Darth Revan hat geschrieben: ↑13.09.2018, 20:00
Haben wir HC-ABs, ob männlich oder weiblich, alle einen Schaden? Wieso scheitern wir an etwas, das selbst der dümmste Backfisch hinbekommt?
Ich glaube, die Fähigkeit zur Beziehungsanbahnung ist eine soziale Kompetenz, so wie z.B. auch die Fähigkeit Freundschaften zu schließen, Konflikte beizulegen, Meinungsverschiedenheiten auszuhalten, Geschenke zu machen, Gefälligkeiten zu erweisen, um Gefälligkeiten zu bitten, etc.
Ich glaube, kein Mensch wird geboren und kann diese Dinge einfach so. Wir müssen das lernen. Aber anders als Lesen, Schreiben und Rechnen werden uns soziale Kompetenzen nicht didaktisch beigebracht, sie werden und vielmehr vorgelebt und wir schauen sie uns ab.
Wie man eine Beziehung anbahnt, schauen sich die meisten Menschen in ihrer frühen Jugend von den etwas älteren Jugendlichen ab. Unter den meisten Jugendlichen war und ist das immer das Thema Nummer 1, wer mit wem und warum und wie lange usw. Wenn besagter Backfisch mit dabei ist, dann stolpert er da halt auch irgendwie rein.
Wir ABs zerfallen da gefühlt in vier Gruppen: Die, die nie dabei waren (Außenseiter, gemobbte); die, die in ihrer Jugend noch keinen Wunsch nach (romantischer) Nähe hatten und deshalb nicht den üblichen Eifer an den Tag gelegt haben; die, die zwar dabei waren und auch gewollt hätten, aber zu schüchtern oder zu ängstlich waren, die vorgelebten Methoden selber mal zu probieren; und natürlich die, die alles genau so gemacht haben, wie der Backfisch auch, aber zu viel Pech hatten (die Traumatisierten). Gerne auch in Kombination oder wechselnder Abfolge.
Die Beziehung der eigenen Eltern zueinander ist da glaube ich eher von nachrangiger Bedeutung - bei deren Anbahnung war man naturgemäß noch nicht dabei, und von der Erzählung alleine lernt man nichts. Es hat auch noch niemand Fahrradfahren gelernt dadurch, dass ihm jemand davon erzählt hat, wie man das macht.
Die Krux an den sozialen Kompetenzen ist nur leider, dass die meisten Leute sie unbewusst erlernt haben und deshalb bereits nach kurzer Zeit irrtümlicher Weise glauben, sie hätten sie schon immer besessen. Das führt in der Regel zu großem Unverständnis der "Kompetenten" für die "Inkompetenten", und verhindert daher auch jegliche mögliche Hilfestellung. Der oft gehörte Satz "Das wir sich schon irgendwie von alleine ergeben" ist ja keine Häme der Normalos, die glauben das ja wirklich!
Die Vorstellung, man könnte diese Teenager-Zeit "nachholen" ist natürlich Quatsch. Richtig ist aber wahrscheinlich schon, dass wir beim Erlernen besagter Sozialkompetenz all die Tiefschläge und Niederlagen, die das für die Teenager in der Regel mit sich bringt, eben auch in Kauf nehmen müssen. Dazu zählen u.a. die Gefahr, sich total zum Deppen zu machen, komisch, "creepy", oder "needy" rüberzukommen, die Signale des Gegenübers falsch zu interpretieren, sich in seine Gefühle hineinzusteigern, falsche Maßstäbe anzulegen, Peinlichkeiten auszuhalten, sich zu schämen, Ablehnung zu erfahren, vielleicht sogar vom anderen bloßgestellt zu werden, usw.
Die "Downside" ist, dass wir uns über die höchst realen Schattenseiten dieses Prozesses im Klaren sind, weil wir ähnliche Erfahrungen aus anderen sozialen Kontexten kennen, ohne wirklich zu wissen, ob der "Preis" - sollten wir ihn je "gewinnen" - das alles rechtfertigt. Da haben die Jugendlichen den Vorteil, dass sie noch nicht so viel Scheiße erlebt haben und ihre romantischen Phantasien ins grenzenlose überhöhen, sodass ihnen die "Kosten" weniger bewusst sind und auch weniger relevant erscheinen.
Die "Upside" ist, dass wir es mit erwachsenen Menschen zu tun haben. Ich sollte mir wahrscheinlich jeden Tag fünfmal den Satz vorsagen "Die werden mich schon nicht fressen", solange, bis ich daran glaube und mich endlich mal aus der Deckung wage.
Fazit: Wir haben keinen Schaden, wir haben ein Defizit. Vielleicht lässt sich da ja doch noch etwas machen.