Ich bin vor neuneinhalb Jahren wegen der Arbeit aus dem Sauerland ins Ländle gezogen. Als ich hier anfing, war ich recht angetan und hochmotiviert. Ich war vorher arbeitslos und deshalb froh, wieder einen passenden Job zu haben. Doch mit recht rasantem Wachstum veränderte sich die Firma nicht gerade zu ihrem Vorteil.
Im Folgenden ein Auszug der Dinge, die ich persönliche brauche, um mich motivieren, und einige der Gründe, die das aktuell verhindern:
1. Gutes Arbeitsumfeld / Betriebsklima
- Lärm und Unruhe durch Bürogeräte, Absätze, Straßenlärm, nervige Klingeltöne, lautes Reden, Bildschirmblendung
- hohe Mitarbeiter-Fluktuation, dadurch kaum noch Teamgefühl, kaum noch Interesse an sozialen Kontakten innerhalb der Belegschaft
2. Identifikation mit der Firma
- wenig transparente und selten nachvollziehbare, teils absurde Entscheidungen der Geschäftsleitung
- unsichere bzw. keine offiziellen Informationen über Vorhaben und organisatorische Veränderungen, Neueinstellungen oder Kündigungen - die Folge sind viele Gerüchte, die dann für Unruhe, Ärger und bei mir (weil ich keine Lust mehr habe, mich aufzuregen) für Gleichgültigkeit sorgen
- Ich kann dem Chef aufgrund diverser Vorfälle und Aussagen kaum noch Sympathie entgegenbringen, sodass ich manchmal nur sehr widerstrebend für ihn tätig bin
3. Identifikation mit dem Projekt / mit der Arbeit
- chaotischer Projektablauf / keine Verbesserung der Arbeitsorganisation bzw. des Projektablaufs möglich
- keine Erst- und Abschlussbesprechung, kaum Feedback, und somit auch keine Möglichkeit aus Fehlern zu lernen
- Missverständnisse / Datenchaos / schlechte Kommunikation
Mittlerweile erfülle ich die meisten Kriterien einer inneren Kündigung:
- sarkastische Kommentare der beruflichen Situation und Perspektive
- mangelnde Initiative, Rückzug, kein Einbringen neuer Ideen
- Zurückfahren des dienstlichen Einsatzes auf ein unabdingbares Mindestmaß (Dienst nach Vorschrift)
- Passivität, Wegträumen, „Absitzen” während des Arbeitstages
- Desinteresse an beruflicher Weiterbildung, keine Planungen beruflicher Weiterentwicklung
- Durchsetzen des Arbeitsalltages mit privaten Interessen
Es ist aus meiner Sicht selten möglich, gute Arbeit abzuliefern – die Umstände verhindern es zu oft. Witzig ist, dass ich seit knapp 3 Jahren gefühlt maximal 80% Leistung bringe (gemessen an dem was meiner Einschätzung nach möglich wäre), aber das scheint auch zu reichen, denn niemandem fällt es auf (Mitte 2013 hatte ich mir ein Zwischenzeugnis ausstellen lassen, und selbst als ich vor wenigen Wochen meinem Chef direkt sagte, dass ich mich nicht mehr mit der Firma identifizieren kann und mich nicht mehr intrinsisch motivieren kann, sprang noch eine Gehaltserhöhung bei raus).
Trotz aller Demotivation und allem Ärger arbeite ich immer noch hier, denn:
- Ich habe eine nette, kleine, günstige und vor allem ruhige Wohnung, in der ich mich wohlfühle.
- Die Region bietet viele Freizeitmöglichkeiten.
- Es gibt eine gute Infrastruktur und gute Bahnverbindungen.
- Es ist nicht weit in die Natur und nicht weit bis in größere Städte.
- Ich habe gewisse Freiheiten bei der Arbeit.
- Ich hatte größtenteils hilfsbereite, nette Kollegen, mit denen man viel Blödsinn quatschen und auch mal was in der Freizeit unternehmen konnte, und eine tolle Arbeitskollegin, die in den Jahren zu meiner wichtigsten Bezugsperson wurde und die mir oft den Tag gerettet hat. Doch das ist leider jetzt vorbei – dazu evtl. ein andermal mehr….
