TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19
Ich wäre leicht in Versuchung geführt, das aufs Mobbing in der gymnasialen Unterstufe zu schieben – das heißt, mehr noch auf mein Unvermögen, irgendetwas dagegen zu tun, und darauf,
daß mir absolut niemand dabei zur Seite stand. Aber wenn, dann ist das nur ein kleiner Teil des Ganzen.
Hast du denn dazu jemandem überhaupt einen Grund bzw. eine Chance gegeben? S.u., Stichwort "Walkman".
Einen Grund wofür bzw. eine Chance wozu?
Zwölfjährige stellen sich nicht auf die Seite von Mobbingopfern. Schon gar nicht, wenn das Mobbing auch Gewalt umfaßt. Erst recht nicht, wenn der Ersteindruck, den der Gemobbte hinterläßt, der ist, daß Mobbing der einzige sinnvolle Weg ist, mit ihm umzugehen.
Wir reden hier ja nicht von zwei, drei Leuten von 24, die mich gemobbt haben – sondern von genügend, daß ich den Eindruck hatte, die komplette Klasse hätte sich gegen mich verschworen. Ich konnte zeitweise
niemandem mehr trauen.
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19
Man könnte sagen, in der Mittelstufe entwickelte ich ein „Selbstbewußtsein“ im Wortsinne: Ich wurde mir meiner selbst zunehmend bewußt. Und damit vor allem all derjenigen Attribute, die entweder gemeinhin oder zumindest in meinem sozialen Umfeld eher weniger positiv bewertet werden, um es vorsichtig auszudrücken.
Nimm mal an, du hast zwei Optionen:
1) Du bekommst die Erkenntnis, dass du damals falsch lagst, musst es allen sagen, aber erfährst eine massive Veränderung zum positiven in deinem Leben.
2) Du bekommst die Erkenntnis, dass du damals falsch lagst, kannst aber allen sagen, das du recht hattest und niemals wird dich jemand widerlegen können. An deinem Leben ändert sich nichts.
Welche Option wählst du? Sei ehrlich!
Die dritte Option: Ich lag nicht falsch. Jedenfalls nicht bezüglich meiner Eigenschaften.
Heutzutage wäre ich allenfalls bereit, es zu akzeptieren, wenn mich jemand so toleriert hätte, wie ich war. Gemocht – gut, die Leute mögen manchmal die seltsamsten Dinge.
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19Zwingend mußte ich ja auch dem Vergleich mit meinen Klassenkameraden standhalten.
Musstest du nicht, konntest du nicht und solltest du nicht. Nie!
Doch, mußte ich durchaus.
Rein im Sozialen haben meine anderen Klassenkameraden sehr viel besser zueinander gepaßt als ich zu irgendeinem oder irgendeiner von ihnen.
Warum hätten sie sich mit mir abgeben können, wenn es reihenweise nettere, sympathischere, weniger abstoßende und sehr viel kompatiblere Leute um sie herum gab?
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19
Da kam viel zusammen. Viele mehr oder weniger offensichtliche körperliche und optische Defizite
Haben wir die nicht alle, gerade in diesem Alter und männlich?
Nicht in dem Umfang. Das kannst du mir glauben, nicht in dem Umfang.
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19
bis hin zu meinem Kleidungsstil, der nicht der „Norm“ entsprach, von dem ich aber auch nicht wollte, daß er der „Norm“ entspricht. Generell Anderssein in vielerlei Hinsicht. Soziale Mängel bis hin zum Nichtvorhandensein von Freunden in irgendeiner Form. Mediale Vorlieben, die ich auch mit niemandem in der Klasse auch nur annähernd teilte –
Hast du denn versucht, andere für deine Vorlieben zu begeistern? Gerade bei medialen Inhalten funktioniert das oft sehr gut.
Oft. Aber nicht immer. Und bei mir schon mal erst recht nicht. Denn ich habe von dem, was die Leute in meinem Umfeld gehört haben, ziemlich genau das diameterale Gegenteil gehört, quasi die Antithese dazu.
