Hierzu zwei Gedanken.
Die Formalisierung deiner Bewertung durch eine Skale scheint mir doch sehr stark darauf abzuzielen, einen eigentlich subjektiven Eindruck in eine Art objektive Messgröße umzuwandeln. Dadurch schaffst Du aber eine riesige Distanz zwischen dir und der anderen Person! Aus deinem subjektiven Erleben, dass Du die Frau, die dir da gerade begegnet ist, aufregend und attraktiv und anziehend findest, wird eine Zahl auf einer Skala. Dadurch verschwindet aber nicht nur die Frau als facettenreicher Mensch, der aus mehr als seinem Äußeren besteht, damit verschwindest auch Du selbst! Gerade war es noch eine Begegnung zweier Individuen, jetzt ist es eine Messung. Aus etwas persönlichem wird etwas anonymes. Das gibt vielleicht Sicherheit, aber es schafft eben auch Distanz. Und natürlich sagst Du (hoffentlich) nicht zu der Frau "Hey, ich finde dich eine 9,3". Aber ich bin überzeugt davon, dass alleine der Gedanke schon etwas mit dir macht. Die Subjektivität ist ja genau der Witz: Es kommt nicht darauf an, dass die Frau objektiv toll IST, es kommt darauf an, dass DU sie so SIEHST. Denn wenn alle sie genau gleich sehen, wozu braucht sie dann dich?
Und eng hiermit verwandt: Die Bewertung ist ja letztlich ein Vergleich. Indem Du das Aussehen deiner Bekanntschaften auf eine Skale bringst, entsteht eine Rangfolge. Eine Frau ist jetzt nicht mehr einfach nur attraktiv aus sich selbst heraus, sondern sie ist attraktiver als die einen und weniger attraktiv als die anderen. Aber diese Art von Vergleich ist der ultimative Killer jeder Art von Romatik und Liebe! Ich will doch keine Partnerin, die mich auswählt, weil ich einen Wettbewerb gewonnen habe. Weil ich mehr Punkte auf irgendeiner Skala hole. Weil ich in irgendeinem Vergleich gut abgeschnitten habe. Ich will doch eine Partnerin, die mich gar nicht vergleichen muss mit anderen. Eine, die mich, genau mich, meint. Für die ich gewissermaßen unvergleichlich bin. Und ich glaube, den meisten Menschen geht es so. Und den Frauen geht es ganz genauso: Wenn sie merkt, Du willst sie deshalb, weil sie gerade einen (Schönheits-)Wettbewerb gewonnen hat, dann wird sie das (zurecht) misstrauisch machen. Denn den Wettbewerb, den man heute gewinnt, den kann man morgen schon verlieren. Oder wie die Philosophin Isolde Charim sagt: Der Erfolg ist immer prekär. Der ist ja immer bedroht. Der kann ja morgen schon wieder weg sein. Das ist doch keine Basis für eine dauerhafte Beziehung. Und deshalb glaube ich, dass das eine schädliche Betrachtungsweise ist. Dass es eine Sicht auf die Welt ist, die dir beim Versuch, eine Beziehung zu finden, sehr stark im Weg steht.