Die Angst vor der Zukunft

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Elfriede

Re: Die Angst vor der Zukunft

Beitrag von Elfriede »

Kolinatan hat geschrieben: ↑14.07.2025, 13:47 Natürlich gibt es keine Zwangsläufigkeit zu verzweifeln, nur wachsen wir in der Regel nicht so auf, dass wir lernen, dass unsere Bewertungen und die damit verbundenen Emotionen etwas sind, welche wir durch unsere Entscheidungen und unser Denken beeinflussen können. Wenn ich gelernt habe, etwas ganz stark abzulehnen oder etwas sehr stark zu wollen, ist es schwer diese innere Ausrichtung wieder aufzugeben. Eine Überzeugung, welche ich ggf. sogar zum Teil meiner Identität gemacht habe, kann ich nur um den Preis der Selbstaufgabe ändern. Dieser Schritt ist für das damit identifizierte Ego existenzbedrohend.
Das stimmt natürlich, dass es nicht so einfach ist, Bewertungen zu ändern, wenn die Situation selbst nicht mehr änderbar ist. Aber man kann es lernen. Grundvoraussetzung dafür ist ganz viel Selbstliebe. Dann nämlich führt eine veränderte Bewertung einer Situation nicht automatisch zur Selbstaufgabe.
Kolinatan hat geschrieben: ↑14.07.2025, 13:47 Warum scheint die Einsamkeit immer mehr zuzunehmen? Ich frage mich, ob es gelingt mit den "Einsiedlerschnecken" so zu sprechen, dass es möglich ist von ihnen zu erfahren, inwieweit sie unter ihrem alleine Sein leiden und sich wirklich einsam fühlen und wenn dies so ist, was ihre Hürde ist, warum sie sich auf die angebotenen Möglichkeiten nicht einlassen können? Wollen sie und können nicht oder wissen nicht wie oder sind sie durch Ängste blockiert? Oder was sonst ihre inneren Empfindungen und Vorstellungen sind, welche ihr Verhalten prägen.
Also in meiner Arbeit habe ich ja mit hochaltrigen Menschen zu tun, die oft rein kognitiv nicht mehr in der Lage sind, ihre Situation zu reflektieren und Verhaltensweisen zu ändern. Auch haben wir leider die Zeit nicht, uns so intensiv mit jemandem auseinander zu setzen, dass wir die Hintergründe verstehen könnten. Daher, wenn wir mit normalen Mitteln einen Menschen nicht dazu bewegen können, aus seiner Selbstisolation heraus zu kommen, dann müssen wir es akzeptieren. Ab und zu gelingt es uns aber, diese Menschen zumindest gelegentlich in Gruppenaktivitäten einzubinden. Und dann ist es schön zu sehen, dass es eigentlich immer und bei jedem Menschen positive Effekte hat. Nur zieht das in diesem Alter dann keine grundlegende Verhaltensänderung mehr nach sich.
Kolinatan hat geschrieben: ↑14.07.2025, 13:47 Aus meiner Sicht führen verschiedene gesellschaftliche Umstände dazu, dass die Einsamkeit zunimmt. Aufgrund der Zunahme der Angebote, kommt es auch zu einer stärkeren Separierung. Die stärkere Vereinnahmung von Menschen für Ausbildung und Beruf, sowie die geforderte höhere Mobilität, all dies reduziert die Zeit, um ein stabiles soziales Umfeld aufzubauen und zu erhalten. Es gibt keine einfache Lösung für diese verschiedenen Aspekte, welche das Miteinander der Menschen beeinflussen. Ich fand zum Thema Einsamkeit das Video von Kurzgesagt informativ. Besonders wichtig finde ich den Aspekt, dass wir, wenn wir uns einsam fühlen, andere Menschen und ihr Verhalten kritischer und negativer beurteilen.
Also fehlende Zeit ist denke ich nicht der ausschlaggebende Faktor für Vereinsamung. Nie hatten die Menschen so viel Freizeit, wie heute. Mein Vater z.B. hat noch 6 Tage die Woche arbeiten müssen. Und wenn Not am Mann war, musste er auch Sonntags ran. Was heute der Zeiträuber Nummer 1 ist, ist der extrem hohe Medienkonsum. Früher wurde der Fernseher erst am Abend zu den Nachrichten eingeschaltet. Heute läuft er in vielen Familien den ganzen Tag. Handys und Computer gab es noch nicht, heute wird in jeder freien Sekunde zum Smart Phone gegriffen. Da bleibt dann natürlich wenig Zeit und auch wenig Energie, für Gespräche, Kontaktpflege etc.. Wenn ich heute zum Beispiel eine Freundin anrufen will, müssen wir uns vorher per Whatsapp dazu verabreden. Früher griff man einfach zum Telefonhörer und der Angerufene nahm sich die Zeit zum Gespräch.