Näher kann ich es dir nicht erklären, ohne meinen damaligen und teilweise heute noch gültigen Musikgeschmack an einem Ort im Forum offenzulegen, an dem Google mitliest. Wenn ich das täte, hätte es das AB4 noch leichter, mich zu doxxen.
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Was war dir wichtiger an deinem Kleidungsstil? Bequem, praktisch und gut aussehend? Oder war die Priorität, dass es anders sein musste, als das was andere anhaben? D.h. die anderen Eigenschaften waren zweitrangig?
Das, was ich als Provinzbewohner 90 km von der nächsten Großstadt entfernt als „gut aussehend“ mit Tendenz zu „elegant“ erachtete. Aus praktischen Gründen fand das Ende der 80er, Anfang der 90er nur zu besonderen Anlässen Anwendung – ab ca. Mitte der 90er Jahre dann ständig und zu besonderen Anlässen in etwas verschärfter Form.
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19
und in diesem Alter neigt man leicht dazu, jemanden anhand dessen Musikgeschmacks zu verurteilen.
Thema Walkman, s.u. Hast du denn überhaupt jemandem die Chance gegeben, deinen Musikgeschmack zu entdecken? Oder überhaupt den Musikgeschmack von anderen zu erfahren.
Fiktives Szenario:
Fünf Klassenkameraden hören heimlich eine total unbekannte Band, die aber richtig gut Musik macht. Sie trauen sich aber nicht, das zuzugeben, sondern geben an, die total angesagteste Band überhaupt zu hören. Und weil sie sich einander nicht sagen, was sie wirklich hören, finden sie auch nicht heraus, dass sie das gleiche hören. Ideale Strategie dafür: Eiskalten Blick aufsetzen, die Stimme leicht genervt, aber hauptsächlich desinteressiert, um ja nicht wie lebendiger Mensch zu wirken, der Freude empfinden kann: „Kennst du nicht, und wenn, würdest du es eh nicht mögen.“
Ich finde, das ist ein interessantes Szenario, über das man nachdenken kann.
Ich wußte ja, was die anderen so an Musik hörten. Und das war
meilenweit von dem entfernt, was ich hörte.
Ich hatte nur zwischen den beiden Ehrenrunden eine Schulkameradin, die zufällig denselben Lieblingsmusiker hatte wie ich. Aber selbst in der Klasse/in dem Jahrgang hörte man sonst auch nur weit davon entfernte Sachen.
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19
Ich war damals Walkman-Nutzer, hörte also gern und viel Musik über Kopf- oder Ohrhörer, allerdings nie mit einer solchen Lautstärke, daß sie nach außen hörbar war. Auch darin unterschied mich mich von so ziemlich allen anderen.
Und das fandest du an dir besser, schlechter oder einfach nur anders?
Anders. Von mir selbst auf mich selbst bezogen wertungsfrei. Andere hätten es aber eher als schlechter bewertet,
weil es anders war. „Eigentlich“ hört man doch Musik über Kopf- bzw. Ohrhörer so laut wie noch irgendwie erträglich. Als wäre ich zu dumm, einen Walkman „richtig“ zu benutzen.
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19
Zu meiner Standardantwort auf die Frage, was ich denn hörte, wurde:
„Kennst du nicht, und wenn, würdest du es eh nicht mögen.“ Es war einfach zu sehr anders als das, was mein Umfeld hörte, und stand dem sogar entgegen.
Wie hättest du es empfunden, hätte dir jemand so eine Antwort gegeben?
„So eine Antwort“ auf
welche Frage?
Was der- oder diejenige hört?
Die Frage ist kompletter Nonsens, denn niemals hätte ich irgendjemanden so etwas gefragt. Es hat mich ganz einfach nicht interessiert, auch weil die Wahrscheinlichkeit, daß dabei eine Gemeinsamkeit zu Tage gekommen wäre, verschwindend gering war. Nicht nur – es interessierte mich
wirklich nicht –, aber auch.
