Zeit Online sucht ja hier gerade Frauen (nicht Männer) ohne Beziehungs/ sexuellen Erfahrung für eine Reportage. Heute haben Sie einen Artikel zu Incels veröffentlicht.
Ich muss dem Artikel zugute halten, das er angenehm differenziert versucht das Thema anzugehen. Und trotzdem bleibt für mich ein schaler Beigeschmack: schwarzer Hintergrund und weiße Schrift - was assoziert das? Und trotz aller Bemühungen wirkt der Text insgesamt doch so auf mich, als würde man über eine fremde Spezies sprechen - nicht wirklich mit Ihnen, sondern über sie. Auch wenn der Einstieg etwas anderes suggeriert. Zudem fehlt mir die Definition von Incel - hier scheint mir alles wieder zu einem Brei verkocht zu sein.
Oder irre ich mich da? Was haltet Ihr von dem Text?
https://archive.ph/KW50N
Zeit Online Artikel über Incels
ERSTER BEITRAG DES THEMAS
-
Vogel
- Keiner schreibt schneller
- Beiträge: 2352
- Registriert: 21 Feb 2020 20:16
- Geschlecht: männlich
- AB-Status: Hardcore AB
ERSTER BEITRAG DES THEMAS
-
Kolinatan
- Beiträge: 2976
- Registriert: 01 Mai 2023 08:56
- Geschlecht: männlich
- AB-Status: AB Vergangenheit
- Ich bin ...: unfassbar.
- Wohnort: Nähe Würzburg
Re: Zeit Online Artikel über Incels
Aus meiner Sicht ist es eine Hommage an den Begriff der Black Pill. Ebenso sehe ich es als Stilmittel, um die Düsterkeit, welche in vielen der beschriebenen Vorstellungen mitschwingt, dazustellen.
Ich kann zum Teil nachvollziehen, was Du meinst, habe diesen Eindruck allerdings nicht in dieser Form. Für mich ist es weder das eine noch das andere. Der Autor schildert seine Beobachtungen und Erlebnisse mit Incels und zusätzlich schildert er auch etwas von seiner Innenwelt, allerdings nicht über das Thema, sondern Überlegungen, was in seinem Leben anders verlaufen ist, weshalb er kein Incel wurde, obwohl es vielleicht Potenzial dafür gegeben hätte. Aufgrund dieser Mischung, auch wenn eine Distanz verbleibt, ist es für mich kein "Schreiben über Incel" sondern ein Schreiben über die Erlebnisse mit Menschen, welche sich selbst zum Teil oder auch ganz als Incel einordnen.
Gerade der Verzicht "den" Incel zu definieren und stattdessen nur die Wortherkunft kurz in einem Satz zu erklären, vermeidet - aus meiner Sicht - gerade, dass der Begriff zu einer Identität bzw. einem Stereotyp vermengt wird. Gerade die Vielfalt der betroffenen Personen aufzuzeigen, gelingt dem Artikel dadurch um so besser. Ein Versuch den Begriff über die Wortbedeutung hinaus zu definieren, hätte dem Artikel geschadet, weil er die differenzierte Betrachtung unterlaufen hätte.
Ich finde den Artikel respektvoll und achtsam geschrieben. Es hat mich emotional berührt und ich finde es angenehm über Incels zu lesen, ohne einen moralischen Zeigefinger und zugleich eine klare Distanz zu den Erzählungen innerhalb der Black Pill zu wahren, ohne dabei zu verharmlosen oder zu beschönigen. Ich bin vom Artikel positiv überrascht.
-
Levyn
- Begeisterter Schreiberling
- Beiträge: 1206
- Registriert: 15 Jul 2023 14:18
- Geschlecht: männlich
- AB-Status: AB
- Ich bin ...: nur an Frauen interessiert.
Re: Zeit Online Artikel über Incels
Ich finde, dass der schwarze Hintergrund und die weiße Schrift sehr passend zum Artikel wirkten. Für mich untermalt es die Traurigkeit, in der sich Incels befinden. Auch den Titel finde ich gut gewählt und unterstreicht die Hoffnungslosigkeit, die Incels erleben, so dass ein Wettbewerb daraus geworden ist, wem es in der Community noch schlechter geht.
Im Prinzip ist es für die meisten auch eine andere Spezies - nicht weil sie biologisch andere Menschen sind, sondern weil ihre Gedankengänge für die meisten Menschen, inklusive dem Autor, schwer verständlich ist. So wie der Autor ja selbst andeutet, hätte er mit seiner eigenen Biografie das Potenzial gehabt ein Incel zu sein, aber das stand trotzdem nie zur Debatte.
Insgesamt gefällt mir der Artikel - vor allem weil er nicht reißerisch und moralisierend geschrieben ist, sondern einfach nur die Beobachtungen und die Positionen herausstellen will. Er lädt dazu ein zu verstehen wie Incels ticken und wie sie sich selbst in dem Rabbit Hole gefangen nehmen.
Auch die Einordnung des Wissenschaftlers fand ich richtig und wichtig, weil er aufzeigt wie traurig die Gedankenwelt der Incels ist und all die Negativität vor allem existiert, weil sie sich selbst am meisten hassen. Es wird z.B. dargestellt, dass Incels menschliche Beziehungen auf Daten, Statistiken runterbrechen und wissenschaftliche Artikel suchen, um sich ihre eigene Weltanschauung zu bestätigen.
Erhellend fand ich auch die Passage, in der es darum ging, dass Incels vor allem den Reality Check (so würde ich es beschreiben) meiden um sich selbst vor einer Enttäuschung zu schützen. Da wird dann lieber über die Spezies Frau gesprochen als mit ihnen.
Das ist natürlich nicht unbedingt etwas Incel-spezifisches, aber erlebe ich auch in meinem privaten Umfeld und auch hier im Forum, dass viel öfter ÜBER Frauen gesprochen wird als MIT ihnen. Damit will ich nicht sagen, dass die betroffenen Männer noch nie mit einer Frau gesprochen hätten - es geht viel mehr darum, dass die erlebten Misserfolge oder erlebten Missachtungen durch Frauen in ihnen solche negativen Gefühle hervorgerufen haben, dass sie die potenzielle, romantische Erfahrung niedriger gewichten als mit dem Schmerz einer Ablehnung umzugehen. Im Artikel wird das von dem selbst ernannten Incel mit einer Siegertreppchen-Analogie dargestellt, bei dem er lieber auf dem 3. Platz bleibt als enttäuscht auf dem 2. Platz zu sein, weil er den Wettkampf um Gold verloren hat.