Ich glaube nicht, dass diese Entwicklungen rückgängig gemacht werden können. Aber den Zeitmangel verursachen wir selbst, durch unsere veränderten Gewohnheiten. Das sollte zumindest in unserem Hinterkopf bleiben.
Elfriede

Re: Die Angst vor der Zukunft

Beitrag von Elfriede »

selina hat geschrieben: ↑14.07.2025, 14:59 Liebe Elfriede,
genau das bezweifle ich. Nicht nur bei dir, sondern auch ganz allgemein. Ich kann in vielen Bereichen kaum erahnen wie verzweifelt sich Leute in bestimmten Situationen fühlen. Jeder bewertet Situationen halt anders und misst ihnen eine unterschiedliche Wichtigkeit zu.
Genau das sieht man hier im Forum. Einige haben sich mit der AB-Situation ganz gut ‚eingerichtet‘, andere damit abgefunden und andere schaffen weder das eine noch das andere. Andere sind komplett verzweifelt, können und wollen sich damit nicht abfinden. Und noch etliche andere Situationen mehr.
Liebe Selina,

doch ich verstehe das wirklich. Ich bin inzwischen über 60 und habe in meinem Leben viele schwere Situationen meistern müssen. Die Krankheit unseres Sohnes, das Zerwüfnis mit meinen Eltern, ihre Erkrankungen und ihr Tod ohne dass es zu einer Aussöhnung kam. Das sind nur einige Dinge, die ich bewältigen musste. Es gab Zeiten, in denen auch ich mich verzweifelt fühlte bis hin zur Depression. Aber ich gab nicht auf, holte mir Hilfe, wenn ich alleine nicht klar kam und lernte, nicht mehr änderbare Dinge anders zu bewerten. Die Krankheit in seiner Kindheit und die vielen Krankenhausaufenthalte hätte ich meinem Sohn z.B. gerne erspart. Aber genau diese Erfahrungen haben ihn zu dem Menschen gemacht, der er heute ist. Er nimmt viele Dinge viel zu schwer aber er ist eben kein oberflächlicher oder egoistischer Mensch geworden, sondern er ist tiefgründig und übernimmt in seiner Arbeit täglich sehr viel Verantwortung. Darauf bin ich stolz.
selina hat geschrieben: ↑14.07.2025, 14:59 Ich selbst ‚musste‘ vor einigen Jahren meinen Kinderwunsch begraben. Ich bin daran nicht kaputt gegangen. Obwohl es sehr dunkle Tage gab. Sehe ich diese Situation jetzt irgendwie positiver? Nein ganz klar nicht. Ich habe mich damit abgefunden das es nicht sein sollte. Ich kann auch trotzdem noch ein gutes Leben haben, aber positiv sehe ich das Ganze noch immer nicht.
Das tut mir ehrlich leid. Ich kann deinen Schmerz nachvollziehen, denn auch ich hatte nach der Geburt unseres Sohnes einen weiteren Kinderwunsch, der nicht erfüllt wurde. Das ist natürlich nicht vergleichbar aber auch das war in dieser Lebensphase für mich sehr hart. Positv ist so etwas natürlich nie aber die Zeit heilt Wunden. Heute sehe ich die Sache so, dass es vielleicht alles seinen Sinn hatte. In den ersten Lebensjahren brauchte ich meine ganze Kraft für unseren Sohn. Später dann konnte ich die frei werdende Zeit und Energie darauf verwenden, beruflich noch einmal von vorne anzufangen. Mit weiteren Kindern wäre das nicht möglich gewesen. Daher kann ich inzwischen ganz gut mit diesem Schicksalsschlag umgehen. Ich wünsche dir, dass auch du das irgendwann von dir sagen kannst. Klar, braucht es dafür Zeit, sehr viel Zeit sogar. Ich rede hier nicht von wenigen Jahren, sondern von Jahrzehnten.
selina hat geschrieben: ↑14.07.2025, 14:59 Was ich damit sagen möchte. Es gibt Situationen die kann man nicht immer so leicht hinnehmen. Schau doch als Beispiel auf deine eigene Situation mit deinem Sohn. Überlege doch mal wie es dir damit selbst geht. Dieses annehmen, ändern ist ein Prozess. Der fällt manchmal leichter, manchmal verdammt schwer. Vielleicht sind einige der ABs, die hier gerade am jammern sind, in diesem Prozess.
Es ehrt dich, das du zu helfen und verstehen möchtest. Aber jeder geht halt seinen eigenen Weg.
Ja, das ABtum meines Sohnes anzunehmen, war die jüngste und eine weitere schwierige Herausforderung in meinem Leben. Aber inzwischen bin ich wirklich fein damit. Sein ABtum hat ihm z.B. die Möglichkeit gegeben, diesen Schritt in die USA zu wagen. Mit einer Partnerin wäre das ganz sicher nicht so einfach möglich gewesen. Ich sehe aber nun, wie gut es ihm dort geht. Und ich sehe auch, wie wichtig es für ihn war auch seine letzten Verbindungen in sein altes Leben zu kappen, um noch einmal neu anzufangen. Es tut mir natürlich weh, dass zu diesen Verbindungen auch ich gehöre. Aber ich habe meinem Sohn in seiner Kindheit starke Wurzeln gegeben. Nun war es einfach an der Zeit, dass er seine Flügel ausbreitet. Ich bin stolz, dass ihm das so gut gelungen ist. Alles weitere wird sich nun finden oder auch nicht. Es ist nicht mehr mein Problem, so hart das auch klingen mag. Diese Denkweise ist zwar vielleicht egoistisch aber auch sehr gesund - für ihn wie für mich.
Elfriede

