andere Menschen, die im selben Zimmer wie ich übernachten eher um den Schalf. Bei ihm war das von Anfang an anders. Auch haben wir noch nie ernsthaft gestritten - es gab dafür bisher einfach keinen Anlass. Es ist ein bisschen so als wenn ich mit meinem besten Kumpel zusammen wäre. Inzwischen bin ich mir aber gar nicht mehr so sicher, ob anfängliche Verknalltheit wirklich das entscheidende Kriterium für eine Beziehung ist. Es geht mir gut, er tut mir gut - was will ich mehr?
Im Übrigen vereint er eine ganze Reihe von Faktoren, die ihn wesentlich wahrscheinlicher zum AB gemacht hätte als die meisten hier. Er hat Informatik studiert, hat sein Studium jedoch nicht abgeschlossen, arbeitet aber in dem Bereich. Er war lange stark übergewichtig und ist immer noch leicht übergewichtig, nicht besonders hübsch, z.B. hat er Narben von Akne zu Pubertätszeiten. Er wurde als Kind gemobbt, hat ein schwieriges Verhältnis zu seiner Familie und ist chronisch schwer krank und dadurch bedingt schwerbehindert. Außerdem ist er noch beruflich durch eine eigene Firma, die noch in den Kinderschuhen steckt derzeit finanziell nicht gerade gut aufgestellt. Trotzdem hat er eine ganz normale Beziehungskarriere hingelegt, hatte mit 19 seine erste Freundin und jahrelange Partnerschaften. Ach ja - größer als ich ist er übrigens auch nicht. Er hat einen unerschütterlichen Optimismus in allen Lebenslagen und sein Selbstbewusstsein ist trotz allem eher stark. Gleichzeitig ist er ein absoulter Menschenfreund, aufgeschlossen und neugierig und sehr intelligent. Einfach ein guter Kerl, der sich selbst treu bleibt. Insofern konnten all diese vermeintlichen Negativ-Punkte nicht verhindern, dass er immer wieder eine Freundin finden konnte. Ich bin auch nicht seine erste Freundin, die er in über eine Datingseite gefunden hat.
Insbesondere die chronische Krankheit und die Auswirkungen davon machen mir schon etwas zu schaffen auch in Hinblick auf eine gemeinsame Zukunft, denn sein Zustand wird sich im Laufe der Jahre vorrausichtlich eher verschlechtern. Aber das kann ich nur auf mich zukommen lassen und sehen, wie ich damit klar komme. Auch war meine Gewöhnung an das "Vergeben sein" nicht immer so einfach. Das mich jemand wirklich so will wie ich bin kriege ich immer noch nicht so ganz in meinem Kopf. Lief ich doch jahrelang der Illusion nach mich sehr verändern oder verstellen zu müssen, damit mich jemand will. Gott sei Dank ist mir das nicht geglückt. Damit wäre ich wohl kaum glücklich geworden.
Zum Thema Sex - macht euch locker - er ist viel erfahrener als ich, aber gemerkt hat er das nicht (ich hatte meine wenigen Erfahrungen etwas "geschönt" ohne zu lügen) . Am Anfang läuft das bei allen etwas unbeholfen. Man muss sich ja auf einen neuen Partner einstellen. Das unterescheidet sich nicht wesentlich davon sich zum ersten mal auf einen Partner einzustellen. Erfahrungen mit Sex werden eindeutig überbewertet. Wenn alles andere passt kriegt man das ganz automatisch hin. Das ist keine Wissenschaft sondern vor allem Instinkt. Und es ist kein Wettkampf wo man etwas falsch oder richtig machen kann. Er hat was Sex und Nähe betrifft ein ziemlich stark ausgeprägtes Bedürfnis, was in seinen vergangenen Beziehungen immer zu Problemen führte, aber erstaunlicherweise stört mich das nicht im Geringsten, was schon seltsam ist, war doch bei mir jahrelang gar nichts los. Ich hätte meinen Trieb bisher eher als unterdurchschnittlich eingeordnet. Selbstbefriedigung habe ich z.B. sehr, sehr selten praktiziert und Pornos oder ähnliches haben mich immer nur gelangweilt. Offensichtlich habe ich mich da geirrt. Ein Gefühl von "zu viel" ist bei mir jedenfalls bisher nicht aufgetreten.
Soviel zu meiner Geschichte. Es ist kein absolut strahlendes Happy-End. Eine Beziehung rettet nicht das Leben, man ist genauso mal schlecht drauf wie vorher. Man teilt ja nicht nur das Schöne sondern auch die Sorgen. Als Dauersingle waren meine Emotionen mit weniger Ausschlägen - nach oben und nach untern. Jetzt hat sich beides verstärkt. Ich glaube nicht, dass es Beziehungen gibt, die auf Dauer glücklicher machen. Dafür muss man nach wie vor selbst sorgen und bewusst daran arbeiten, die schönen Dinge im Leben zu genießen.