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19
Kurzum: Ich fand immer mehr an mir, was auf meine Mitmenschen abstoßend wirken
könnte, entweder unmittelbar oder nach näherem Kennenlernen. Gleichzeitig fand ich aber kaum etwas, was das Abstoßende wieder hätte ausgleichen können, geschweige denn genügend davon. Und was ich fand, war zumeist wiederum so sehr Geschmackssache, daß die eigentlich erhoffte Wirkung auch ins Negative umschlagen konnte.
Entschiedst du also schon proaktiv für andere? Nicht nur, was anziehend und abstoßend an dir ist, sondern auch, dass nur das Anziehende Geschmacksache sein kann, nicht aber das Abstoßende?
Du weißt nicht, was auf der Liste meiner Eigenschaften stand. Nahezu alle der letztlich fast 190 negativen Eigenschaften waren alles andere als Geschmackssache. Die weniger als 20 positiven Eigenschaften hatten dagegen, wenn ich es recht in Erinnerung habe, alle eine „Kehrseite der Medaille“.
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19
Gegenteilige Äußerungen gab es, aber sie waren höchst selten und durchweg schwammige Allgemeinplätze. Oder mir wurde gesagt, ich sollte mich nicht so aussondern – aber nicht, weil das nicht gut für mich sei, sondern weil es die anderen störte. Der Tenor ging allerdings in Richtung: „Setz’ dich irgendwo dazu,
aber bitte nicht zu mir!“ Nur wenn alle so eingestellt sind bzw. niemand sich gegenteilig äußert, dann ist es am besten, sich zu niemandem zu setzen und weiter Abstand zu halten.
Bist du dir über das Prinzip von Ursache und Wirkung gewahr? Was war zuerst da? Henne oder Ei?
Und das hat hiermit
was genau zu tun?
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19
Es gab auch Leute, die partout nicht verstanden, warum ich mich verhielt, wie ich mich verhielt.
Warum sollte man das verstehen, wenn man nicht mal versteht, warum man sich selbst so verhält, wie man es tut?
Ich wußte ganz genau, warum ich mich verhielt, wie ich mich verhielt.
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
War denn deine Erwartung, dass andere dich verstehen, ohne dass du sie über die Umstände aufklären musstest?
Ja. Denn meine negativen Eigenschaften steckten ja nicht alle im Verborgenen. Viele davon waren offensichtlich. Einige von denen, die nicht unmittelbar offenkundig waren, erfuhren die anderen früher oder später indirekt auch.
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19
Das war ausschließlich in meinem zweiten und dritten Jahrgang. Weil ich es irgendwann leid war, es zu erläutern, schrieb ich meine tendentiell negativen Seiten auf, um sie denjenigen Personen vorlegen zu können. Bis zum Ende meiner Schulzeit wuchs die Liste auf über 180 Punkte an. Niemand hat auch nur zu einem einzigen Punkt auf der Liste gesagt, daß er auf mich nicht zutrifft oder daß er überhaupt nicht negativ oder gar eigentlich etwas Positives ist.
Vielleicht, weil man es total merkwürdig fand, dass jemand sowas tut? Vielleicht weil man jemandem, der solche Listen führt, besser nicht widersprechen möchte, sofern man sich keine zusätzlichen Probleme einhandeln will?
Vielleicht auch, weil man schon nach einem dreisekündigen Blick auf die Liste feststellte, daß man lügen müßte, um die Punkte darauf zu widerlegen, sich das aber nicht traute?
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Le Chiffre Zéro hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 14:19
Noch dazu war die Mittelstufe die Zeit, in der eine Klassenkameradin immer mehr zu meinem Super-OdB wurde. Das machte eigentlich alles noch schlimmer. Zunächst einmal wußte ich nicht, wie ich einen Schritt in ihre Richtung hätte tun sollen. Außerdem
spielte sie etliche Ligen über mir –
meines Erachtens sogar noch einige Ligen über dem Durchschnitt.
