Zum Verlieben braucht es für mich einerseits Attraktivität und andererseits Identifikation.
Attraktivität bedeutet, ich muss sie sympathisch finden, nett, interessant und natürlich auch irgendwie sexy. Mir kommt es vor, die meisten bisherigen Beiträge beziehen sich eigentlich nur auf die Frage, wieso man jemanden attraktiv findet, und nicht, wieso man sich in jemanden verliebt. Attraktiv finde ich viele Frauen, verliebt bin ich nur selten.
Der Unterschied besteht für mich in der Identifikation: Ich muss mich selbst in ihr wiedererkennen. Damit meine ich aber nicht gemeinsame Hobbys oder Interessen und ich meine auch nicht ähnliche Erfahrungen. Ich meine den Charakter, wie er am ehesten in beiläufigen Belanglosigkeiten zum Ausdruck kommt. Darin, wie man spricht, wie man andere Menschen behandelt, wie (un-)gesellig man ist, usw.
Ich versuche mal, Beispiele zu geben:
Beim ersten Date mit meiner Ex waren wir zum Bouldern verabredet. Wir haben uns natürlich unterhalten, aber wir haben auch Sport gemacht. Dabei fand ich sofort super, wie konzentriert und ernsthaft sie sich einem Boulder gewidmet hat: ehrgeizig einerseits, aber ohne jede Selbstdarstellung. Kurz: Ich identifiziere mich, wenn ich erkenne, dass sie das, was sie tut, auch ernst nimmt (weil ich das auch tue).
Meine Ex hatte eine Tendenz, Sprichwörter falsch zu sagen, ohne es zu merken. Das war natürlich einerseits irgendwie süß und witzig, aber für mich auch ein Moment der Identifikation: Für mich war das ein Ausdruck dessen, dass sie irgendwie auch nicht so ganz integriert ist in diese Gesellschaft und dass ihr die üblichen Gepflogenheiten auch oft irgendwie fremd sind.
Überhaupt: Ihr Nonkonformismus. Und darunter verstehe ich nicht die Zugehörigkeit zu einer Subkultur – ich finde, es gibt keinen größeren Konformismus als den innerhalb von Subkulturen (die sich ja oft für unangepasst halten). Ich meine ihre Gleichgültigkeit gegenüber der allgemein üblichen Selbstdarstellung. Erstes Date nochmal: In der Boulderhalle laufen alle rum mit ihren Funktionsklamotten, Kletterhosen und Shirts irgendwelcher Outdoor-Marken. Ich stehe da mit meiner ausgebeulten Trainingshose und einem zerfledderten Baumwoll T-Shirt – und sie auch.
Es ist eine Verkettung solcher Kleinigkeiten, wegen denen ich mich spontan hingezogen fühle – oder eben auch nicht. Vermutlich ist es deshalb so wichtig, authentisch zu sein: Wie soll man schrullige Gemeinsamkeiten entdecken, wenn jeder immer versucht, maximal angepasst den vermeintlichen Erwartungen zu entsprechen? Vielleicht fällt es mir deshalb im Laufe der Zeit auch immer schwerer, mich zu verlieben: Die Menschen werden einfach immer stromlinienförmiger und angepasster im Laufe ihres Lebens – ich selber leider auch.
Sorry für den Roman