Ich hatte einmal recht hohe Ansprüche an meine Arbeitsergebnisse und mein Arbeitsumfeld, und es ärgert und demotiviert mich, wenn ich sie durch äußere Umstände nicht erfüllen kann. Ich habe da aber einen spürbaren Hang zum Perfektionismus. Mir sind Dinge wichtig, denen von vielen Kollegen mangels Fachwissen, aufgrund von Zeitdruck oder aus Gleichgültigkeit wenig Beachtung geschenkt wird. Ich bin, was das angeht, ein wenig wie Mr. Monk - und in diesem Vergleich ist die Firma oft wie eine Messi-Wohnung. Ich bin Technischer Zeichner, und wenn ich unordentliche Zeichnungen von Kollegen weiterbearbeiten muss oder Kollegen Änderungen in meinen Zeichnungen durchgeführt haben und etwas durcheinandergebracht haben, dann ärgert mich das, denn es kostet Zeit und Nerven - und demotiviert mich. So macht mir die Arbeit immer weniger Spaß. Ich rege mich sehr oft auf, und das ist nicht gut für mich. An manchen (seltenen) Tagen habe ich eine interessante Aufgabe und Spaß an der Arbeit. Doch wenn es wieder unnötig chaotisch zugeht gehe ich mit einem enormen Widerwillen an die Arbeit. Dann steigere ich mich manchmal in negative Gedanken hinein, ärgere mich über alles und jeden und würde am liebsten alles hinschmeißen.
Mit meiner Meinung über die Firma stehe ich nicht alleine da. Es geht wohl einigen Kollegen so. Für viele ist die Kollegialität der Hauptgrund, zu bleiben. Die meisten sind aber auch gelassener als ich und können leichter abschalten und sich sagen: „Das ist halt so, da kann ich nichts dran ändern. Ich versuche meinen Job so gut es geht zu machen, und wenn es mir hier nicht mehr passt, dann wechsele ich halt die Firma“. Das ist aber nicht so leicht für mich, denn ich habe keine Garantie, dass es bei anderen Firmen besser ist. Und durch meine private Situation habe ich wohl andere Ansprüche an meine Arbeit. Viele Menschen haben deutlich unbequemere Jobs: richtig üble Arbeitszeiten, körperlich harte Arbeit, schlechte Bezahlung, monotone Arbeit, direkten Kontakt zu wirklich unangenehmen Vorgesetzten oder schlechteres Betriebsklima. Wie schaffen es diese Menschen, das Tag für Tag auf sich zu nehmen? Ganz einfach: Sie kommen abends nach Hause zu ihren Partnern, zu ihrer Familie, zu ihren Freunden. Die wissen, wofür sie das machen.
Wenn ich mal wieder bei Kollegen meinem Ärger Luft gemacht hatte, hörte ich oft, dass es ja nicht so schlimm sein kann – ich würde ja seit Jahren meckern aber trotzdem bleiben. Aber es gibt ja noch andere Gründe als berufliche, die es einem unmöglich machen, die Firma zu wechseln. Nur behalte ich die lieber für mich: Ich kenne mich in unserer Software recht gut aus, wenn auch nicht mehr so sehr wie noch vor einigen Jahren, denn durch fehlende Schulungen bin ich nicht mehr so ganz auf dem aktuellen Stand. In anderen Bereichen habe ich zum Teil weniger Kenntnisse als unsere Azubis im 3. Lehrjahr. Ich kann nur staunen, mit welchem Selbstbewusstsein die an Aufgaben herangehen, die ich mir nicht mehr zutrauen würde. Ich habe halt Technischer Zeichner statt Schreiner gelernt, war hin und wieder arbeitslos (ohne diese Zeit wirklich genutzt zu haben – z.B. für eigenverantwortliche Fortbildung, denn da fehlte mir meistens das Geld) oder habe in der Planung statt in der Konstruktion gearbeitet, und selbst in der Technikerschule habe ich kaum etwas dazugelernt, was ich jetzt in der Praxis anwenden könnte.