Re: Die Angst vor der Zukunft

Beitrag von Elfriede »

Bobbertus hat geschrieben: ↑14.07.2025, 16:01 Als ich spreche hier natürlich nur für mich selbst, aber ganz ehrlich... wenn ich etwas mache worauf ich an sich keine Lust habe weil ich hoffe dadurch "interessanter" zu werden oder "Kontakte zu knüpfen", kann das einfach nichts werden 🤷🏻‍♂️
Das stimmt natürlich! Du sollst nichts machen, wofür du dich nicht interessierst. Aber wofür interessierst du dich denn wirklich und was könntest du tun, um dem gemeinsam mit anderen Menschen nachzugehen? Und wenn du dich für gar nichts so richtig interessierst oder keine Energie hast, woran liegt diese Energielosigkeit? Ist es dein Medienkonsum, deine ungesunde Lebensweise oder bist du ein Mensch mit einem natürlicherweise geringerem Energielevel? Wenn das so ist, dann ist daran nun mal nichts zu ändern. Dann solltest du anfangen, dich selbst so zu akzeptieren und zu lieben, wie du bist. Manche Menschen haben nun einmal so ein aktives kraftraubendes Innenleben, dass sie für Außenkontakte keine Energie mehr haben. Gehörst du dazu? Wenn ja, dann hör auf, gegen dich zu kämpfen, sondern fang an dich zu lieben für das was du bist!
Bobbertus hat geschrieben: ↑14.07.2025, 16:01 Jammern hilft schon. Nämlich dabei diesen Mist nicht mit sich rumzutragen. 😅

