mein letzter Beitrag hat die Frage aufgeworfen, wie viel Autonomie man eigentlich in einer Beziehung abgibt. Um es gleich wieder zu betonen: Ich habe kein Patentrezept, sondern berichte einfach aus meiner Erfahrung, die ich beim Übergang vom AB zum Beziehungsalltag gesammelt habe. Dieser Prozess wird bei jedem anders ablaufen, weil jeder ein anderes Empfinden dafür hat, was sich richtig anfühlt, wenn aus zwei Individuen ein gemeinsames „Wir“ wird.
Wie viel „Ich“ bleibt im „Wir“?
Ich finde es grundsätzlich wichtig, dass man sich selbst nicht vergisst und nicht zu allem Ja und Amen sagt.
Wir sehen uns bei den wesentlichen Dingen des Lebens als Einheit, weil wir uns entschieden haben, diese gemeinsam anzugehen: Hochzeit, Familienplanung, finanzielle Vorsorge usw. Wir möchten uns auch vor dem Gesetz das Versprechen geben, füreinander da zu sein. Darauf haben wir uns relativ schnell verständigt, weil wir uns bei den grundsätzlichen Dingen von Anfang an einig waren.
Das bedeutet für mich aber nicht, dass wir alles gemeinsam machen müssen.
Eigene Interessen, Freunde und Zeit für sich
Ich mache weiterhin meinen Sport und meine Verlobte ebenfalls. Ich schaue hin und wieder meine Filme und Serien, sie schaut gerne Social Media. Neulich hat sie mich sogar aus unserer Wohnung „verjagt“, weil sie mit ihrer Freundin in Ruhe Zeit verbringen wollte.
Das ist für mich überhaupt kein Problem. Ich habe die Zeit einfach für mich genutzt.
Auch bei Familientreffen muss nicht immer der Partner dabei sein. Ich war beispielsweise schon alleine bei meiner Familie, weil sie keine Lust hatte oder sich nicht danach fühlte, mit meiner Großfamilie zusammenzutreffen. Das kann ich verstehen – selbst für mich kann das manchmal anstrengend sein.
Gemeinsame und eigene Entscheidungen
Das ist für mich ein tägliches Abwägen.
Kleinere Entscheidungen, beispielsweise beim Einkauf, trifft jeder für sich. Bei größeren Dingen haben wir uns dagegen bewusst entschieden, diese gemeinsam anzugehen.
Unsere Finanzen sind dafür ein gutes Beispiel. Dort haben wir bewusst einen Teil unserer Autonomie aufgegeben und entschieden, Dinge gemeinsam zu regeln, weil für uns das gemeinsame Wohl wichtiger ist als das Interesse des Einzelnen.
Beim Beruf sieht es beispielsweise anders aus. Ich werde demnächst möglicherweise über einen Jobwechsel nachdenken müssen, weil die Entfernung zu meinem Arbeitsplatz zunehmend relevant wird. Was ich am Ende mache, ist aber meine Entscheidung. Sie unterstützt mich dabei, ohne diese Entscheidung für mich zu treffen.
Autonomie oder Egoismus?
Wo fängt Egoismus an und wo gebe ich sinnvollerweise Autonomie ab? Für mich ist das eigentlich der Kern des Ganzen.
Eine gewisse Rücksichtnahme gehört für mich zu einer Partnerschaft dazu, auch bei den kleinen Dingen des Alltags.
Gestern Abend kam meine Verlobte beispielsweise nach einem langen Tag nach Hause und hatte noch nichts gegessen. Breche ich mir einen Zacken aus der Krone, wenn ich ihr etwas zu essen mache? Bin ich deshalb weniger autonom? Ich denke nicht.
Gefährlich wird es meiner Meinung nach eher dann, wenn die Beziehung zum einzigen Lebensinhalt wird und man alles andere dafür aufgibt. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass wir uns in diese Richtung entwickeln.
Das Gegenstück wäre für mich allerdings auch keine erstrebenswerte Lösung: Zwei Menschen, die eigentlich nur nebeneinanderher leben wie in einer WG mit gewissen Vorzügen. Das halte ich weder für besonders romantisch noch für realistisch.
Letztlich muss jeder für sich selbst herausfinden:
* Wie viel Nähe brauche ich?
* Wie viel Freiraum brauche ich?
* Worauf möchte ich auch in einer Beziehung nicht verzichten?
* Welche Dinge möchte ich bewusst gemeinsam entscheiden?
Ich lebe inzwischen in einer Beziehung und habe trotzdem nicht das Gefühl, mich selbst zu verlieren. Ich habe nach wie vor meine Freiheiten, habe mich aber bewusst dafür entschieden, nicht mehr alles alleine angehen zu müssen.
Wo liegt für euch die richtige Balance zwischen „Ich“ und „Wir“?