Als ich hier anfing habe ich mir vorgenommen, mich erst mal darum zu kümmern, dass ich meinen Tätigkeitsbereich in den Griff kriege. Erst danach wollte ich mich um meine Weiterentwicklung kümmern und auch Dinge angehen, die nicht direkt zu meiner Arbeit gehören. Doch irgendwie habe ich das immer weiter vor mir hergeschoben. Vielleicht war es auch ein wenig Naivität, die mich daran hinderte, aktiver zu werden, Anschluss zu halten und weiter dazuzulernen, oder war es meine zunehmende Antriebslosigkeit, mein steigendes Desinteresse an vielen Dingen und meine abnehmende Auffassungsgabe? Denn Ich traue mir viele Dinge gar nicht mehr zu, deshalb versuche ich es erst gar nicht. Noch machen meine Routine im Zeichnen und meine Software-Kenntnisse meine anderen Defizite wett, aber in anderen Firmen fiele dieser Vorteil wahrscheinlich weg.
Vor ca. 5 Jahren hatte ich das Angebot, bei einer Konkurrenzfirma anzufangen. Aber ich war mir nicht sicher, ob dort alles, was mir bei der jetzigen Firma nicht gefällt, besser ist. Ich traute mich ganz einfach nicht. Tausche gemütliche Wohnung, ein vertrautes Umfeld, lösbare Arbeitsaufgaben und überwiegend nette Kollegen gegen die Ungewissheit, ob all das bei der nächsten Firma auch nur annähernd so ist. Dieser Deal hörte sich nicht lohnenswert genug an. Ich wollte nie Karriere machen. Ich verdiene mit dem Beruf meinen Lebensunterhalt, und weil man viel Zeit im Job verbringt, sollte er auch möglichst interessant sein und etwas Spaß machen. Ich hatte den Ehrgeiz, meinen Job gut zu machen, aber ich habe keinen beruflichen Ehrgeiz im Sinne von „die Karriereleiter erklimmen“. Ich will eigentlich nichts anderes machen als ich jetzt mache. Vom Tätigkeitsbereich passt das grundsätzlich schon. In der Qualität der Arbeit gibt es nach oben hin noch einigen Spielraum, aber leider wohl nicht in der aktuellen Firma. Ich brauche nicht mehr Verantwortung, will kein Firmenauto, keinen Projekt-techniker-Titel. Das alles würde mich nicht glücklicher machen. Am Ende des (wahrscheinlich noch längeren und viel stressigeren) Tages würde ich trotzdem in eine leere Wohnung kommen. Es ist aber durchaus möglich, dass mir mein mangelnder Ehrgeiz in dieser Sache irgendwann negativ ausgelegt wird. Manch ein Personalleiter mag sich fragen, warum jemand mit über 40 Jahren noch immer einfacher Technischer Zeichner ist. Und ob ich mich in einer anderen Firma noch einmal so beweisen kann; ob ich in einer anderen Firma den (evtl. höheren bzw. anderen) Anforderungen noch gewachsen wäre, ist mehr als fraglich. Und wer sagt, dass die Umstände woanders besser sind?
Ach ja, natürlich habe ich meinen Chef in den Jahren mehrfach und mehr als deutlich auf gewisse Schwachstellen und Verbesserungsmöglichkeiten hingewiesen – ohne Erfolg. Obwohl einige Kollegen meine Sichtweisen teilen, scheine nur ich ein größeres Problem damit zu haben. Deshalb versuche ich gerade, meine Ansprüche an die Arbeit herunterzuschrauben und eine gesündere, realistischere Einstellung zur Arbeit zu finden.
Wie ist das bei Euch? Was sind Eure Ansprüche an die Arbeit? Was ist Euch dabei wichtig? Sehr Ihr einen Sinn darin, der über das reine Geldverdienen hinausgeht? Macht sie Euch Spaß? Könnt Ihr Euch (zumindest teilweise) selbst verwirklichen? Habt Ihr eine Perspektive oder habt Ihr gar etwas Angst um Euren Arbeitsplatz? Wirkt sich das AB-Tum und seine Folgen auf Eure Arbeit aus?