Den ganzen Frust und Ärger nur in sich zu sammeln weil man ja niemanden damit nerven oder beunruhigen will ist denke ich das Schlimmste was man machen kann... klar ist das nicht annähernd so effektiv wie was zu tun um die Umstände zu ändern, aber für viele ist es so etwas erstmal auszusprechen (oder zu schreiben) eben der Schritt Nummer 1... wenns dabei bleibt und sich die Situation nicht ändert ist das Schade, aber allein schon die Sorgen und Ängste mal ausgedrückt zu haben ist schon besser als nichts. 🙂
Klar, jeder Mensch braucht ein Ventil für den ganzen Wahnsinn, den man Leben nennt. Ich verstehe das, denn auch ich hatte Phasen in denen ich nichts anderes tun konnte, als am Boden zu liegen und mich selbst zu bedauern. Das meine ich übrigens gar nicht negativ. Selbstmitleid ist manchmal wirklich eine heilsame Sache, ist es doch der Anfang von Selbstliebe. Nur stehen bleiben sollte man dabei nicht. Solange du beim Jammern und durch das Feedback der anderen also Impulse bekommst, etwas neues, anderes auszuprobieren, ist es okay. Wird es aber zum Selbstzweck, wird es gefährlich, denn dann ist die Depression nicht weit. Also bitte, jammer weiter, ich höre dir gerne dabei zu. Sei mir aber bitte nicht böse, wenn ich versuche, dich ab und zu anzuschubsen, damit du wieder in die Gänge kommst. Okay?
Seb-X
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Re: Die Angst vor der Zukunft

Beitrag von Seb-X »

Elfriede hat geschrieben: ↑15.07.2025, 07:18 Manche Menschen haben nun einmal so ein aktives kraftraubendes Innenleben, dass sie für Außenkontakte keine Energie mehr haben. Gehörst du dazu? Wenn ja, dann hör auf, gegen dich zu kämpfen, sondern fang an dich zu lieben für das was du bist!
Solche Kalendersprüche machen mich einfach nur noch wütend.
Es ist für mich nicht ok, so zu sein. Warum? Weil du praktisch rund um die Uhr vorgeführt bekommst, wie sehr du damit gegenüber anderen im Nachteil bist. Immer. Und du siehst vor allem, wenn du unter Menschen bist.
Zugleich hast du aber nicht weniger Aufgaben und Probleme. Es gibt für mich da nichts, aber auch gar nichts, womit ich mich versöhnen könnte.
Der Kampf gegen mich selbst hält mich am Leben. Er hat dafür gesorgt, dass ich nicht nachlasse, nicht schlapp werde. Es einfach lassen, weil ich ja so bin wie ich bin, wäre das Ende.
"Im innersten Gehäuse des Humanismus, als dessen eigene Seele, tobt gefangen der Wüterich, der als Faschist die Welt zum Gefängnis macht."
(aus "Schwabenstreiche", Theodor W. Adorno, Minima Moralia)
Elfriede

Re: Die Angst vor der Zukunft

Beitrag von Elfriede »

:upps:
Zuletzt geändert von Elfriede am 02.08.2025, 10:33, insgesamt 1-mal geändert.
Elfriede

Re: Die Angst vor der Zukunft

Beitrag von Elfriede »

Seb-X hat geschrieben: ↑01.08.2025, 23:04 Solche Kalendersprüche machen mich einfach nur noch wütend.
Es ist für mich nicht ok, so zu sein. Warum? Weil du praktisch rund um die Uhr vorgeführt bekommst, wie sehr du damit gegenüber anderen im Nachteil bist. Immer. Und du siehst vor allem, wenn du unter Menschen bist.
Zugleich hast du aber nicht weniger Aufgaben und Probleme. Es gibt für mich da nichts, aber auch gar nichts, womit ich mich versöhnen könnte.
Der Kampf gegen mich selbst hält mich am Leben. Er hat dafür gesorgt, dass ich nicht nachlasse, nicht schlapp werde. Es einfach lassen, weil ich ja so bin wie ich bin, wäre das Ende.
...oder es wäre ein neuer Anfang?! Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten.
Seb-X
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Re: Die Angst vor der Zukunft

Beitrag von Seb-X »

Elfriede hat geschrieben: ↑02.08.2025, 10:31
Einen neuen Anfang kann es für mich nur geben, wenn ich nochmal 20 wäre. Das ist physikalisch unmöglich. Ich tue außerdem überhaupt nicht immer das gleiche - im Gegenteil. Würde ich weiterhin das gleiche tun wie vor 10 Jahren, wäre ich heute nur noch ein Stück Elend, komplett ohne Weiterentwicklung.
Zuletzt geändert von Kolinatan am 02.08.2025, 13:27, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Vollzitat gekürzt.
"Im innersten Gehäuse des Humanismus, als dessen eigene Seele, tobt gefangen der Wüterich, der als Faschist die Welt zum Gefängnis macht."
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