Zuya Hiyaye hat geschrieben: ↑14.07.2025, 18:30
Auf der anderen Seite frage ich mich, woran zum Teufel man das erkennen kann – und warum selbst Ausbilder wie im obigen Beispiel es nicht erkannt haben.
Sie haben es doch erkannt und dich sogar direkt danach gefragt. Nur du hast es ja verneint, weil du keinen reinen Wein einschenken wolltest. Was sollen sie also tun?
Weißt du ich arbeite als Altenpflegerin mit hochaltrigen Menschen. Viele von denen haben sich im Laufe ihres Lebens Verhaltensweisen angewöhnt, die man als selbstschädigend bezeichnen könnte. Aufgrund ihres Alters und ihrer kognitiven Einschränkungen ist es aber leider nicht mehr möglich, sie umzuerziehen. Daher bleibt uns nur die rigorose Akzeptanz.
Genau so haben deine Ausbilder auch gehandelt. Sie haben dein "Problem" möglicherweise sogar sehr deutlich erkannt, wollten dich aber nicht bloßstellen und es war schlicht nicht ihre Aufgabe und auch nicht ihre Intention, dich zu therapieren.
Inzwischen bist du in einem Alter, in dem das auch nicht mehr so einfach möglich ist. Zu stabil sind die Verbindungen deiner Synapsen inzwischen und deine Verhaltensweisen, die du im Laufe der Zeit entwickelt hast. Warum also nicht einfach übergehen in eine gewisse Selbstakzeptanz und Selbstliebe?
Ich glaub, ich hab an anderer Stelle mal davon berichtet, dass ich u.a. eine über 100-jährige Dame pflege, die nie verpartnert war. In ganz jungen Jahren hatte sie zwar mal einen Freund, der aber fiel im 2. Weltkrieg und danach blieb sie allein. Sie hatte aber einen guten Beruf, konnte ihr Leben selbst finanzieren, worauf sie mit Recht sehr stolz ist. Und sie lernte, ihre Freizeit allein sinnvoll zu füllen. U.a. fuhr sie regelmäßig mit einer Wandergruppe in den Urlaub. Letztens erzählte sie mir aber, dass sie eigentlich die schönsten Erlebnisse hatte, wenn sie völlig allein auf Wanderschaft ging. Ihre Verbindung mit der Natur war in solchen Momenten am stärksten und die Erinnerung daran erfüllt sie bis heute.
Weißt du, nicht jedem Menschen ist es gegeben, in Gesellschaft zu leben. Manche genießen einfach ihr Dasein am intensivsten, wenn sie allein sind. Ich kann das gut verstehen, denn ein bisschen ticke ich auch so. Ich brauche zwar hin und wieder den Austausch mit anderen Menschen und es tut mir gut, z.B. einen Nachmittag mit einer Freundin zu verquatschen oder mit meinem Mann einen Abend auf dem Sofa zu verbringen. Am wohlsten fühle ich mich aber völlig allein mit mir, z.B. am Seeufer eines naheliegenden Badesees. Nur auf die Balance muss ich achten. Zu viel Gesellschaft laugt mich aus, da ich ein Mensch bin, der lieber gibt als zu nehmen. Zu viel Alleinsein macht mich mürbe, weil mich dann meine eigenen Gedanken echt fertig machen.
Wo aber dieser Balancepunkt liegt, ist doch bei jedem Menschen unterschiedlich. Vielleicht bist du einfach jemand, der mehr Alleinsein vertragen kann, als andere. Ich denke, das Hauptproblem ist bei vielen, dass sie sich zu viel vergleichen und sich stressen mit gesellschaftlichen Normen, die nicht zu ihnen passen. Du bist ein inzwischen 66 jähriger AB, wenn ich das richtig in deinem Profil lese. Ja und? Du bist aber doch ein hoch intelligenter, sehr stark reflektierender Mensch mit einem grandiosen Humor. Außerdem bist du offensichtlich beratend bzw. therapeutisch unterwegs, hast also sehr vielen Menschen geholfen, mit ihrem Leben klar zu kommen. Warum zur Hölle, kannst du also nicht endlich anerkennen, dass auch du mit deinem Leben eigentlich ganz zufrieden sein kannst. Du lebst doch eigentlich genau so, wie es dir entspricht, oder?
Denkst du wirklich, dass du glücklicher wärst, wenn du Frau, Kinder, Haus, Hund und Hamster hättest? Oder würde dir das alles nicht eventuell sogar deine Luft zum Atmen nehmen? Klar ist es schön, ab und zu jemanden an der Seite zu haben. Ich z.B. liebe meinen Mann und meinen Sohn sehr. Aber manchmal gehen die mir auch einfach voll auf die Nüsse. Und gelegentlich in meinem Leben hatte ich den starken Drang, einfach mal abzuhauen. Mindestens 6 Wochen allein mit mir und meinen Büchern auf einer Hallig ist z.B. ein Lebenstraum, den ich mir irgendwann erfüllen werde. Du lebst diesen Traum. Klar hat das Schattenseiten aber die hatte mein Leben auch. Das kann ich dir flüstern.