Ich habe sie nicht einmal auf ein Podest gestellt, denn da stand sie sowieso schon. Und ein paar Jahre später kam ihre Schwester als Vize-Super-OdB dazu.
Und dir fällt das beim Schreiben wirklich nicht auf?
TheHoff hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:28
Eine Frage habe ich noch - wieder zwei Optionen:
1) Du triffst so einige Menschen, die total viele Dinge und Interessen mit dir teilen, dabei sogar zwei oder drei, die dir gespenstisch ähnlich sind. Und bist ab sofort nie mehr einsam.
2) Absolut niemand ist dir auch im geringsten ähnlich, du bist also ein absolutes Unikat und so individuell wie es sonst keiner ist. Aber du bleibst für immer einsam.
Welche Option ist dir lieber?
Am ehesten noch Option 1, aber auch die ist weit davon entfernt, perfekt zu sein.
Hoppala hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:56
"Normal" wäre meines Erachtens und meiner Kenntnis nach, dann einzelne dieser Aspekte abstellen
zu wollen, sowie insbesondere eigene, sozial positiv akzeptierte Eigenschaften/Kompetenzen stärker ins Spiel zu bringen.
Hätte ich eine hinreichende Untermenge dieser Aspekte abstellen wollten, dann hätte ich bereit sein müssen zu a) teils aufwendiger plastischer Chirurgie, b) dem bedenkenlosen Konsum von Suchtmitteln (zu meinen negativen Eigenschaften gehörte auch, daß ich absolut keinen Alkohol trank, und sogar, daß ich nicht rauchte) und c) der kompletten Aufgabe all dessen, was meine Persönlichkeit ausmachte (meine negativen Eigenschaften umfaßten beispielsweise auch meinen Musikgeschmack).
„Normal“ wäre auch, sportlich genug zu sein, daß man im Sportunterricht immer mindestens eine Zwei und bei den Bundesjugendspielen mindestens die 5000 Punkte für eine Siegerurkunde hatte. Ich hingegen kam nie auf einen höheren Wert als 112 Punkte und bekam von einem Amtsarzt (!) ein Attest zur Befreiung vom Schulsportunterricht, weil meine Sportnote jedes Jahr meine Versetzung gefährdete.
Hätte ich dopen sollen, um das abzustellen?
Hoppala hat geschrieben: ↑10 Sep 2023 22:56
Gegenteilige Äußerungen gab es, aber sie waren höchst selten und durchweg schwammige Allgemeinplätze. Oder mir wurde gesagt, ich sollte mich nicht so aussondern – aber nicht, weil das nicht gut für mich sei, sondern weil es die anderen störte. Der Tenor ging allerdings in Richtung: „Setz’ dich irgendwo dazu, aber bitte nicht zu mir!“ Nur wenn alle so eingestellt sind bzw. niemand sich gegenteilig äußert, dann ist es am besten, sich zu niemandem zu setzen und weiter Abstand zu halten.
"Normal" wäre, an die "gegenteiligen Äußerungen" stärker anzuknüpfen. "Normal" wäre, dem Wunsch nach "Nicht-Aussondern" versuchen so gut es geht nachzukommen - ganz egal, welche Motivation du dahinter vermutest. Denn erst das "dabei sein" gäbe dir die Chance, wenigsten mit einigen deiner speziellen Eigenarten sozial akzeptiert zu werden, es wäre ein Startpunkt. "Normal" wäre, Widerstand zu zeigen und sich "erst Recht" zu jemand zu setzen: "Ihr wolltet es so, ich nehm euch beim Wort"
Wenn das „normal“ sein soll, dann ist es folglich „normal“, ein arrogantes, rücksichtsloses Arschloch zu sein, das die Befindlichkeiten seiner Mitmenschen aus Vorsatz mit den Füßen tritt.
Damit wäre ich bestimmt richtig toll bei meinem Mitschülern angekommen.
(Wer Sarkasmus findet, darf ihn behalten.)