Dass der Artikel die Bevölkerung darauf aufmerksam macht, dass es ABs gibt, finde ich gut. Nicht gut finde ich aber, dass sie in gewisser Weise als die Verlierer, die Nichtskönner, die Lustlosen dargestellt werden. Ich weiß, dass die AB-Problematik unheimlich facettenreich ist und gerade bei dem Thema jeder Fall extrem unterschiedlich sein kann. Und ich weiß auch, dass hier nur ein Einzelfall dargestellt wird, der durch den Artikel möglicherweise verzerrend rüberkommt. Aber wissen das auch alle anderen Leser? Wissen es insbesondere die Leser, die nicht die Muße haben, sich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen?
Wir sind Experten für das Thema, wir haben ein geschärftes Auge dafür. Wir suchen daher unbewusst nach Inhalten, die bestätigen, dass der Artikel unserer täglichen Wahrnehmung entspricht, und halten ihn daher für tendenziell gut und nachfühlend.
Für Außenstehende ist es ein weltfremdes Thema. Sie sind keine Experten und haben auch kein geschärftes Auge dafür. Aber auf den ersten Blick sieht das Thema für sie sehr abwegig und unnormal aus ("Beziehung als Problem - Hä?!"). Daher suchen sie auch nach Wörtern wie "arbeitslos", "Therapie", "Schulabbruch", "Außenseiter" etc., um sich in ihrer Meinung und ihrem Weltbild zu bestätigen. Und sobald es bestätigt ist, haben sie das Gefühl, etwas Allgemeingültiges über ABs zu wissen und nehmen dies tendenziell als die Wahrheit auf. Dadurch wird ihr Blick für das Thema verschärft, aber mit verzerrtem Blick, den sie als solchen nicht erkennen. Sie halten sich dann für Experten, können in Gesprächen damit punkten und ihre Meinung im Unterbewusstsein wird unumstößlich, selbst wenn sie rational etwas anderes behaupten.
Ich habe dies hier bewusst etwas provokant formuliert, damit klar wird, in welche Richtung es geht. Ob und wie stark das auf den einzelnen Leser zutrifft und sich auf ihn auswirkt, ist natürlich individuell verschieden.